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72-jährig in Wien verstorben

„Kein Ende“ stand auf der letzten Seite seiner zum 70. Geburtstag erschienenen Autobiografie „Ich bin kein Papagei“. Und so war der Burgtheater-Star Gert Voss bis zum Schluss auf der Bühne zu sehen, zuletzt etwa in Matthias Hartmanns „Onkel Wanja“-Inszenierung und in Luc Bondys „Tartuffe“ bei dessen Abschied von den Wiener Festwochen. Wie das Burgtheater bekanntgab, verstarb Voss am Sonntag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren in Wien.

Details zu der Krankheit wollte man in Absprache mit der Familie nicht bekanntgeben. Voss galt als einer der herausragenden Schauspieler seiner Generation, er war Ehrenmitglied des Burgtheaters und Träger zahlreicher Auszeichnungen. In Wien erlebte der herausragende Schauspieler seine Sternstunden und debütierte als „Richard III.“ 1986 an der Burg.

„Virtuoser Charakterdarsteller“

„In den folgenden Jahrzehnten trug Gert Voss diese Krone immer wieder, egal ob er Könige oder Bettler, Shakespeare oder Beckett, Bernhard oder Handke, Tschechow oder Tabori spielte“, würdigte ihn die interimistische Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann in einem ersten Statement. „Der Spieler-Titan war im Theaterolymp angekommen. Mit Gert Voss verliert das Burgtheater einen virtuosen Charakterdarsteller mit phänomenaler Strahlkraft.“

Der Weggefährte, Regisseur und ehemalige Burgtheater-Direktor Claus Peymann reagierte zutiefst betroffen auf den Tod Voss’. „Gert Voss ist ein Teil meines Lebens gewesen. Mit ihm ist der wichtigste Weggefährte meiner Theaterarbeit verschwunden“, erklärte der Intendant des Berliner Ensembles am Montag. „Ich könnte heulen.“ Er sei mit Gert Voss durch alle Wonnen des Theaterglücks und alle Schrecken der Theaterhölle gegangen, so Peymann.

Geboren wurde Gert Voss am 10. Oktober 1941 als Sohn eines deutschen Kaufmanns in Schanghai. 1947 kehrte er mit seinen Eltern nach Hamburg zurück. Nach einem abgebrochenen Studium der Germanistik und Anglistik nahm er in München Schauspielunterricht. Nach einem ersten Engagement am Stadttheater Konstanz wechselte er 1968 an das Staatstheater Braunschweig, nächste Stationen waren das Münchner Residenztheater und das Staatstheater Stuttgart, wo 1974 Peymann Schauspieldirektor wurde.

Gert Voss als "Orgon" und Edith Clever als "Dorine"

APA/Neumayr/mmv

Gert Voss mit Edith Clever 2013 in „Tartuffe“ im Akademietheater

In Stuttgart ereignete sich bei Proben zu Schillers „Die Räuber“ auch jene Episode, die der Autobiografie den Titel gab: Als Peymann Voss bei ihrer ersten gemeinsamen Arbeit eine Szene vorspielte, antwortete dieser: „Ich kann Sie nicht imitieren, Herr Peymann. (...) Ich bin nicht Ihr Papagei!“

Der lautstark eskalierende Streit konnte nur durch geschickte Vermittlung von Schauspieler Martin Schwab wieder kalmiert werden, und Voss begann - unter anderem als Büchners „Woyzeck“, als Kleists Dorfrichter Adam und als Molieres „Tartuffe“ - jenen Weg, der ihn zu einem der am meisten gefeierten Bühnenstars der vergangenen drei Jahrzehnte machte.

Sensationserfolg in „Hermannsschlacht“

1979 wechselte Voss mit Peymann nach Bochum und verbuchte dort 1982 in „Die Hermannsschlacht“ einen sensationellen Erfolg. 1986 brillierte er bei den Salzburger Festspielen als Ludwig in der Komödie „Ritter, Dene, Voss“. 1986 ging er mit Peymann nach Wien und wurde mit seinem charakteristischen Sprechduktus und seinem suggestiven Spiel einer der prägenden Schauspieler des Burgtheaters. Neben Peymann waren Peter Zadek und George Tabori seine bevorzugten Regisseure. Ihr Tod war für ihn ein großer Verlust.

Seit Peymanns Direktionsantritt am Wiener Burgtheater war Voss hauptsächlich in Wien zu sehen - und wurde regelmäßig für seine Schauspielkunst gefeiert: mit „Richard III.“ (1986), als Shylock in Zadeks legendärem „Kaufmann von Venedig“ (1988), „Prospero“ im „Sturm“ (1988), „Othello“ (1990) und als Tschechows „Iwanow“ (1990). Dazu kamen in den vergangenen Jahren die großen Altersrollen wie „Lear“ unter Luc Bondy (2007), „Wallenstein“ unter Thomas Langhoff (2007) und der Mephisto in „Faust“ (2009).

Ausflüge von der Burg führten Voss unter anderem in das Theater an der Josefstadt, wo er unter Luc Bondy die Titelrolle in Ödön von Horvaths „Figaro lässt sich scheiden“ spielte, und 1995 bis 1998 als „Jedermann“ zu den Salzburger Festspielen.

Gert Voss und Maddalena Crippa

APA/Istvan Bajzat

1995 debütierte Gert Voss als Jedermann in Salzburg, eine Rolle, die er in der Inszenierung von Gernot Friedel drei Jahre lang spielte

Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel

Für seinen Trigorin in Bondys Tschechow-Inszenierung „Die Möwe“ am Akademietheater erhielt Voss im Jahr 2000 den erstmals verliehenen „Nestroy“-Preis als bester Schauspieler. Es folgten zahlreiche weitere Nominierungen. Doch auch so waren die Auszeichnungen des seit mehr als 45 Jahren mit der Dramaturgin Ursula Voss Verheirateten (die gemeinsame Tochter Grischka wurde ebenfalls Schauspielerin) kaum überschaubar: Die Kainz-Medaille bekam er für „Richard III“, 1992 wurde ihm der Kortner-Preis verliehen, seit 1998 trug er den Berufstitel Kammerschauspieler, 2009 wurde er Ehrenmitglied des Burgtheaters. Sechsmal wurde er in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt.

Als er einmal mit Harald Schmidt über seine Karriere plauderte, erhielt der dabei von Andre Heller gedrehte Film „Scheitern, scheitern, besser scheitern!“ einen Romy-Fernsehpreis als beste Doku. Herausragend unter seinen erstaunlich wenigen Film- und Fernseharbeiten sind Axel Cortis „Radetzkymarsch“ (1993/94) und Paulus Mankers „Der Kopf des Mohren“ (1992). 2012 war er noch in der Komödie „Zettl“ von Helmut Dietl im Kino zu sehen, zuletzt drehte er unter der Regie von David Schalko an der TV-Serie „Altes Geld“.

Voss hatte sich jüngst auch mehrfach zur Burgtheater-Krise öffentlich geäußert und sich dabei für die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky starkgemacht. Nach der Entlassung Hartmanns wurde er von Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) in die Findungskommission für die künftige Burgtheater-Direktion berufen.

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