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IS-Kämpfer teilweise vertrieben

Die von den USA geführte internationale Militärallianz hat am Mittwoch bei der umkämpften syrisch-türkischen Grenzstadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) erneut Luftangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflogen.

Eine AFP-Reporterin an Ort und Stelle beobachtete, wie nach dem Angriff dicker schwarzer Rauch von den Hügeln östlich der Stadtaufstieg. Kurdische Kämpfer vertrieben nach Angaben von lokalen Medien und Aktivisten den IS-Vormarsch. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gelang es den Milizionären, dschihadistische Kämpfer aus Straßenzügen im Osten der Stadt zu vertreiben. Im Südwesten von Kobane hätten Dschihadisten hingegen einige Gebäude übernommen, berichteten Medien.

Bisher „größter Rückzug“ des IS

Die US-Luftangriffe drängten nach kurdischen Angaben die IS-Miliz an den Stadtrand zurück. „Sie sind nun vor den Toren der Stadt Kobani“, sagte der stellvertretende Außenminister des gleichnamigen Bezirks, Idris Nassan, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Der Beschuss und das Bombardement seien sehr wirkungsvoll gewesen und hätten die IS-Kämpfer dazu veranlasst, viele Positionen zu räumen. „Das ist ihr größter Rückzug, seit sie in die Stadt eingedrungen sind“, sagte Nassan. „Wir können davon ausgehen, dass das der Beginn ihres Rückzuges aus der Region ist.“

Karte von Syrien und Irak

APA/ORF.at

Straßen „voller Leichen“

Auch die kurdische Nachrichtenwebsite Welati vermeldete am Mittwoch, dass internationale Luftschläge sowie die kurdische Gegenwehr die sunnitischen IS-Extremisten zum Rückzug an den östlichen Stadtrand gezwungen hätten.

Der kurdische Aktivist und Journalist Mustafa Ebdi berichtete am Mittwoch im Internet, die Straßen des Maktala-Viertels im Südosten der Stadt seien „voller Leichen“ von IS-Kämpfern. Er warnte, die humanitäre Lage für die Hunderten in der Stadt verbliebenen Zivilisten sei sehr schwierig. Eine AFP-Korrespondentin beobachtete, wie im Zentrum der Stadt das Minarett einer Moschee einstürzte.

„Gegenoffensive“ der Kurden

Ein Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) sprach auf dpa-Anfrage von einer „Gegenoffensive“ der Kurden. Luftangriffe gab es laut kurdischen Medien auch auf Stützpunkte der Terrormiliz auf dem strategisch wichtigen Hügel Mischtanur. Dabei seien auch Waffendepots zerstört worden. IS-Kämpfer blieben aber in der Stadt präsent. Zuvor hatte es vonseiten der UNO und des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geheißen, dass die Stadt kurz vor dem Fall stehe.

Erst am Montag hatten IS-Kämpfer ihre schwarze Flagge am östlichen Rand der seit drei Wochen heftig umkämpften Stadt gehisst. Seither haben die USA und ihre arabischen Verbündeten ihre Luftangriffe auf Stellungen der Extremisten verdoppelt. Militärexperten sind allerdings überzeugt, dass die Miliz, die weite Teile Syriens und des Irak unter ihre Kontrolle gebracht hat, mit Luftangriffen allein nicht zu besiegen ist.

Dramatische Lage für Kämpfer

Kurdische Kämpfer beschreiben die Lage in Kobane als dramatisch. „Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken“, sagte ein Kämpfer der Volksschutzeinheiten, der aus der Stadt über die Grenze in die Türkei kam, am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa in Suruc. „Viele sind ernsthaft verletzt und noch immer drinnen. Es war nicht möglich, sie rauszubringen. IS ist sogar noch näher gekommen.“ Der Kämpfer wollte nicht namentlich genannt werden.

Ein dpa-Korrespondent in Suruc berichtete von heftigen Gefechten in Kobane, die auf der türkischen Seite der Grenze zu hören seien. Verwundete kurdische Kämpfer würden aus der Stadt in türkische Krankenhäuser gebracht. Ein Krankenwagenfahrer sagte der dpa, es stünden zu wenige Wagen zu Verfügung. „Es kommen mehr und mehr Verwundete an der Grenze an“, sagte er.

Kurden hoffen auf schwere Waffen

Die syrischen Kurden baten unterdessen die internationale Gemeinschaft eindringlich um schwere Waffen zur Verteidigung der Stadt. „Jeder sagt: ‚Wir stehen euch bei‘“, sagte der Kopräsident der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung „Hürriyet Daily News“. Kein Land unternehme dafür aber konkrete Schritte. „Wir wollen panzerbrechende Waffen.“ Muslim forderte von der Türkei einen Korridor für Kämpfer der Volksschutzeinheiten, die in Enklaven östlich und westlich von Kobane einsatzbereit seien.

„Unsere bewaffneten Kämpfer in Afrin und Cizre warten darauf, sich den Kämpfern in Kobane anzuschließen. Aber wir müssen türkisches Territorium nutzen, um diese Kämpfer nach Kobane zu bringen.“ Muslim sagte, bei einem Treffen mit Vertretern der Regierung in Ankara hätten diese ihm unter anderem eine Passage der Kämpfer über die Türkei in Aussicht gestellt. Bisher sei aber nichts geschehen. Die Regierungsvertreter hätten ihm Beistand für Kobane zugesagt und versichert, die Türkei sehe den IS als Terrororganisation.

Paris für türkischen Plan von Pufferzone

Paris unterstützt unterdessen den Plan der türkischen Regierung für eine Pufferzone zwischen der Türkei und Syrien. Frankreichs sozialistischer Präsident Francois Hollande habe seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan bei einem Telefonat seine Unterstützung für dessen Idee für eine Pufferzone für Flüchtlinge zugesichert, teilte der Elysee-Palast am Mittwoch mit.

Präsident Franzcois Hollande habe dem türkischen Amtskollegen telefonisch versichert, er stimme mit ihm völlig darin überein, dass die „gemäßigte syrische Opposition“ stärker im Kampf gegen die Extremistenorganisation Islamischer Staat (IS) und den syrischen Machthaber Baschar al-Assad unterstützt werden müsse.

Hollande sprach mit Erdogan laut Elysee-Palast über die „alarmierende“ Lage in Nordsyrien und insbesondere in der kurdischen Stadt Kobane, die IS-Kämpfer seit Wochen belagern. Kritiker befürchten, dass die Türkei, die im eigenen Land gegen die kurdischen Rebellen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vorgeht, dadurch den kurdischen Einflussbereich beschneiden will.

Kanada macht in Anti-IS-Allianz mit

Das kanadische Parlament stimmte unterdessen einem Militäreinsatz im Kampf gegen IS zu. Mit den Stimmen der konservativen Mehrheit billigte das Haus am Dienstag (Ortszeit) den Plan von Regierungschef Stephen Harper, sich an der US-geführten Koalition zu beteiligen. 157 Abgeordnete stimmten für den Einsatz, 134 dagegen. Harper schloss den Einsatz von Bodentruppen ebenso wie US-Präsident Barack Obama aus. Sein Plan sieht vor, sechs Kampfjets vom Typ F-18 sowie weitere Militärflugzeuge für einen Einsatz im Irak zu entsenden. Rund 600 Soldaten sollen dafür abgestellt werden.

FBI bittet Bevölkerung um Hilfe

Die US-Bundespolizei FBI wandte sich an die Bevölkerung, um Hinweise zur Identifizierung eines Dschihadisten zu erlangen. Der Mann in einem unlängst veröffentlichten Propagandavideo spreche mit „nordamerikanischem Akzent“, so das FBI am Dienstag (Ortszeit). Es veröffentlichte Fotos und einen Ausschnitt aus dem insgesamt 55 Minuten langen Video, das den maskierten Mann in Tarnuniform und mit Pistole zeigt. Der Gesuchte wechsle problemlos vom Arabischen ins Englische, um ein westliches Publikum anzusprechen, erklärte das FBI.

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