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Mehr Arbeit, weniger Vollzeitbeschäftigung

Viel wird über Gleichberechtigung und die gerechte Aufteilung von Beruf, Haushalt und Kindern zwischen den Partnern diskutiert. Auch die Politik versucht hier etwa mit Modellen wie der Väterkarenz in diese Richtung zu steuern. Die Realität sieht aber anders aus.

Zwar kehren tatsächlich mehr Frauen nach der Karenz auf den Arbeitsmarkt zurück als noch vor 20 Jahren. Doch von Gleichberechtigung ist keine Rede. Wie aktuelle Untersuchungen des Instituts für Soziologie an der Universität Wien zeigen, ist selbst in Wien der Anteil der Haushalte mit „klassischem Familienmodell“ - der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau geringfügig oder Teilzeit - zwischen 1995 und 2013 von elf auf 25 Prozent gestiegen.

Immerhin ging auch der Anteil der nicht erwerbstätigen Mütter im selben Zeitraum fast um die Hälfte zurück. Diese wechselten vor allem in Teilzeitbeschäftigungen. Haushalte, in denen die Frau Vollzeit arbeitet und der Mann die Teilzeitvariante übernimmt, bewegen sich auf einem Niveau von zwei Prozent. „Österreich hat hier einen Sonderstatus und ragt im europäischen Vergleich heraus“, analysiert Roland Verwiebe, Vorstand am Institut für Soziologie der Universität Wien, Ergebnisse aus mehreren Untersuchungen.

Im Schnitt weniger als 30 Stunden

In Deutschland und anderen Ländern wie Frankreich und sogar im konservativ-katholisch geprägten Spanien weise der Trend Richtung Doppelverdienermodell - beide Partner arbeiten Vollzeit - weiter nach oben. „In Österreich ist diese Tendenz eher fallend“, so Verwiebe gegenüber ORF.at. Auch wenn es um die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau eine politische Auseinandersetzung gebe, spiegle sich das in Österreichs Haushalten weniger wider, als man erwarten würde, analysiert der Soziologe.

Teilzeit sei nicht nur in Österreich auf dem Vormarsch, konstatiert auch Arbeitsmarktexpertin Ulrike Famira-Mühlberger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) im ORF.at-Interview. Auch in Skandinavien gebe es hohe Teilzeitraten von Frauen - aber mit einem Schnitt von mindestens 30 bis 35 Stunden und mit einem Recht auf einen Kinderbetreuungsplatz. In Österreich liege die Stundenanzahl bei Teilzeit im Schnitt bei weniger als 30 Stunden pro Woche.

Mehrheit wählt längste Betreuungsgeldvariante

Als mögliche Erklärungsmuster für die Entwicklung in Österreich nennt Verwiebe einerseits das Angebot der Kinderbetreuung, andererseits die gesellschaftliche Akzeptanz. Auch wenn gerade in Wien von politischer Seite viel in die Kinderbetreuung investiert werde, gebe es Nachholbedarf. Besonders auf dem Land sei die Versorgung mit Betreuungsplätzen, die eine Erwerbstätigkeit beider Seiten ermöglichen, gering. „Österreich hat im europäischen Kontext mit die geringsten Betreuungsquoten vor allem bei kleinen Kindern. Das verhindert eine volle Erwerbstätigkeit von beiden Eltern.“

Besser sei die Situation bei den Drei- bis Fünfjährigen, allerdings mit großen Unterschieden zwischen den Bundesländern. So werden etwa in der Steiermark 27 Prozent der Kinder ganztägig betreut, in Wien sind es 53 Prozent. Schon mit dem Schulalter beginne in Österreich das Betreuungsproblem von Neuem, so Famira-Mühlberger. Denn auch hier fehle es an hochwertigen Betreuungseinrichtungen: „Kürzere Karenzzeiten wie etwa in Form des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes sind wichtig in Bezug auf die Arbeitsmarktperspektive. Der springende Punkt ist aber die tatsächliche Verfügbarkeit von qualitativ guter Betreuung.“

Die im internationalen Vergleich geringere Betreuung der bis Dreijährigen spiegelt sich auch in der Auswahl der Kinderbetreuungsgeldvariante wider. In Österreich entscheiden sich rund 40 Prozent für die längste Variante von insgesamt 36 Monaten (30+6), die unter den Eltern aufgeteilt werden müssen. Die kürzeste Variante von 14 Monaten (12+2) wählen hingegen knapp fünf Prozent, in der einkommensabhängigen Form etwa 20 Prozent, wie Zahlen des Familienministeriums zeigen.

305 Mio. Euro für Ausbau der Kinderbetreuung

Zwischen 2014 und 2017 will der Bund 305 Mio. Euro für den Ausbau der Kinderbetreuung zur Verfügung stellen - zuvor war vonseiten der Regierung immer von 350 Mio. Euro die Rede. Nach der Bund-Länder-Vereinbarung müssen die Länder diese Mittel kofinanzieren. Aus einigen Ländern kommt Widerstand. Kärnten und Tirol etwa hatten dafür plädiert, die Vereinbarung zu verschieben. Es könne derzeit nicht die „Aufbringung der erforderlichen Kofinanzierungsmittel in allen Bereichen gewährleistet werden“, hieß es etwa aus Kärnten.

Gewerkschaft und Arbeiterkammer kritisierten an dem Entwurf, dass die Betreuungseinrichtungen nur noch 45 Wochen im Jahr geöffnet sein müssen - im bisherigen Vertrag waren 47 Öffnungswochen vorgesehen. Die neue Vereinbarung soll nun bis zum Sommer stehen.

Mehr als Hälfte lehnt arbeitende Mütter ab

Das Betreuungsangebot ist ausbaufähig, doch offen bleibt, wie stark zusätzliche Angebote angenommen würden. „Österreich ist Spitzenreiter bei der kollektiven Ablehnung und ausgeprägtem Skeptizismus, was die Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern betrifft“, betont Verwiebe. „Die Idee, dass Frauen, die kleine Kinder haben, erwerbstätig und sogar Vollzeit tätig sind, wird von einer Mehrheit der Österreicher abgelehnt.“

Rund 60 Prozent sind der Meinung, dass ein Vorschulkind leidet, wenn die Mutter arbeitet. In Frankreich sind das 30 Prozent, in Spanien 43 Prozent, in Deutschland 47 Prozent, zeigen Untersuchungen von Verwiebe und der Soziologin Caroline Berghammer. Die Ablehnung arbeitender Mütter gehe aber international zurück.

Gleiche Betreuung kaum umgesetzt

So groß die internationalen Unterschiede bei der Erwerbstätigkeit von Frauen auch sind, die von Verwiebe als Doppelversorgermodell bezeichnete gleiche Aufteilung der Kinderbetreuung wird in einem Vergleich von Österreich mit Spanien, Frankreich, Deutschland und Großbritannien nur von im Schnitt 17 Prozent der Familien mit zwei Vollzeit tätigen Eltern umgesetzt - mit geringen Unterschieden unter den untersuchten Ländern.

Auch voll berufstätige Mütter investieren laut der internationalen Vergleichsstudie mehr Zeit in Haushalt und Kinderbetreuung als ihre Partner. Die gesamte Arbeitslast sei somit höher. Eine Tatsache, die laut der Untersuchung der Soziologen auch mit erklären kann, warum sich das Modell von zwei Vollverdienern in einer Familie noch nicht stärker durchgesetzt hat.

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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