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Fertige Teile statt Sonderentwicklung

Ein Kampfjet für nur 20 Millionen Dollar. Bei der Flugmesse im südenglischen Farnborough wurde der leichte Erdkampfjet Scorpion der Firma Textron AirLand erstmals vorgestellt. Der Jet wurde nicht wie sonst üblich in Zusammenarbeit mit dem Militär entwickelt, sondern von dem Unternehmen in Eigenregie entwickelt.

Der im Vergleich zu anderen Kampfjets äußerst niedrige Preis - neue Jets anderer Hersteller kosten ein Vielfaches - wurde dadurch möglich, dass die Flugzeugentwickler bereits von anderen Produzenten gefertigte Teile von der Stange verbauen. Die Entwicklung des 13,5 Meter langen Jets von den ersten Skizzen bis zum ersten Flug dauerte nur 23 Monate, wie die BBC auf ihrer Website berichtete.

Der Billig-Kampfjet Scorpion

Textron Airland

Der Scorpion bei einem Probeflug

Manager: Marktnische entdeckt

Hinter dem vermeintlichen Kampfjet-Start-up stehen allerdings keine in der Branche Unbekannten. So ist etwa Whit Peters, der in den 90er Jahren als hochrangiger Air-Force-Mitarbeiter auch in die Entwicklung des US-Tarnkappenbombers F-35 miteinbezogen war, Teil des Unternehmens.

Bereits vor einigen Jahren kam Peters und einigen Kollegen die Idee für einen leichten taktischen Flieger, der preislich zwischen alten Jets und den neuesten Hightechkampffliegern anzusiedeln ist. „Wir waren uns ziemlich sicher, eine Marktlücke entdeckt zu haben“, so Peters zur BBC. „Wir wollten einen Jet mit genug taktischen Eigenschaften, um die Anforderungen der Kunden zufriedenzustellen, aber auch mit geringen laufenden Kosten.“ Und das sei mit dem Scorpion gelungen, so Peters weiter. Laut dem Unternehmen sollen die Betriebskosten bei 3.000 Dollar pro Stunde liegen, bei einer F-16 hingegen bei 18.000 Dollar.

Der Billig-Kampfjet Scorpion

Textron Airland

Ein Prototyp wird unter die Lupe genommen

Bruch mit bisherigen Abläufen

Zuerst stießen Peters und seine Kollegen mit ihrer Firma AirLand und dem neuartigen Konzept bei Flugzeugproduzenten auf taube Ohren. Textron, der US-Gigant hinter den Cessna-Jets und Bell-Helikoptern, ergriff schließlich die Gelegenheit, wie die BBC schreibt. 2012 wurde das jetzige Unternehmen, Textron AirLand Enterprises, aus der Taufe gehoben. „Wir begannen mit nur zehn Leuten“, so Peters.

Für die Flugzeugherstellerbranche völlig ungewöhnlich, startete die Firma ohne bereits einen staatlichen Kunden zu haben, der somit auch die laufenden Kosten für Design, Bau und Tests von Beginn an mitfinanziert hätte. Man verzichtete auch auf die sonst übliche Zusammenarbeit mit den Luftstreitkräften bei der Entwicklung.

Deshalb war die Vorstellung vor Militärdelegationen aus aller Welt in Farnborough für die Kundenakquirierung äußerst wichtig, wie die BBC schreibt. Normalerweise würden Projekte in dieser Größenordnung zuerst nach Regierungsgeldern suchen und bereits im frühen Stadium der Entwicklung einen Designdeal abschließen.

Cessna-Jet als Technologiesteinbruch

Bill Anderson, der Präsident von Textron AirLand, will sich offenbar deshalb nicht gleich in die Karten schauen lassen. Er machte gegenüber der BBC keine Angaben, wie viel bereits in das Projekt investiert wurde. Experten gehen allerdings davon aus, dass es rund 100 Mio. Dollar gekostet hat, einen flugtauglichen Jet auf der Flugzeugmesse in Farnbourough zu präsentieren.

Die Investition sei riskant, aber es sei ein kluges Risiko, so Anderson. Auf dem Markt sei man sehr interessiert. „Wir produzieren die ganze Zeit kommerzielle Produkte. Das war auch hier der Ansatz“, so Anderson zur BBC. Deswegen kommt auch ein großer Teil der Technologie, die sich im Scorpion befindet, von Textrons Prestigeflugzeug Cessna Citation Corporate Jet. Daher sehe man den Scorpion auch als kommerzielles Projekt mit militärischem Potenzial. Die Verwendung vorgefertigter Komponenten von der Stange halte die Kosten niedrig, ohne dass der Scorpion „lowtech“ sei, so Anderson.

Polizei-Cessna

Reuters/Tim Wimborne

Ein Cessna-Jet, dessen Technologie auch für den Scorpion eingesetzt wird

Komponenten aus der zivilen Luftfahrt

In dem zweisitzigen Scorpion sind fortschrittliche Komponenten verbaut, wie sie in der zivilen Luftfahrt verwendet werden, so Anderson. Bestückt werden soll der Jet mit infrarotgesteuerten Luft-Luft-Raketen und Maschinengewehren.

Bei den Einsatzmöglichkeiten gibt man sich universell. Der Scorpion sei für verschiedene Aufgaben ausgelegt, schreibt die „Flug Revue“ auf ihrer Website. Neben Erdkampfaufgaben könne die Maschine als leichter taktischer Jet genauso wie als Trainingsmaschine für Fortgeschrittene, sowie für die Luftraum- und Grenzüberwachung eingesetzt werden. Die Tankkapazität reiche, um bei Überwachungsflügen bis zu fünf Stunden in der Luft zu bleiben, heißt es weiter.

Kauft auch das Pentagon ein?

In die Massenproduktion will man 2016 einsteigen, so sich denn genügend Käufer finden. Das Unternehmen gibt sich jedenfalls zuversichtlich. Anderson sieht ein Marktpotenzial von rund 2.000 Scorpions. Auf mögliche Kunden für den Billigkampfjet hofft man in Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten.

Doch Textron AirLand schielt auch auf das US-Verteidigungsministerium als Großabnehmer und führt gute Gründe an. Das Pentagon, wie auch andere Verteidigungsministerien weltweit, machten in letzter Zeit keinen Hehl daraus, dass die goldenen Zeiten für die Rüstungsunternehmen vorbei und härtere Zeiten angebrochen sind. Die Verteidigungsetats wurden herabgesetzt, sparen ist nun angesagt. Und genau da wolle man mit dem Billigprodukt ansetzen, so Textron AirLand.

Boeing: Interessanter Ansatz

Die Konkurrenz beobachtet das Projekt genau. Es sei eine faszinierende Studie und ein interessanter Ansatz, heißt es etwa von Boeing. Die Überlegungen von Textron ergäben Sinn. Leistungsfähigkeit und geringe Kosten seien in der zivilen wie militärischen Luftfahrt große Themen.

Die Frage sei allerdings, ob der Kunde einen Kampfjet von der Stange wolle oder spezifischere Anforderungen habe, so Damien Lasou, Manager bei einer Luftfahrtberatungsfirma. Die meisten Verteidigungsprogramme seien teuer und verzögerten sich. Textron biete etwas Standardmäßiges und für den Zweck Geeignetes an, so Lasou.

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