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Keine Propaganda

Penisse, wohin das Auge blickt, Transgender-Künstler, Aktionismus, Fotos von Besoffenen: Gleich schräg hinter dem Kreml hat das Österreichische Kulturforum eine Ausstellung mit dem Titel „Die pure Lust am Leben“ eröffnet.

Der Österreichische Kulturattachee in Moskau, Simon Mraz, ist ein ausgesucht höflicher Mann. Er sei sich bewusst, dass er in Russland zu Gast sei. Er halte sich als Diplomat an die Gesetze. Gesetze, die er allerdings nicht mögen muss. Es ist eine gehörige Portion Augenzwinkern dabei, wenn Mraz im Gespräch mit ORF.at sagt, die Ausstellung sei ohne jeden Hintergedanken und ganz unschuldig geplant worden, noch dazu, wo die Moskauer Vernissage gleichzeitig mit der gemeinsamen Pressekonferenz von Bundespräsident Heinz Fischer und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Wien stattfand.

In Russland ist nun bereits seit Jahren ein Paragraph in Kraft, der die „Propaganda“ für Homosexualität verbietet und seit neuestem ein weiterer gegen das Fluchen im kulturellen Kontext. Kultur ist Politik im Russland Putins. Die despektierlichen Äußerungen von offizieller Seite über das Antreten von Conchita Wurst beim Song Contest klingen noch nach. Die Kirche, Putins treue Verbündete, und ein konservatives Wahlvolk wollen bedient werden.

Ausstellungsansicht zeigt Arbeit von Eva und Adele, im Hintergrund der Kreml

Alan Vouba

Videoinstallation von Eva & Adele auf dem Fensterbrett, im Hintergrund der Kreml

Die schönen Dinge des Lebens

Das sagt Mraz, ganz Diplomat, natürlich nicht so. Probleme gebe es genug in und um Russland. Da sei es doch ganz einfach wunderschön, so Mraz mit einem auch über das Telefon hörbaren Schmunzeln, wenn man sich von einer diplomatischen Position aus mit den schönen Dingen, mit der Liebe und dem Leben beschäftige. Das könne doch kein heißes Eisen sein - und wenn doch: Zwei Topflappen liegen für den Herrn Kulturattachee bereit.

Die Topflappen hat er von Eva & Adele bekommen, einem deutschen Künstlerpaar, das mit seiner Transgender-Inszenierung seit Jahrzehnten für mehr Toleranz eintritt. Eigentlich hätten die beiden nach Moskau kommen sollen, aber Mraz wollte ihnen keine Pöbeleien zumuten. Er könne für ihre Unversehrtheit nicht garantieren, wenn sie in voller Montur über den Roten Platz gingen. Jetzt sind Eva & Adele mit ihren Topflappen und einem Video vertreten.

Zeichnung von Gelitin

Gelitin

Erigierte Hochhäuser von Gelitin

Erigierte Hochhäuser

Propaganda für Homosexualität verbreite er nicht, so Mraz. Er nehme sich nur in seiner Wohnung, mit Blick auf den Kreml, die Freiheit zu zeigen, was er will: neben Werken von Eva & Adele eine Schau von Künstlern aus Österreich und Russland - zusammengestellt in Kooperation mit dem Moskauer Museum für Zeitgenössische Kunst. Alle Bilder, Skulpturen und Videos sind entweder in Russland oder direkt für die Ausstellung entstanden. Den Kreml mit kritischer Kunst zu konfrontieren hat in Mraz’ Wohnung bereits Tradition: „Facing Kremlin“ zeigte 2011 dissidente Positionen, eine Schau weißrussischer Kunstschaffender rückte 2012 den Fokus auf die Diktatur von Alexander Lukaschenko.

Diesmal sind aus Österreich unter anderen auch Gelitin vertreten. Sie zeigen eine Zeichnung, in der Hochhäuser zu Penissen mutiert sind, zu aufgerichteten Penissen wohlgemerkt, aus denen Lendensaft quillt. Das repräsentiere die pure Lust am Leben in einer aufstrebenden Metropole wie Moskau, meint Mraz. Gelitin würden sich über das Aufwärtsstreben der russischen Wirtschaft eben freuen - und ihrer Freude künstlerisch Ausdruck verleihen.

Kunst „ab 18“

Die Künstlerin Sveta Shuvaeva wiederum zeigt ein gemaltes Muster. Nur mit bösem Willen, so Mraz, könne man in diesem Muster etwas vermeintlich Unanständiges erkennen, vielleicht sogar kopulierende Männer. Sonst malt Shuvaeva Schürzen und Kleider, auf denen Schimpfwörter hübsch arrangiert werden - aber die sind ja jetzt verboten. Mraz hat zur Sicherheit jedenfalls ein Schild an seiner Wohnungstüre angebracht: „Eintritt ab 18“. Die Kinderscharen, die sicherlich gerne kommen würden, müssten draußen im Stiegenhaus bleiben. Was er in seiner Wohnung mache, gehe im Prinzip niemanden etwas an - Aufregung sei also nicht angebracht.

Ausstellungsansicht zeigt Arbeit von Sveta Shuvaeva

Alan Vouba

Sveta Shuvaeva und ihre Version der puren Lust am Leben - im Schlafzimmer

Ganz unironisch erklärt Mraz, dass es ihm bei der Fragestellung nach „Lust und Liebe“ tatsächlich um mehr als einen politischen Kommentar gegangen sei - der habe sich durch die Arbeiten der Künstler ergeben. Die Lust am Leben mache auch aus, sich selbst definieren zu können, wie man wolle. Bei Künstlern im Transgender-Bereich falle diese Selbstdefinition differenziert aus. Und er wollte zeigen, dass die Russen zwar im Westen oft als irgendwie anders, irgendwie speziell und seltsam dargestellt würden, jedoch zu Unrecht.

Lachen, leben, lieben

In Russland werde genauso gelacht, gelebt und geliebt wie anderswo. Das sieht man auch an der Fotoserie „Moscow Nights“ von Nikita Shokov, dem World-Press-Foto-Gewinner 2014. Er ist eigentlich ein Partyfotograf, den Veranstalter buchen können. Aber nebenbei nimmt er von den zünftigen Feiern der Moskauer auch künstlerische Fotos mit, die quirlige Partyqueens genauso zeigen wie Alkoholleichen - die Bilder könnten auch in Großbritannien aufgenommen worden sein.

Die Grazer Künstlergruppe G.R.A.M. wiederum hat eine berühmte Szene aus „Dr. Schiwago“ nachgestellt, mit Angestellten der Österreichischen Botschaft und auch Botschafterin Margot Klestil-Löffler selbst. Das sieht aus wie bei einem Ball - es verströmt Wiener Lebenslust. All diese Kunstwerke stellt Mraz jedenfalls in den Zimmern seiner Wohnung aus - bis hinein ins Schlafzimmer. Viel alleine sein wird er in den nächsten Tagen nicht. Man kann ihn an Ort und Stelle dabei beobachten, wie er mit der Ausstellung seiner eigenen Art frönt, das Leben lustvoll zu genießen.

Simon Hadler, ORF.at

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