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Zahlen für positive Forenbeiträge

Das Magazin „Datum“ ist offenbar einem Manipulationsskandal in Postingforen auf die Spur gekommen. Die Wiener PR-Agentur Modern Mind Marketing (genannt auch mhoch3) soll in den vergangenen Jahren bezahlte Postings in Onlineforen in großem Umfang produziert haben. Die prominente Kundenliste sorgt für Aufsehen.

So sollen unter anderem für ÖBB, UniCredit Bank Austria und die ÖVP Wien positive PR-Postings verfasst worden sein, ohne den Auftraggeber zu nennen, wie „Datum“ in seiner am Freitag erscheinenden Ausgabe berichtet. Die Liste der Kunden ist lang, zu den Auftraggebern zählten demnach auch die Österreichischen Lotterien, die Mobilkom Austria (heute Teil der Telekom Austria) und der Pharmakonzern Bayer Austria, um nur einige zu nennen.

Zehntausende gefälschte Identitäten

Modern Mind Marketing bietet seine Guerillamarketing-Dienste unter dem Begriff „Online-Reputationsmanagement“ seit zehn Jahren an. Dabei schickt sie ihre Mitarbeiter, ausgestattet mit zahlreichen gefälschten Onlineidentitäten, in diverse Foren. Eine „Datum“ vorliegende Liste mit falschen Identitäten aus dem Jahr 2012 umfasst etwa knapp zehntausend Namen, jene mit (internationalen) Foren, die die Agentur in mindestens sechs Sprachen bearbeiten ließ, zählt mehr als zweitausend Einträge.

Ein ehemaliger Mitarbeiter gab in einem ZIB2-Bericht Mittwochabend Einblicke in die gängige Praxis der Agentur: So habe jeder Redakteur zwischen 50 und 100 Identitäten. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, würden auch neutrale Postings produziert.

„Bloggernetzwerk auf freiwilliger Basis“

Seitens der ÖBB und der Bank Austria wurde das Vorgehen gegenüber „Datum“ im Prinzip bestätigt. Beachtlich ist vor allem die Wortwahl. Aus der Bank Austria, die die Firma beschäftigte, als es im Herbst 2012 zu Problemen beim Onlinebanking kam, hieß es gegenüber der ZIB2, dass man „einem Bloggernetzwerk auf freiwilliger Basis Informationen zur Verfügung gestellt“ habe.

Von „Schatten der Vergangenheit“ ist bei den ÖBB die Rede. Gegenüber der ZIB2 betonten die ÖBB, dass das aktuelle Management damit nichts zu tun habe. Es sei zudem nur eine Konzerntochter betroffen gewesen. In einer Aussendung vom Donnerstag wiesen die ÖBB außerdem darauf hin, dass sie bei den Recherchen zum „Datum“-Artikel „sehr kooperativ und offen“ gewesen seien. Die im Artikel thematisierten Foren aus 2009 seien bereits 2010 geschlossen worden. „Datum“ habe in seinem Artikel einen falschen Eindruck erweckt.

„Instrument nur ausprobiert“

Seitens der ÖVP Wien, für die laut dem Artikel 2009 anlässlich der Studentenproteste „unibrennt“ positive Postings zum damaligen Vorsitzenden und Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) verfasst worden seien, wurden die Vorwürfe laut „Datum“ dementiert. Eine Stellungnahme gegenüber der ZIB2 legt anderes nahe. Demnach wurde der Vertrag zwischen der Modern Mind Marketing und der ÖVP Wien, in dem explizit von Postings die Rede sei, vom damaligen Geschäftsführer Norbert Walter unterschrieben.

Man habe das Instrument nur ausprobiert, vornehmlich sei es um die Beobachtung Sozialer Netzwerke gegangen, wurde Walter in der ZIB2 zitiert. „Ich finde es toll, dass Hahn, obwohl er selber anscheinend nicht so protestieren würde, doch Verständnis für die Proteste und die Besetzung hat“, zitiert „Datum“ eines der zahlreichen Postings.

PR-Ethikrat verurteilt Täuschung

Von der stellvertretenden Vorsitzenden des PR-Ethikrates, Renate Skoff, wird die Geschäftspraxis „eindeutig verurteilt“, der Medienanwalt Thomas Höhne hält das Vorgehen für „wettbewerbswidrig“. Der PR-Ethikrat ruft in einer Aussendung am Donnerstag Kommunikationsagenturen auf, unlautere Praktiken zu unterlassen. Gleichzeitig appelliert der Rat an Unternehmen und Institutionen, einschlägige Angebote zur Beeinflussung öffentlicher Meinung mit gefälschten Postings abzulehnen und auch keine Anfragen dieser Art an Agenturen zu richten.

„Persönliche Erfahrungen einzelner Nutzer“

Martin Kirchbaumer, Geschäftsführer von Modern Mind Marketing, wies die Vorwürfe zurück. Er bestätigte gegenüber „Datum“, dass nach wie vor anonyme Poster ins Netz geschickt werden. Dass man den ökonomischen Hintergrund nicht transparent mache, erklärte der Geschäftsführer folgendermaßen: „Eine Offenlegung funktioniert nicht, weil einem Firmenvertreter nichts geglaubt wird.“

Die Poster bezeichnete Kirchbaumer als „Onlinejournalisten“. Die Postings seien „persönliche Erfahrungen einzelner Nutzer“, wurde der Agenturchef in der ZIB2 zitiert. Ein anonym bleiben wollender ehemaliger Mitarbeiter widersprach im ZIB2-Interview seinem Ex-Chef: Hätte er etwas Negatives über das Produkt eines Kunden geschrieben, wäre er gefeuert worden.

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