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Wahrheitssuche mit Retrocharme

Strippende Elefantendamen, Maschinenäffchen als Gefangenenwärter und jede Menge herumfliegende Herzen: „Willkommen zur ‚Nichts-ist-unmöglich-Show‘“, heißt es im Programmheft zum Berliner Gastspiel der „Zauberflöte“ im Festspielhaus St. Pölten. Und tatsächlich - es scheint alles möglich zu sein in der Welt des britischen Künstlerkollektivs 1927, das gemeinsam mit Barrie Kosky, dem Leiter der Komischen Oper für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. Großes Animationskino trifft da auf große Oper und vereinigt sich zum verblüffenden Gesamtkunstwerk.

Das Team bekennt sich ganz offenherzig zu einer „Zauberflöte“ in der Tradition des Vorstadtvolkstheaters, in dem sie sowohl Bildermacht als auch Witz der Oper inbrünstig unterstreichen. Regieanweisungen aus dem Originallibretto, die selbst für ein technisch höchsten Ansprüchen genügendem Theater heute noch kaum umzusetzen wären - Kosky und 1927, sie bringen all das (und noch mehr) auf die Bühne respektive auf die Leinwand. Denn als solche steht eine portalfüllende Wand knapp hinter der Rampe und begrenzt das Spiel gewissermaßen auf zwei Dimensionen.

Bühnenbild der "Zauberflöte"

Iko Freese

Eine Oper auf zwei Dimensionen reduziert: Die Darsteller interagieren mit dem Animationsfilm, der hinter ihnen abläuft.

Durch ein paar Türen und Podeste in der Wand, auf dem Boden und in der Luft erscheinen die Darsteller wie von Geisterhand in den gezeichneten Universen, mit denen sie interagieren, als wären sie ein Teil davon. Da streichelt Papageno die virtuelle Katze neben sich, da flüchtet Tamino vor der Riesenschlange, da überreichen die drei Damen (Mrs. Schwatz, Madame Klatsch und Frau Tratsch) dem Prinzen eine Zauberflöte, die sich in eine nackte Fee verwandelt und fortan munter durch die Szene flattert.

Das Künstlerkollektiv 1927

Das Kollektiv 1927 um Regisseurin und Storytellerin Suzanne Andrade und Animationskünstler Paul Barritt hat sich vor einigen Jahren aus der Kabarettszene gelöst und auf ein recht eigenwilliges Theaterformat spezialisiert. Die Briten kombinieren Schauspiel mit Animationsfilmen und Livemusik zu revueartigen Produktionen in Retroästhetik. Mit dem Namen 1927 erweisen sie dem ersten Tonfilm Reverenz und damit einer Epoche, die dem Ensemble als Inspirationsquelle dient.

Für Kosky ist die Flöte aber „nicht nur ein Instrument, sie ist die Musik schlechthin, und Musik ist in diesem Fall gleichbedeutend mit Liebe“, wie er im Programmheft erklärt. Dass die Liebesgeschichte, erzählt als Märchen, für ihn auch das zentrale Motiv der Oper ist, ist bei der Dichte an herumfliegenden Herzen unschwer zu erkennen.

Keine Angst vor der Tiefe des Librettos

Den in der Aufführungsgeschichte seit der Uraufführung immanenten Problemstellungen und Doppelbödigkeiten weicht das Team aber trotz Freude an der Liebesgeschichte nicht aus, im Gegenteil - durch die filmische Ebene gewinnt die Inszenierung genügend Raum für ironische Distanz und humoristische Zwischentöne, mit denen sich auch tiefere Ebenen des Librettos ausloten lassen.

Bühnenbild der "Zauberflöte"

Iko Freese

Die Zauberflöte als „die Musik schlechthin“ flattert als Fee über die Leinwandbühne

Selten wird an der Art, wie man die im Grunde ja höchst eigenartigen Prüfungen darstellt, so deutlich klar, wie zweifelhaft die Erziehung Taminos und Paminas zum bürgerlichen Paar von Gnaden Sarastros Altherrengesellschaft eigentlich ist. Denn als solche steht der Arnold Schoenberg Chor im Heiligen Hain hier auch auf der Bühne, ohne Freimaurer-Herumdeutelei, Sekteninterpretation und ägyptische Mythenbeschwörung. Und auch die Frauenfeindlichkeit scheut man sich dabei nicht anzusprechen: Vernunft und Tugend sind in der „Zauberflöte“ männlich angelegt, Klatsch und Tratsch und Gedankenlosigkeit finden in den Köpfen der Frauen statt.

Sprechblasen statt Rezitativen

Gesprochen wird in dieser Zauberflöte gar nicht. Zwischen den Arien tauchen Teile der Rezitativtexte als Sprechblasen oder Betitelungen auf der Leinwand auf, Gedanken werden sichtbar, Dialoge in klassischer Stummfilmmanier dargebracht. Dazu erklingt ein Hammerklavier - die Mozart-„Fantasien“ in d- und c-Moll werden zur Begleitmusik, die sich zwischen die Opernpartitur schiebt und dort sogar recht harmonisch hineinpasst.

Bühnenbild der "Zauberflöte"

Iko Freese

Die Königin der Nacht als furchteinflößende Spinnenfrau

Als herausragendes Fest auf musikalischer Ebene wird der Abend deshalb aber nicht unbedingt in Erinnerung bleiben. Eher solide agiert das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, dirigiert von Kristiina Poska, der Ersten Kapellmeisterin an der Komischen Oper.

Ein Papageno mit Buster-Keaton-Mine

Stimmlich überzeugend ist vor allem Tom Erik Lie als Papageno, der seiner Rolle als Buster-Keaton-Figur eine traurige Eleganz verleiht und auch spielerisch heraussticht. Ähnlich Sarastro Dimitry Ivashchenko mit seinem kräftig geführten Bass und Monostatos Michael Pflumm, der als Nosferatu-Double angelegt ist. Deutlich blasser (und das nicht nur wegen der weißen Schminke im Kontrast zum schwarzen Smoking) bleiben Adrian Strooper als Tamino und Brigitte Geller als Pamina.

Karolina Andersson hat als Spinnenkönigin der Nacht nicht nur einen Alienkopf, sondern auch so etwas wie die Chefposition auf dem Podest hoch über der Bühnenmitte, von ihren versierten Koloraturen hätte man sich dennoch mehr Kraft erwarten dürfen.

Der Qualität des Abends tut all das jedoch keinen Abbruch: Durch die Perfektion der Darstellung - die Abstimmung von Mimik und Personenführung mit der Animationskulisse - verschiebt sich der Fokus ohnehin vom Musikalischen zum Visuellen. In Kombination bleibt damit der Eindruck eines bildermächtigen Geniestreichs im liebenswerten Retrocharme, der am Ende der St. Pöltener Premiere ein mindestens ebenso beglücktes Publikum zurückließ wie in Berlin und an früheren Gastspielorten.

Sophia Felbermair, ORF.at

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