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20-Stunden-Schichten, Folter, Mord

„Ich habe geglaubt, dass ich sterben muss. Sie haben mich angekettet gehalten, sie haben sich nicht um mich gekümmert oder mir Essen gegeben. Sie haben uns wie Tiere verkauft, aber wir sind keine Tiere. Wir sind menschliche Wesen.“ Mit diesen Worten zitiert der britische „Guardian“ den Kambodschaner Vuthy - einen von Tausenden Sklaven im thailändischen Milliardengeschäft mit Garnelen.

Thailand ist neben China der weltgrößte Exporteur von Zuchtgarnelen. Jährlich 500.000 Tonnen werden exportiert. Dass Thailands Fischereigewerbe mit einem Exportwert von weit über fünf Milliarden Euro zu einem Gutteil auf Menschenhandel und Sklaverei fußt, wurde schon bisher gemutmaßt. Der „Guardian“ verfolgte nun aber in einer sechsmonatigen Recherche die Spur von der gefrorenen Supermarktgarnele zurück bis zu Sklavenschiffen in internationalen asiatischen Gewässern.

310 Euro für ein Menschenleben

Offenbar sind es meist gutgläubige Arbeitsmigranten aus noch ärmeren Ländern wie Kambodscha und Burma, die auf den Sklavenschiffen enden. Sie fangen wahllos Meerestiere, die zu Fischmehl verarbeitet werden, das wiederum an Zuchtgarnelen verfüttert wird. Die Zustände auf diesen Schiffen spotten jeder Beschreibung. Die Schiffskapitäne kaufen und verkaufen ihre Sklaven demnach um umgerechnet unter 310 Euro. Meist beginnt damit für sie eine jahrelange Zeit des Leidens.

Shrimp-Fabrik in Thailand

Reuters/Chaiwat Subprasom

Shrimp-Verarbeitung in einer Fabrik bei Bangkok

Das Leben der Männer besteht demnach aus 20-stündigen Schichten, erzwungener Drogeneinnahme zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, Folter und Mord. Einer von ihnen berichtete gegenüber der Zeitung, er habe einmal die Hinrichtung von gleich 20 Schicksalsgenossen auf einmal erlebt. Einer von ihnen sei, zur Abschreckung für den Rest, an Händen und Füßen an die Hecks von vier Booten gebunden und bei lebendigem Leib zerrissen worden.

„Wollen nicht verteidigen, was da passiert“

Die Schiffe beliefern laut der Recherche vor allem den internationalen Nahrungsmittelmulti CP Foods („Kitchen of the World"/"Küche der Welt“), der über seine Deutschland-Niederlassung auch Österreich betreut. CP Foods wiederum hat eine Quasi-Monopolstellung im Hinblick auf die Belieferung von Garnelenzüchtern mit Futter, so es nicht ohnehin um jährlich 50.000 Tonnen Garnelen aus eigener Zucht geht, die an alle großen Handelsketten ausgeliefert werden - von Wal-Mart über Carrefour und Tesco bis zu Aldi.

Der Nahrungsmittelkonzern erklärte gegenüber der Zeitung, man wolle „nicht verteidigen, was da passiert. Wir wissen, dass es da ein Thema mit dem Rohmaterial gibt, das hereinkommt, aber wir haben einfach keinen Überblick über das Ausmaß.“ Andere haben den Überblick: Die Internationale Organisation für Migration (IOM) widmete dem Menschenhandel im thailändischen Fischereiwesen schon 2011 einen umfassenden Bericht. Aus diesem ging klar hervor, dass die Aufteilung des Problems auf internationale Gewässer und Zehntausende auf eigene Faust operierende Schiffe das Wegschauen nur allzu leicht macht.

In Gesellschaft von Nordkorea und dem Iran

Die Aufdeckerreportage des „Guardian“ dürfte nun aber für gröbere Erschütterungen gesorgt haben. Noch im Juni wird der jährliche US-Bericht zum Menschenhandel (Trafficking in Persons, TiP) erwartet. Darin stand Thailand schon bisher unter Beobachtung. Die nunmehrige Reportage über Sklaverei im Welthandel mit Garnelen dürfte nun jedoch laut Angaben aus Washington zur Abstufung Thailands an das unterste Ende aller 188 beobachteten Länder führen, gemeinsam mit dem Iran und Nordkorea.

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