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Onlineaktivismus und seine Grenzen

Fast könnte man glauben, es gibt kaum noch einen Prominenten oder Star, der es nicht gemacht hat: Wenige Internetphänomene haben so die Runde gemacht wie die „Ice Bucket Challenge“. Vor laufender Kamera schüttet man sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf und stellt dann das Video ins Internet. Zudem nominiert man drei Kandidaten, die entweder ebenfalls mitmachen oder 100 Dollar für einen guten Zweck spenden müssen.

Die Aktion soll auf die seltene Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen, an der etwa der Physiker Stephen Hawking erkrankt ist. Und obwohl eine Stiftung zur Bekämpfung der Krankheit mittlerweile Spendengelder in der Höhe von mehr als 15 Millionen Dollar erhalten hat, gibt es auch kritische Stimmen.

Der Ursprung des Hypes

Die Eiskübeldusche grassiert im Web schon länger, allerdings war zunächst frei wählbar, für welchen wohltätigen Zweck die Spende sein sollte. Mitte Juli postete der US-Golfer Chris Kennedy sein Video mit dem ersten Hinweis auf ALS, er wählte die Krankheit, da ein Verwandter daran leidet.

Drei Stationen später wurde Peter Frates erreicht. Bei dem ehemaligen Profi-Baseballspieler wurde die Krankheit 2012 diagnostiziert. Seitdem baute er einen großen virtuellen Freundeskreis mit anderen Erkrankten auf. Am 29. Juli postete er sein Video - und das Phänomen explodierte.

Zuckerberg startet Promireigen

Als schließlich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vergangene Woche die „Challenge“ annahm, wusste die halbe Welt von der Sache - und der Promireigen begann. Vor allem bei Multimillionären wie Zuckerberg und Microsoft-Gründer Bill Gates wurde schnell Kritik laut, etwa auf den Onlineportalen Slate und Valleymag.

Beide könnten einen ganzen Krankenhaustrakt aus der Portokasse bezahlen, hieß es etwa. Und allein die Kosten, die Gates für sein professionell gedrehtes Video aufwendete, hätte man auch sinnvoller nützen können. Freilich: Gates spendete - wie viele andere Promis - dennoch für die Stiftung. Die Selbst-PR ist damit perfekt.

„Bewährtes“ Schneeballsystem

Das Schneeballsystem ist in Sozialen Netzwerken seit Jahren bewährt: Man tut irgendetwas und fordert einige „Freunde“ auf, es nachzumachen. Vor einigen Monaten sorgte etwa NekNomination - auf Deutsch die „Biernominierung“ - für Wirbel. Man filmte sich beim Ex-Trinken eines halben Liters Bier. Kam ein Nominierter der Aufforderung nicht nach, galt es, dem „Forderer“ eine Kiste Bier zu zahlen. Dummerweise mischten sich einige Übereifrige auch härtere Alkoholika in ihren Drink, es gab mehrere Todesfälle.

Sozialer Druck wirkt

Das System für den guten Zweck zu adaptieren ist freilich eine clevere Idee: Auch hier wird mit sozialem Druck gearbeitet, macht man als Nominierter nicht mit, gilt man als Spaßbremse oder hartherziger Mensch - oder beides. Kein Wunder also, dass sich der Trend binnen Tagen rasant verbreitete. Hollywood-Stars machen es, Sänger machen es, Sportler machen es. Und seit ZIB2-Moderator Armin Wolf den Trend aufgegriffen hat, machen es auch Österreichs Promis - mehr dazu in oe3.ORF.at und in oesterreich.ORF.at.

Die Haare in der Suppe

Eine Win-win-Situation, könnte man meinen: Es wird Geld für den guten Zweck gesammelt, Menschen werden für eine Krankheit sensibilisiert, von der sie zuvor zumeist noch nicht gehört haben, und Selbstinszenierer dürfen sich selbst inszenieren. Dennoch gibt es Kritiker.

Die „Ice Bucket Challenge“ demonstriere ganz klar, wo bei Wohltätigkeitsaktionen heute die Probleme liegen, meint William MacAskill, Philosoph an der Uni Oxford: Alles drehe sich um den Spender und nicht um jene, die die Hilfe benötigen. Auch wenn es ein Tabu sei, Hilfsorganisationen zu kritisieren, müsse man sich fragen, wofür Geld gespendet wird, schreibt MacAskill in einem Beitrag auf dem Onlineportal Quartz. Und manche Programme seien einfach effektiver als andere: Mit derselben Summe könnte man etwa für mehr Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg die Malaria bekämpfen, so MacAskill.

Die „gute Tat“ als Freibrief

In einem weiteren Text weist MacAskill auf zwei weitere Probleme hin: Eines der Hauptprobleme von Hilfsorganisationen sei die gegenseitige Kannibalisierung. Was für den einen Zweck gespendet wird, wird für den anderen nicht gespendet. Das Spendenaufkommen generell zu erhöhen gelinge kaum. Und MacAskill verweist auf das psychologische Modell des „Moral Licensing“.

Bei etlichen Studien ist festgestellt worden, dass Menschen nach einer „guten Tat“ eher dazu neigen, nicht mehr sozial oder „gut“ zu handeln, weil sie ihrer Selbstwahrnehmung nach das ja bereits erledigt haben. Und verstärken dürfte sich dieser Trend, wenn die „gute Tat“ noch dazu öffentlich erfolgt ist.

„Slacktivism“ ohne Folgen?

Insofern landet die Debatte auch schnell in der kontroversiell diskutierten Frage, ob Onlineaktivismus überhaupt etwas bewegen kann. Neuere Studien zeichnen dazu ein eher kritisches Bild: Soziologen der University of California in San Diego fanden etwa anhand einer Facebook-Initiative für Dafur heraus, dass User mit ihrem „Like“ zwar schnell sind, tatsächliche Taten wie Spenden gab es aber praktisch keine. Anders gesagt: Der „Slacktivism“, also Aktionismus per Mausklick, verhindert teilweise sogar reale Handlungen.

„Bewusstsein“ alleine reicht nicht

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Studie an der University of British Columbia. Dabei stellte sich heraus, dass die Versuchsteilnehmer eher eine Sache real unterstützen, wenn sie nicht öffentlich - also auch nicht über Social Media - mit der Thematik in Verbindung gekommen sind. Das vielgerühmte Argument, dass mit Internethypes „Bewusstsein geschaffen“ werde, greift also selten: Sollten keine realen Handlungen folgen, passiert rein gar nichts - schon gar nicht, wenn der Einzelne auch gar keine Möglichkeit hat, etwas zu verändern.

Kony und nigerianische Schulmädchen

Das demonstrierten zuletzt auch zwei der größten Social-Web-Kampagnen. 2012 war Kony 2012 in aller Munde: Ein Video zeigte die Machenschaften des ugandischen Rebellenführers und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Joseph Kony. Doch der Anführer der Lord’s Resistance Army treibt noch immer sein Unwesen.

Heuer im Frühjahr durchpflügte der Slogan „Bring Back our Girls“ das Web. Prominente mit traurigem Blick von US-First-Lady Michelle Obama abwärts posierten mit dem Spruch, um auf das Schicksal von mehr als 200 Schulmädchen aufmerksam zu machen, die in Nigeria von der Terrorgruppe Boko Haram verschleppt worden waren. Noch heute fehlt von ihnen jede Spur.

Christian Körber, ORF.at

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