Themenüberblick

„Truvada-Huren“ vs. Angst

Die US-Gesundheitsbehörden in den USA empfehlen Hunderttausenden betroffenen US-Amerikanern die Einnahme einer Tablette, um sich vor Aids zu schützen. Wenn das Gros der Betroffenen der Empfehlung folge, könne das die Aids-Prävention in den USA auf völlig neue Beine stellen - vom Schutz mit Kondomen hin zur Einnahme eines antiretroviralen Medikaments, so die „New York Times“ („NYT“).

Statt derzeit rund 10.000 Menschen würden künftig dann 500.000 täglich das Medikament Truvada einnehmen. Die jährlichen Kosten für die Tablette belaufen sich auf 13.000 Dollar (9.500 Euro). Laut „NYT“ übernehmen derzeit bereits die meisten Versicherer in den USA die Kosten.

Die Richtlinie, die am Mittwoch veröffentlicht wurde, empfiehlt Ärzten, bei homosexuellen Männern, die beim Sex nicht verhüten, die „PrEP“ genannte Therapie in Erwägung zu ziehen. Weitere Zielgruppen sind demnach Heterosexuelle mit Hochrisikopartnern wie Drogenabhängigen und bisexuellen Männer, die ungeschützt Geschlechtsverkehr haben; Patienten, die regelmäßig mit einer HIV-infizierten Person Sex haben; und jeder, der sich Drogen injiziert.

Trotz Aufklärung viele Infektionen

Hintergrund ist, dass die Zahl der Infektionen trotz jahrzehntelanger Aufklärung und der Empfehlung, beim Sex Kondome zu verwenden, seit einem Jahrzehnt praktisch unverändert hoch ist: Rund 50.000 Menschen jährlich infizieren sich mit dem HI-Virus. Besonders besorgniserregend ist, dass der Gebrauch von Kondomen rückläufig ist - mit der neuen Empfehlung versucht das zuständige Center for Disease Control and Prevention (CDC) gegenzusteuern. Laut „NYT“ hatte eine im November vorgestellte Studie gezeigt, dass die Zahl der Homosexuellen, die angeben, ungeschützt Sex zu haben, von 2005 bis 2011 um 20 Prozent gestiegen ist.

„Das ist wunderbar“

Befürworter der Medikamententherapie waren nach der Entscheidung begeistert. „Das ist wunderbar“, sagte Damon Jacobs, ein Therapeut, der HIV-negativ ist und das Medikament seit 2011 einnimmt. „Wenn eine Institution wie das CDC eine offizielle Empfehlung abgibt, macht das einen großen Unterschied bei Ärzten, die selbst unentschlossen sind“, so Jacobs. Jonathan Mermin vom CDC erwartet, dass die neue Empfehlung zahlreiche Leben retten wird. „Im Schnitt dauert es ein Jahrzehnt, bis wissenschaftliche Durchbrüche angewandt werden“, so Mermin. „Wir hoffen, dass wir dieses Zeitfenster verkürzen können und damit helfen, dass mehr Menschen überleben.“

„NYT“: Relativ sicher

Obwohl theoretisch viele antiretrovirale Medikamente für eine solche präventive Therapie verwendet werden könnten, ist Truvada die einzige Tablette, die von der US-Lebensmittel- und -Medikamentenbehörde zugelassen ist. Truvada gilt laut „NYT“ als relativ sicher mit wenigen Nebenwirkungen. Es kann Kopfschmerzen und Magenbeschwerden verursachen und zu Gewichtsverlust führen. Seltene, aber schwere Nebenwirkungen sind demnach Leber- und Nierenschäden. Generika des Medikaments werden in Indien erzeugt und werden in armen Ländern zur Aids-Behandlung eingesetzt.

Risiken werden in Kauf genommen

Offiziell empfiehlt die CDC die Medikamententherapie nur gemeinsam mit Kondomen. Aber laut „NYT“ ist den Gesundheitsbehörden bewusst, dass nicht wenige aufhören werden, Kondome zu verwenden. Das erhöht die Ansteckungsgefahr anderer Krankheiten wie Syphilis und Tripper. Das CDC ist aber überzeugt, das die Vorteile die Nachteile überwiegen.

Eine Studie mit homosexuellen Männern habe gezeigt, dass jene Teilnehmer, die das Medikament täglich einnahmen, zu 99 Prozent geschützt waren. Empfohlen wird, dass all jene, die die Prophylaxe-Therapie machen, sich alle drei Monate auf HIV testen lassen. In einer Umfrage unter auf Aids spezialisierten Medizinern, befürworteten drei Viertel die Therapie, aber nicht einmal jeder zehnte von ihnen hatte sie verordnet. Befürworter hoffen, dass die CDC-Empfehlung hilft, den vorhandenen Widerstand bei Ärzten zu überwinden.

Heftige Debatte

Der Truvada-Hersteller Gilead hat das Medikament bisher nie als Propyhlaxemittel beworben, sondern nur zur Behandlung von Aids. Der Grund ist simpel: Das Unternehmen will nicht in die Kontroverse pro und kontra medikamentöse Therapie hineingezogen werden. Der Chef der Aids Healthcare Foundation, Michael Weinstein, bezeichnete Truvada als „Partydroge“ und warnte, dass die Anti-Aids-Pille Männer dazu verleiten werde, keine Kondome mehr zu verwenden, und dass damit die Infektionen zunehmen würden. Die Empfehlungen seien „ein beschämendes Kapitel in der Geschichte der CDC“.

Im Netz werden Männer, die sich für die Therapie aussprechen, immer wieder als „Truvada-Huren“ beschimpft. Der Therapeut und Anti-Aids-Pille-Befürworter Jacobs psychologisiert diesen Widerstand: „Die Leute reagieren mit Angst“, so Jacobs. Homosexuelle, die vor 30 Jahren die Aids-Prävention via Kondom akzeptierten und „das Trauma vor 30 Jahren überlebt haben, leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Und Menschen wollen keine Veränderungen.“

Links: