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„Wir können nicht alles haben“

Inklusion, Genderthemen, Deutsch als Zweitsprache - gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen müssen heute immer mehr Wissen abseits ihres Unterrichtsfaches mitbringen. Im neuen Lehramtsstudium, das im Oktober an der Universität Wien startet, sollen die Studierenden nun noch mehr pädagogische Kompetenzen erwerben, als es bisher schon der Fall war.

Fachliches Wissen werde zwar weiter eine wichtige Rolle spielen, da Lehrer einfach „eine gewisse wissenschaftliche Kompetenz brauchen“, die pädagogischen Inhalte, etwa über den Umgang mit Schülern mit Migrationshintergrund, sollen aber ausgebaut werden, so der Leiter des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität Wien, Lutz-Helmut Schön, bei der Eröffnung des Zentrums im vergangenen Oktober.

Im neuen Lehramtsstudium können die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen nach wie vor aus insgesamt 26 Unterrichtsfächern zwei auswählen - von Sprachen wie Englisch, Spanisch und BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) über naturwissenschaftliche Fächer wie Mathematik, Physik und Chemie bis zu Geschichte und Geografie. Daneben müssen alle, ganz gleich welche Fächer sie wählen, das Fach „Allgemeine Bildungswissenschaftliche Grundlagen“ belegen.

In vier Jahren zum BEd

Das neue Lehramtsstudium führt in vier Jahren zum Bachelor of Education (BEd). Danach folgt das Studium zum Master of Education. Erstmals müssen alle angehenden Lehramtsstudierenden ein Aufnahmeverfahren bestehen.

ÖH warnt vor „Leeramt“ statt Lehramt

Während die einen etwa die nun fix verankerte Pflichtlehrveranstaltung „Inklusive Pädagogik“ (in der die Grundlagen einer gemeinsamen Schule beispielsweise für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung vermittelt werden), als Meilenstein feiern, fürchten die anderen, dass die fachlichen Inhalte zugunsten der pädagogischen Kompetenzen auf der Strecke bleiben. Das Horrorszenario: Unsouveräne Lehrende, die Schüler und Schülerinnen nicht für ihr Fach begeistern können, weil ihr eigenes Wissen nicht über den Grundstoff hinausreicht.

Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) kritisierte etwa im Juni, dass die fachlich-wissenschaftliche Ausbildung „massiv zusammengekürzt“ werde. So studieren laut ÖH etwa zukünftige Mathematiklehrer nur noch zirka zwei Semester im Bereich „Mathematik“. „Um schneller AbsolventInnen produzieren zu können, wurde die wissenschaftliche Ausbildung auf ein Minimum reduziert“, warnte die ÖH: „Das Lehramt wird zum Leeramt.“

Gegenseitiges Ausspielen „längst überholt“

„Wir können nicht alles haben“, entgegnet Agnieszka Czejkowska, Professorin für LehrerInnenbildung und Schulforschung und Leiterin des Instituts für Pädagogische Professionalisierung der Universität Graz, der Kritik der ÖH. Faktum sei, dass durch das Lehramtsstudium weder Fachwissenschaftler noch Erziehungswissenschaftler ausgebildet werden sollten, „sondern Lehrerinnen und Lehrer, die in einer komplexen und sich ständig verändernden Welt bis zum Jahr 2060 kompetent und souverän Kinder und Jugendliche unterrichten, begleiten und unterstützen sollen“, so Czejkowska im Gespräch mit ORF.at. Zum Lehrberuf gehöre ein wissenschaftlich gesichertes Wissen sowohl im pädagogischen als auch im fachlichen Bereich ebenso wie ein bestimmter berufliche Ethos. Das gegenseitige Ausspielen von Pädagogik und Fachwissen sei längst überholt.

Studienplan hat Platz für beides - aber „zu wenig“

Stefan Krammer, Lehrender am Institut für Germanistik der Uni Wien und Leiter des Fachdidaktischen Zentrums Deutsch, räumt ein, dass es im Vergleich zum alten Lehrplan eine Reduktion des fachwissenschaftlichen Bereiches gibt. Das sei aber durch die klar vorgegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht anders möglich gewesen, so Krammer im Gespräche mit ORF.at. Es sei unbestritten beides wichtig, so Krammer, fundiertes Fachwissen und pädagogische Kompetenz. Ohne pädagogische Kompetenzen nütze die beste fachliche Ausbildung nichts und vice versa, wie auch Studien belegten.

Im neuen Lehramtsstudium sei zwar Platz für beides, so Krammer, allerdings „von beidem zu wenig“. Was das Fachwissen betrifft, so könnten aufgrund der gesetzlichen Richtlinien nur die Grundlagen vermittelt werden. Und auch bei den pädagogischen Kompetenzen, die vom Ministerium stark eingefordert wurden, gebe es aufgrund des gesellschaftlichen Wandels immer noch mehr zu tun: Ein Geografielehrer, der zwar großes Fachwissen, aber keine Ahnung von Inklusionspädagogik oder Deutsch als Zweitsprache habe, sei als Pädagoge ungeeignet.

Positiv sei aber anzumerken, dass das Bachelor-Studium vier Jahre dauere (und nicht wie in anderen Studienrichtungen nur drei), außerdem komme mit dem Master danach noch ein Professionalisierungsschub. Und auch damit soll der Professionalisierungsprozess noch nicht abgeschlossen sein, denn das Studium schaffe lediglich die Basis für den Lehrberuf.

Feuer für das Unterrichtsfach muss brennen

Doch was macht einen guten Lehrer aus? Wirft man einen Blick in einschlägige Internetforen und Facebook-Gruppen, finden sich schnell zahlreiche Antworten auf die Frage, welches Unterrichtsfach - sowohl während des Studiums als auch später im Lehrerberuf - den geringsten Aufwand bedeutet. Liest man diese Diskussionen, scheint es fast, als ob es für viele gar keinen Unterschied macht, ob sie später vielleicht jahrzehntelang so unterschiedliche Fächer wie etwa Musikerziehung und Mathematik unterrichten.

Für Czejkowska steht fest: Es ist unbedingt beides notwendig - die Liebe für das Fach und die Liebe für den Lehrberuf. Krammer kann einerseits nachvollziehen, dass für Studierende bei der Entscheidung für ein Unterrichtsfach auch Aspekte wie diese eine Rolle spielen. Dennoch: „Wenn ich nicht für mein Fach brenne, dann werde ich das Feuer auch nicht an die Schüler und Schülerinnen weitergeben können“, so Krammer. Und auch das Bewusstsein „Ich will Lehrer bzw. Lehrerin werden“ sei wichtig und müsse in der Ausbildung vermittelt werden. Die Studierenden sollten wissen, wie sie sich ihren zukünftigen Alltag als Lehrperson vorstellen könnten.

Trennung zwischen Schulformen wird aufgeweicht

In der neuen Lehrerausbildung sollen die Studierenden sowohl wissenschaftlich als auch pädagogisch für den Lehrberuf vorbereitet werden. Sie erwerben fachwissenschaftliche Kenntnisse, pädagogisches Wissen und eine schulpraktische Ausbildung, wie es in der Broschüre der Uni Wien zur neuen LehrerInnenbildung heißt.

Jeder angehende Lehrende - egal ob er sich an einer Uni oder einer Pädagogischen Hochschule (PH) ausbilden lässt - muss ab dem Wintersemester ein Aufnahmeverfahren bestehen und ein vierjähriges Bachelor-Studium absolvieren. Die bisherige Trennung, nach der Pflichtschullehrer (Volksschule, Neue Mittelschule, Sonderschule) an den PH und Lehrer für allgemeinbildende höhere Schulen (AHS) und berufsbildende mittlere und höhere Schulen (BMHS) an den Unis ausgebildet werden, soll dadurch aufgeweicht werden.

Deutliche Änderungen bringt das vor allem für die derzeit an den PH ausgebildeten Lehrer an Pflichtschulen: Ihre Ausbildungsdauer wird fast verdoppelt. Lehrer an AHS und BMHS mussten bisher ein neunsemestriges Diplomstudium mit dem Magister-Abschluss an Unis absolvieren.

Romana Beer, ORF.at

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