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Experten: Bisher raffiniertester iOS-Angriff

Chinesische Behörden haben es im Bemühen, die Proteste in Hongkong zu beenden, offenbar auf die Kommunikationskanäle der Demonstranten abgesehen. Ein seltener Trojaner ermöglicht es, „praktisch alle Informationen“ wie E-Mails, Kurznachrichten, Adressbücher, Anrufdaten, Benutzernamen und Passwörter mitzulesen, wie das US-Sicherheitsunternehmen Lacoon Mobile Security berichtete.

Die „Xsser mRAT“ genannte Software sei besonders fortschrittlich und der erste chinesische Trojaner, der auch iPhones angreifen könne. Plattformübergreifende Trojaner seien selten, was auf „eine sehr große Organisation oder eine Nation“ als Urheber hindeute, hieß es. Es wird eine Verbindung zu den Cyberaktivitäten chinesischer Regierungsstellen vermutet. Die Software enthält chinesischen Code und zielt auf die Demonstranten in Hongkong ab.

Lacoon-Chef Michael Shaulov sagte, es handle sich um den bisher raffiniertesten Angriff dieser Art auf Apples Handybetriebssystem. „Das ist der erste klare Hinweis, dass sich die wirklich fähigen Leute jetzt iOS-Geräte vornehmen, statt PCs oder Laptops zu infizieren“, sagte er. Mit „Xsser“ werde auch erstmals ein iOS-Trojaner eingesetzt, der offenbar seinen Ursprung irgendwo in China habe. Eine ebenfalls wohl gegen die Demonstranten gerichtete ähnliche Software für Google-Android-Geräte sei vergangene Woche entdeckt worden.

Vermeintlicher Link zu Vernetzungstool

Ein Link zu dem Trojaner sei als vermeintliches Programm zur besseren Koordination der Proteste über WhatsApp verbreitet worden. WhatsApp dient wie Facebook und andere Soziale Netzwerke den Demonstranten als Vernetzungstool. Befallen seien nur Apple-Geräte, bei denen zuvor ein „Jailbreak“ gemacht worden sei, um nicht freigegebene Software zu installieren, heißt von Lacoon.

Demonstranten mit Smartphones

APA/EPA/Alex Hofford

Die Proteste werden hauptsächlich von den Jungen getragen - vernetzt sind sie über Facebook, WhatsApp, Twitter und Co.

Nicht nur aus Angst vor Spionage, sondern auch um unabhängig zu bleiben, sollte das Mobilnetz überlastet sein oder abgedreht werden, weichen viele Demonstranten bereits auf andere Kommunikationsmittel aus. Die App FireChat beispielsweise ermöglicht das Versenden von Nachrichten ganz ohne Internetverbindung oder Telefonnetz. Die Handys kommunizieren via Bluetooth miteinander. Das ergibt dort Sinn, wo viele Menschen auf relativ engem Raum zusammen sind. Die App ist also ideal für Demos und ist auch in Taiwan, dem Iran und dem Irak weit verbreitet.

China soll möglichst wenig erfahren

In China unterdessen verstärken die Behörden ihre Zensurmaßnahmen, um möglichst wenige Informationen über die Proteste auf das Festland dringen zu lassen. Der Satellitenempfang des amerikanischen Senders CNN und der britischen BBC wurde gestört, wenn Berichte zu Hongkong kamen. Erstmals wurde am Mittwoch auch die Website der englischsprachigen Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ blockiert.

In Chinas Sozialen Netzwerken werden massenhaft Kommentare zu Hongkong gelöscht. Twitter, Facebook und YouTube sind in China ohnehin immer gesperrt. In den Weibo genannten twitterähnlichen Sozialen Netzwerken in China wurden schon Suchworte wie Hongkong, Studenten, Tränengas und auch Instagram blockiert. Die Zensoren seien dreimal so beschäftigt wie zum heiklen 25. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989, berichteten Experten.

Zahlreiche Festnahmen in China

Einer Menschenrechtsorganisation zufolge gab es in China in den vergangenen Tagen zahlreiche Festnahmen in Zusammenhang mit den Protesten in der Sonderverwaltungszone Hongkong. Wie die NGO China Human Rights Defenders (CHRD) am Mittwoch erklärte, wurde unter anderen der Aktivist Wang Long am Montag in Shenzhen festgenommen, nachdem er Informationen über die Demonstrationen ins Internet gestellt hatte.

Der Gruppe zufolge wurde zudem am Dienstag die aus Schanghai stammende Aktivistin Shen Yanqiu festgesetzt, nachdem sie Tage zuvor ein Bild von sich selbst mit rasiertem Kopf als Unterstützung für die Hongkong-Proteste veröffentlicht hatte. Sie werde an einem „unbekannten Ort festgehalten“, erklärte CHRD. Bis zu „20 Bürger“ wurden demnach am Dienstag in Guangzhou nahe Hongkong festgenommen, weil sie sich in einem Park zur Unterstützung der Protestbewegung getroffen hatten. Zwei Aktivisten sei während ihrer vorübergehenden Festnahme das Essen verweigert worden.

Größte Proteste seit 17 Jahren

Die Proteste in Hongkong sind die größten seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China im Jahr 1997. Sie richten sich gegen eine Wahlreform: Zwar soll die Bevölkerung in Hongkong 2017 erstmals direkt einen Verwaltungschef wählen dürfen, doch will die Zentralregierung in Peking zuvor ihr genehme Kandidaten auswählen, um so ihren Einfluss zu sichern.

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