Themenüberblick

„Ausmaß übertrifft unsere Befürchtungen“

Bereits seit Jahren stillgelegt, birgt der geplante Rückbau des deutschen Atomkraftwerks Brunsbüttel „zur grünen Wiese“ weit mehr Hürden als bisher angenommen. Zunehmend Sorgen bereitet dabei der Zustand des im AKW befindlichen Atommüllzwischenlagers, in dem im Rahmen einer laufenden Untersuchung immer mehr stark beschädigte und teils auslaufende Fässer entdeckt wurden.

Obwohl bereits 2012 ein erstes Rostfass auftauchte, wurden bisher erst 251 der insgesamt 631 unter Betondeckeln unterirdisch gelagerten Fässer untersucht. Das Ausmaß der Schäden übersteigt allerdings bereits jetzt „unsere Befürchtungen“, wie der Energieminister des deutschen Bundeslandes Schleswig-Holstein, Robert Habeck, am Donnerstag mitteilte.

Kaverne in Brunsbüttel

APA/EPA/Carsten Rehder

Unter dicken Betondeckeln wurden teils stark verrostete Fässer entdeckt

Konkret ist man den Angaben zufolge mittlerweile bereits auf 55 beschädigte Rostfässer gestoßen, womit rund jeder fünfte aller bisher untersuchten Behälter betroffen ist. Neben rostigen Fässern mit zerstörten Seitenwänden ist man bei der jüngsten Inspektion in Kaverne I auch auf ein stark deformierte Fass gestoßen, dessen Inhalt bereits ausgetreten ist.

Cäsium 137 auf Kavernenboden

Von auslaufenden Fässern wurde zudem bereits vor wenigen Wochen nach der Inspektion der Kaverne II berichtet. Zudem wurde damals auch am Boden der Lagerstätte eine breiige Masse mit dem radioaktiven Stoff Cäsium 137 festgestellt. Die Behörden sprachen zwar von einer „neuen Dimension“ - wegen der meterdicken Betonwände wurde gleichzeitig aber eine Gefahr für die im AKW tätigen Arbeiter wie auch für die Bevölkerung ausgeschlossen. Auch eine Gefahr für das Grundwasser soll nach Ansicht der Landesregierung von Schleswig-Holstein nicht bestehen.

Bei dem aus dem Reaktorbetrieb stammenden Atommüll soll es sich um schwach bis mittelmäßig radioaktive Materialen handeln, wobei in den Kavernen selbst bereits bei der ersten Untersuchung im Februar eine hohe radioaktive Strahlung nachgewiesen wurde. Die von Experten der deutschen Atomaufsicht und Sachverständigen vom TÜV Nord überwachte Untersuchung aller Fässer soll nach Angeben des Norddeutschen Rundfunks (NDR) bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Zügige Bergung gefordert

Habeck forderte unterdessen vom Betreiber, dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall, ein neues Bergungskonzept, um die Fässer „schnellstmöglich“ aus den Lagerstätten zu holen und den Inhalt in endlagerfähige Container umzufüllen. Der bisherige Plan sei nicht mehr verlässlich, da die Deckel einiger Fässer defekt seien und diese nicht mehr von oben anzuheben seien.

Laut Vattenfall-Sprecherin Sandra Kühberger werde bereits mit Absprache der Atomaufsicht an einem neuen Bergungskonzept gearbeitet. Zudem versicherte Kühberger, dass nach dem Inspizieren aller sechs Kavernen bis Anfang 2015 die Rostfässer geborgen, umgefüllt und zunächst in einer Halle des AKW Brunsbüttel aufbewahrt werden sollen - bis ein Transport ins geplante Endlager möglich sei.

Wann das der Fall sein wird, ist derzeit allerdings nach wie vor offen. Der Grund:
Ursprünglich sollten die Atommüll-Fässer bereits seit vielen Jahren im Endlager Schacht Konrad in Niedersachsen aufbewahrt werden. Dieses steht aber immer noch nicht bereit.

Atomkraftwerk Brunsbüttel

Reuters/Morris Mac Matzen

Brunsbüttel wurde bereits 2007 vom Netz genommen

Pannengeplagtes AKW

Das Kernkraft Brunsbüttel wurde 1977 in Betrieb, nach einer Pannenserie aber bereits 2007 wieder vom Netz genommen. Wie insgesamt sieben weitere deutsche Atomkraftwerke verlor Brunsbüttel nach den Katastrophe im japanischen AKW Fukushima die „Genehmigung für den Leistungsbetrieb“. Den bisherigen Plänen zufolge soll ab 2017 mit dem Rückbau der Anlage begonnen werden. Der von Habeck versprochene Rückbau „zu einer grünen Wiese werden“ könnte sich Vattenfall zufolge mit bis zu einer Milliarde Euro zu Buche schlagen.

Links: