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„Vergessene“ Substanzen als Chance

Alte Antibiotika, deren Patente oft längst abgelaufen sind und die außer Gebrauch gekommen sind, könnten wieder wichtiger werden. Sie könnten bei der Bekämpfung resistenter Keime eine wichtige Hilfe sein, lautete der Tenor einer Tagung der Europäischen Gesellschaft für Klinische Mikrobiologie und Infektiologie (ESCMID) in Wien.

„Wir diskutieren, wie wir alte Antibiotika wirksam einsetzen können und wie sie einen Pfeiler der Strategie zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenz darstellen können“, sagte Ursula Theuretzbacher, die Gründerin des Zentrums für Antiinfektiva (CEFAIA) in Wien. In den vergangenen Jahren habe man erkannt, dass es darum gehe, die Einsetzbarkeit moderner Antibiotika zu verlängern, gleichermaßen aber auch darum, dass man alte derartige Medikamente nicht „vergesse“.

Seit an der Wende zum 20. Jahrhundert mit Salvarsan das erste antibiotisch wirksame Arzneimittel gegen Syphilis auf den Markt kam, wurden viele Dutzend Antibiotika entwickelt, auf den Markt gebracht und aus unterschiedlichen Gründen wieder ad acta gelegt. Dominique Monnet vom Europäischen Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC) betonte den Wert der alten Substanzen: „Vergessene Antibiotika sind beispielsweise Wirkstoffe wie Temocillin, Fosfomycin, Colistin oder Oxacillin.“

Zunehmende Resistenzen

Die Rate der resistenten Keime (z. B. Methicillin-Resistenz von Staphylococcus aureus, Klebsiella pneumoniae und E. coli) ist international und im Querschnitt betrachtet im Steigen begriffen. Auch die bisher wirksamsten Mittel neuerer Generation gegen gewisse Bakterien - zum Beispiel die Peneme - könnten an Effektivität verlieren.

Diese Entwicklung hat eine Reihe von Gründen wie die übermäßige Verschreibung von Antibiotika, falsche Dosierung bzw. zu kurze Behandlungsdauer, den Patientenwunsch nach unnötigen Antibiotika für leichte Erkrankungen, unkontrollierten Zugang zu Antibiotika durch Apotheken und Onlinequellen, weit verbreitete Nutzung von Antibiotika in der Tierzucht als Wachstumsförderer, mangelhafte Hygiene in Krankenhäusern und das Fehlen von neuen Antibiotika-Generationen.

Viele „Ich auch“-Medikamente

In den vergangenen Jahren seien kaum neue Wirkstoffklassen bei den Medikamenten zur Behandlung bakterieller Infektionen entwickelt worden. „Ein Problem liegt darin, dass die meisten Antibiotika einer Klasse jeweils an den gleichen Zielen ansetzen. Es sind ‚Ich auch‘-Medikamente“, sagte der Pharmakologe Johan Mouton von der niederländischen Universität Nijmegen. Somit stünden gar nicht so viele „neue“ Antibiotika zur Verfügung, wie man meinen könnte. Eine besondere Lücke habe sich bei den Gram-negativen Keimen aufgetan, deren Bekämpfung wegen Resistenzen und mangelnder Arzneimittel zunehmend Probleme macht. Umso mehr sollte auf die alten Substanzen nicht verzichtet werden.

Strategie zu optimalem Einsatz

Diese Wirkstoffe würden jetzt auch mit neuen Antibiotika in der Therapie kombiniert, um Resistenzen zu überwinden. „Wir nutzen heute einige ältere, ’wiederbelebte"’ Antibiotika, die in der frühen Penicillin-Ära entwickelt wurden“, sagte Theuretzbacher. Ein Problem sei jedoch, dass diese „wiederbelebten“ Antibiotika vor Jahrzehnten genehmigt, aber nach dem damaligen Stand der Wissens und der Nutzung nicht weiterentwickelt wurden.

Eine Nutzung dieser Antibiotika ohne zeitgemäße Studien könnte aber nicht unerhebliche Risiken für die jeweiligen Patienten bergen und weitere Resistenzbildung fördern. Die Informationen über korrekte Dosierung, Indikationen, Toxizität und Anwendung in speziellen Patientengruppen fehlten oder seien oft nicht mehr aktuell. Man benötige dringend Strategien, um diese älteren Antibiotika neu zu entwickeln, auf der Basis moderner Standards und modernen Wissens, um diese neuen Erkenntnisse vom Forschungslabor ans Krankenbett bringen zu können, so Theuretzbacher.

Oft nicht mehr erhältlich

Zugleich gebe es auch praktische Probleme. Die Uraltmedikamente hätten längst ihren Patentschutz verloren, oft seien sie deshalb in einzelnen Ländern vom Markt genommen worden, obwohl sie immer noch wirksam gegen einige resistente Keime sind. Auch die Erhältlichkeit müsse nicht immer gegeben sein. Hier fehle es auch in der EU noch an Vorkehrungen, um die Versorgung in jedem Staat sicherzustellen. Doch wenn Ärzte die Antibiotika vergangener Jahrzehnte nicht mehr kennen, werden sie diese auch nicht einsetzen, warnten die Experten.

Jährlich 25.000 Tote in EU

„Antibiotikaresistenz bedroht die Gesundheitsversorgung, wie wir sie derzeit kennen“, sagte ESCMID-Experte Gunnar Kahlmeter. „Für viele der spektakulären neuen Techniken und Technologien in den Bereichen Transplantation, Krebstherapie, Intensivmedizin, Neonatologie und Orthopädie besteht die Gefahr, dass sie aufgrund hohen Risikos von Infektionen durch multiresistente Keime nicht mehr eingesetzt werden können. Hier hat die Menschheit wieder einmal versagt, eine ihrer wertvollsten und stärksten Ressourcen zu erhalten.“

Das ECDC schätzt, dass in der EU derzeit jährlich 25.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen sterben. Die Kosten für die zusätzlich anfallende Versorgung der betroffenen Patienten und die damit verbundenen Produktivitätseinbußen werden auf jährlich 1,5 Milliarden Euro geschätzt.

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