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„Jedes Alter ist depressionsfähig“

Oft gar nicht oder zu spät entdeckt und gesellschaftlich weitgehend unbeachtet: Über Depressionen im Kindes- oder Jugendalter wird nicht gern gesprochen. Dabei würden die Betroffenen genau davon profitieren. Dann nämlich, wenn das Darüber-Sprechen mehr Sensibilität des Umfelds schafft und sich so die Krankheit früher diagnostizieren lässt.

Denn die Krankheit kann schon im frühesten Kindesalter auftreten, selbst Säuglinge können depressive Stimmung haben. „Jedes Alter ist depressionsfähig“, sagt Christian Kienbacher, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie des SOS Kinderdorf Wien im Interview mit ORF.at. Es handelt sich dabei nach Angststörungen um die am zweithäufigsten auftretende psychische Erkrankung von Kindern und Jugendlichen.

Getarnte Symptome

Im Kindesalter versteckt sich die Krankheit jedoch oft hinter Symptomen, die man nicht automatisch mit einer Depression verbinden würde - das Krankheitsbild ist ein ganz anderes als bei Erwachsenen. Je früher eine Depression auftritt, desto körperlicher äußert sich diese, wie der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Karwautz, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP), erklärt.

So können die Symptome bei kleinen Kindern Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen sein. Auch Schlaf- und Essstörungen, aggressives Verhalten, ein Mangel, sich zu freuen, und Spielunlust könnten Hinweise auf die Krankheit sein, ergänzt Kienbacher. Dementsprechend schwierig ist die Krankheit im Kindesalter zu diagnostizieren - zumal sie in Phasen verläuft, wie der Psychiater erklärt. Die Symptome können kommen und gehen, es kann immer wieder auch symptomfreie Intervalle geben.

Traurigkeit äußert sich erst später

Erst im Schulalter berichten Kinder erstmals verbal über Traurigkeit und können auch schon suizidale Gedanken haben. Symptome können auch Leistungsstörungen in der Schule sein. Je älter der Betroffene wird, desto eher treten dann psychische Symptome auf. Im Pubertäts- und Jugendalter - einer Zeit in der viele ohnehin mit Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben - kann sich eine Depression durch vermindertes Selbstvertrauen, Angst, Konzentrationsmangel und Verhaltensauffälligkeiten äußern.

Vernachlässigung, Vererbung, Traumatisierung

Ähnlich vielfältig wie die Symptome sind die Ursachen, die dazu führen, dass schon kleine Kinder und Jugendliche an Depressionen erkranken. Es können familiäre Gründe sein wie Vernachlässigung, psychische Erkrankung der Eltern, Armut oder Bindungsdefizite. Auch einschneidende Erlebnisse wie Trennung, Missbrauch, Krankheit, Trauma oder Mobbing sind als Ursachen möglich. Die Depression kann aber auch vererbt sein oder biologische Gründe haben, indem etwa eine Neurotransmitterstörung vorliegt, also ein Ungleichgewicht bei Botenstoffen im Gehirn.

Auch wenn Kinder bereits im frühesten Alter Depressionen entwickeln können, ist es erst ab dem mittleren Erwachsenenalter ein wirklich großes Thema. So erkranken etwa drei Prozent der Kinder an Depressionen, bei etwa gleicher Verteilung auf Mädchen und Burschen, wie Kienbacher erklärt. Die Zahl nimmt dann mit dem Alter zu, und auch die Verteilung ändert sich - Depression ist dann eine Frauenkrankheit.

Bei Jugendlichen deutlich häufiger

Im Jugendalter tritt sie bereits bei bis zu 6,4 Prozent der Menschen auf - in überwiegender Zahl bei Mädchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine erwachsene Frau irgendwann in ihrem Leben an einer Depression erkrankt (Lebenszeitprävalenz), liegt dann bereits bei zehn bis 20 Prozent, bei Männern „nur“ zwischen fünf und zwölf Prozent. Die Annahme, dass ein Kind mit depressiven Neigungen automatisch auch im Erwachsenenalter mit Depressionen zu kämpfen hat, stimmt allerdings nicht. Im Unterschied etwa zu ADHS seien Depressionen „absolut heilbar“, so Kienbacher.

Mittel erster Wahl sei die Psychotherapie, im Fall von Kindern werden dabei meist auch die Eltern intensiv miteinbezogen. Schwere Depressionen machten jedoch oft auch eine medikamentöse Behandlung nötig, erklärt Kienbacher. Schwer, das bedeutet, dass der Patient „nicht mehr aus dem Haus kommt“, Selbstmordgedankengedanken hat und seine Tagesaktivitäten nicht mehr selbst organisieren kann. Gerade wenn es massive Selbstmordgedanken oder sogar -versuche gibt, müsse man außerdem auch über einen stationären Aufenthalt nachdenken.

Die Mär der Antidepressiva für Kleinstkinder

Doch das mit den Medikamenten ist so eine Sache. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger sorgte im Vorjahr für einen großen Aufschrei, als er auf Anfrage des Gesundheitsministeriums im Zuge einer parlamentarischen Anfrage bekanntgab, dass 2012 2.214 Kinder zwischen null und vier Jahren Antidepressiva erhalten hätten. Ärzte zweifelten die verblüffenden Zahlen an, darunter auch Kienbacher: „Da schwirren Zahlen herum, die ganz abstruse Szenarien zeichnen.“ Dass Kinder mit zwei oder drei Jahren Antidepressiva erhielten, sei auszuschließen.

Er selbst verschreibe diese in der Regel ab dem Jugendalter, ab zwölf, 14 Jahren, wie er zu ORF.at sagt - immer begleitet von einer Therapie. Für die Hauptverbandszahlen hat der Psychiater mittlerweile eine Erklärung parat: Es handle sich wohl entweder um Buchungsfehler oder aber um erschlichene Versicherungsleistungen. Für Ersteres spräche, dass etwa Zweijährigen Medikamente zugeordnet wurden, die schon lange nicht mehr verschrieben würden. Man wisse jedenfalls über die Probleme Bescheid - Kienbacher hat in der Sache auch bereits zweimal das Gesundheitsministerium kontaktiert, aber keine Antwort erhalten.

Nicht alles ist mit Reden zu lösen

Die öffentliche Debatte über Psychopharmaka, die an Jugendliche oder gar Kinder verschrieben werden, sei von Vorurteilen und Unwissen geprägt, ist Karwautz überzeugt. Er spricht sich entschieden gegen die vorherrschende „Verteufelung“ aus. „Depression ist eine Erkrankung wie andere auch - bei einer Blinddarmentzündung geht man ja auch operieren“, so Karwautz. Bei Depressionen hingegen gehen Menschen oft davon aus, dass alles mit reden allein lösbar ist. Ähnlich wie sein Kollege Kienbacher verweist Karwautz darauf, dass bei schweren Depressionen mit Suizidgedanken der Weg an Medikamenten oft nicht vorbeiführe.

Für Pharmaunternehmen „einfach uninteressant“

Grundsätzlich sei man in Österreich bei der Antidepressivaverschreibung aber „sehr auf der sicheren Seite“, so Kienbacher. Mit anderen Ländern verglichen sei Österreich mit Frankreich das Land mit dem geringsten Psychopharmakaverbrauch. Gerade die Kinder- und Jugendpsychiatrie sei „sehr wenig“ von Pharmaunternehmen unterminiert. „Wir sind für die einfach uninteressant“, so Kienbacher.

Das klingt auf den ersten Blick gut, hat jedoch auch handfeste Folgen für die tägliche Arbeit der Psychiater. Nur wenige Medikamente sind für Kinder und Jugendliche überhaupt zugelassen. „Die Pharmaunternehmen suchen dort um Zulassung an, wo sie die höchste Gewinnerwartung haben“, so Kienbacher. Und das sei die große Gruppe der Erwachsenen. Studien für Null- bis 18-Jährige durchzuführen sei ihnen zu aufwendig, wenn damit nur ein Bruchteil des Umsatzes zu machen sei.

Altes Medikament oder lieber eines ohne Zulassung?

Viele Zulassungen bei Antidepressiva gäbe es noch für alte Medikamente aus den 60er Jahren. Diese wiesen jedoch starke Nebenwirkungen auf. Neuere mit wesentlich weniger Nebenwirkungen hätten allerdings keine Zulassung. Verschreiben darf sie ein Arzt aber trotzdem, wenn er damit etwa gute Erfahrungen gemacht hat. „Wir sind es gewohnt, ‚Off-label‘-Behandlungen zu machen“, so Kienbacher. Das bedeutet: Mit Einverständnis des Patienten oder dessen Eltern wird ein nicht zugelassenes Medikament verschrieben.

Die Kinderpsychiater selbst wüssten ganz gut, was hilft und was für ihre Patienten nicht geeignet sei. Es werde auf dem Gebiet auch viel geforscht - aber eben nicht von den Unternehmen, sondern an Unis und von Ärzten. „Das Wissen ist an und für sich schon da, aber es wäre schön, wenn das Wissen auch im Beipacktext drin wäre“ so Kienbacher.

Achtgeben auf Veränderungen

Bis zur ärztlichen Behandlung ist es für viele Betroffene aber noch ein weiter Weg, der voraussetzt, dass die Erkrankung überhaupt erst erkannt wird. Karwautz rät Eltern dazu, mögliche Veränderungen an ihren Kindern genau zu beobachten und zu hinterfragen, wenn Kinder „nicht mehr so sind, wie sie waren“. Wenn das Wissen darüber, dass eine Depression nicht nur Erwachsenensache ist, vorhanden ist, dann kann den Kindern und Jugendlichen auch eher geholfen werden. Und je früher das passiert, desto weniger schlimm sind die Folgen.

Petra Fleck, ORF.at

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