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Das Verschwinden einer Metropole

Ein stillgelegtes, vor sich hin verfallendes Palasthotel auf dem Semmering legt Zeugenschaft ab über das jüdisch geprägte Wiener Gesellschaftsleben vor der NS-Machtergreifung - und über seine Zerstörung. Yvonne Oswald hat Bilder der Leere eingefangen.

In Oswalds Ausstellung im Wiener Museum am Judenplatz, das zum Jüdischen Museum Wien gehört, sind Fotos eines leeren Hotels zu sehen. Mehr brauchte man eigentlich nicht zu sagen, würde gerade diese Ausstellung nicht etwas auf den Punkt bringen: die Abwesenheit. Sie ist ein abstrakter Begriff, den Fotografin Yvonne Oswald mit ihren Bildern greifbar gemacht hat.

Fensterrahmen

Yvonne Oswald

Oft literarisch eingefangen: Der Nebel vor den Fenstern des Hotels

Bei der Ausstellungseröffnung sind sie präsent, die guten Geschichten, sie quellen allerorten hervor - nur in den Fotos nicht. Geschichten über Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Gustav und Alma Mahler samt Franz Werfel, Peter Altenberg, Hermann Bahr und einige mehr aus dem Wien des Fin de Siecle bis in die 30er Jahre hinein, jene, die aus der Stadt gemacht haben, wofür sonst New York und Paris bekannt waren: eine Metropole nicht nur des Wirtschafts-, sondern auch des Geisteslebens, mit all ihrem Wahnsinn, den Beziehungswirren, der Kunst, dem Politisieren und dem Philosophieren, dem kleinlichen Intrigantentum, der großen Geste, der großen Mode und den Exzessen.

Man war unter sich auf dem Berg

Dieses Metropolenleben spiegelte sich, konzentrierte sich auf dem Semmering und dort besonders im Südbahnhotel, wie durch ein Brennglas besehen. Während die Sommerfrischler andernorts ihre Villen und Hotels inmitten von Einheimischen bewohnten, wo sich das Rurale mit dem Urbanen durchmischte, war man auf dem Semmering in den Bergen, umgeben von Wald, ganz und gar unter sich.

Ausstellungshinweis

Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit. Fotografien von Yvonne Oswald. Museum am Judenplatz, Wien. Sonntag bis Donnerstag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr, Freitag von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr.

Thomas Mann siedelte seinen „Zauberberg“ in der Schweiz an. Aber Fotografin Oswald entlehnt den Begriff für den Titel ihrer Schau, die erst komplett wird durch einen Originalwerbefilm für das Hotel aus dem Jahr 1936, ein aktuelles künstlerisches Video Oswalds, durch Fotos aus der Vergangenheit und durch die Texte im Katalog, besonders durch den erhellenden historischen Abriss des scheidenden Direktors des Wien Museum, Wolfgang Kos.

All-inclusive für Luxustouristen

Eröffnet wurde das Südbahnhotel 1882 als Herzstück eines breit angelegten Tourismuskonzepts. Die Bahnbetreiber waren stolz auf die erste Zugstrecke in den Alpen, die Medien über Österreich hinaus voll von technikbegeisterten Berichten. Die Bahn nützte die Publicity und ließ ihre Ingenieure ein Hotel mit 60 Zimmern errichten. Dazu kamen Mietvillen. Später wurde das Haus ausgebaut und die Region als Luftkurgebiet vermarktet.

Franz Werfel, Frau Hauptmann, Otto Zarek, Hans von Hülsen, Hofrat Dr. Lothar, Alma Mahler, Gerhart Hauptmann, Adrienne Gessner, 1932

Foto Gutwinsi

Franz Werfel, Alma Mahler und Gerhard Hauptmann verkehrten im Südbahnhotel

Man kann sich heute, in Zeiten des billigen All-inclusive-Tourismus, nicht mehr vorstellen, was das hieß: Ein Palasthotel, das zu seiner Hochblüte über ein Kino verfügte, über ein Theater, einen Golfplatz, Skipisten, eine Bobbahn, eine Rodelbahn und einen Swimmingpool, ganz zu schweigen von Selbstverständlichkeiten wie einem Ballsaal, diversen Panoramaterrassen, dem Raucher- und dem Damensalon und schließlich einer Garage für (damals sensationelle) 46 Autos. Jeder Mitteleuropäer wollte dorthin.

Buchhinweis:

Yvonne Oswald: Das Südbahnhotel. Am Zauberberg des Wiener Fin de Siecle / the Magic Mountain of Vienna’s Fin de Siecle. Metro Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro.

„Nur die Halle ist für alle“

Aber: „Nur die Halle ist für alle“, wie Schnitzler den Hotelportier Rosenstock in „Das weite Land“ sagen lässt. Fotografin Oswald liebt solche Zitate. Das erste Mal, als sie durch das Hotel gegangen sei, habe sie die Leere und Kälte wahrgenommen, sagt sie gegenüber ORF.at. Dennoch habe sich sofort das Gefühl des Zauberhaften eingestellt, die starke Präsenz der Geschichte. Die Bühne des einstigen Gesellschaftslebens habe sie gesehen, ohne ihre Akteure.

Immer wieder war Oswald in dem Hotel, das mittlerweile einem bayerischen Betreiber von Pflegeheimen gehört und für die Öffentlichkeit gesperrt ist, seit die Festspiele Reichenau nicht mehr dort stattfinden. Oswald füllte die allgegenwärtige Leere mit ihrer Fantasie, und welche Bilder dabei vor ihrem geistigen Auge entstanden sind, war von literarischen Beschreibungen geprägt. Einige Zitate finden sich in der Ausstellung.

Das blaue Kleid im Fenster

Jenes blaue Kleid aus Peter Altenbergs Text „Semmering 1912“ habe sie vor Augen gehabt, sagt Oswald: „Sechs Uhr morgens: Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde.“

Fotografin Yvonne Oswald vor einem ihrer Fotografien

ORF.at/Simon Hadler

Oswald wählt dieses Bild für ein Foto aus: Türen ins Nichts

Oder, aus Zweigs „Brennendes Geheimnis“, jene düstere Stimmung, die mit dem Nebel und der Dunkelheit über die Säle und Zimmer hereinbricht: „Er verzögerte sein Diner, hielt diese Frau eine halbe Stunde fast unablässig mit dem Blick fest, bis er jede Linie ihres Gesichtes nachgezeichnet, an jede Stelle ihres üppigen Körpers unsichtbar gerührt hatte. Draußen fiel drückend das Dunkel nieder, die Wälder seufzten in kindischer Furcht, als jetzt die großen Regenwolken graue Hände nach ihnen reckten, immer finstrer drängten die Schatten ins Zimmer hinein, immer mehr schienen die Menschen hier zusammengepreßt durch das Schweigen.“

Ein Hassobjekt für Deutschtümler

Schnitzler lässt im „Weiten Land“ einen Deutschen klagen: „Es wäre angezeigt, wenn sie draußen vor dem Tore ein Plakat anheften ließen: In diesem Hotel fängt der Mensch erst beim Baron oder beim Bankdirektor oder beim Amerikaner an (...) dieses Eldorado von Snobs, Hochstaplern und Börsenjuden (...).“ Schnitzler fängt damit den Hass ein, den das Südbahnhotel stellvertretend auf sich zog für alles, was die Nationalsozialisten und der sonstige heimische nationalistische Pöbel ablehnten: Weltläufigkeit, Urbanität und Intellektualität.

Kos zitiert in seinem Text noch den deutschnationalen Autor Oskar Janetschek, der in einer Zeitschrift gegen das „parasitäre Talmi-Leben“ jener polemisierte, „die sich heute noch als die Götter des Semmering gehaben und sich einbilden, das schönste Fleckchen Erde sei ein Tummelplatz ihrer Launen und noch ärgerer Eigenschaften“. Die antisemitischen Ressentiments wurden schärfer, so Kos, 1938 stand triumphierend auf Plakaten: „Der Semmering ist judenfrei.“

Dazwischen die Leere

Dieser kurze Textabschnitt im Katalog ist der einzige Hinweis in der Ausstellung darauf, was dazwischen passierte - zwischen dem Wuseln von Familien im Pool, dem Herumstolzieren Reicher und Intellektueller, dem Posieren junger Frauen und Männer im Werbefilm von 1936 und zwischen der weitläufigen Leere auf Oswalds Fotos. Diese erzählerische Lücke sorgt für Entsetzen - und genau auf dieses haben die Fotografin und das Jüdische Museum abgezielt.

Simon Hadler, ORF.at

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