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„Konfliktfähigkeit muss erlernt werden“

Am 20. November 1989 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNO) die UNO-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Neben den Rechten etwa auf Bildung, Gleichbehandlung und Freizeit ist darin auch das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung verankert. Außer Somalia, dem Südsudan und den USA haben bis heute alle UNO-Mitgliedsstaaten die Kinderrechtskonvention ratifiziert.

Österreich war eines der ersten Länder, das die Konvention unterzeichnete. Im gleichen Jahr wurde in Österreich außerdem Gewalt gegenüber Kindern auch per Gesetz verboten. Nach Schweden, Norwegen und Finnland war Österreich damit der weltweit vierte Staat mit einem gesetzlichen Gewaltverbot. Seit 2011 steht dieses auch in der Verfassung.

Seit 25 Jahren Gesetz

Im Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) heißt es: „Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren. Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig.“

260 Anzeigen im Vorjahr

Nach dem Gesetz wachsen Kinder in Österreich also gewaltfrei auf. Tragische Misshandlungsfälle zeigen allerdings immer wieder, dass die Realität anders aussieht. Ende Oktober wurde die zweijährige Leonie von ihrem Vater mit heißem Wasser in der Dusche so stark verbrüht, dass sie starb. 2011 wurde der dreijährige Cain vom Freund seiner Mutter zu Tode geprügelt. 2007 starb der 17 Monate alte Luca an schweren Kopfverletzungen - der Freund seiner Mutter wurde später des sexuellen Missbrauchs mit Todesfolge schuldig gesprochen.

260 Straftaten wegen Quälens oder Vernachlässigens unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen wurden im Jahr 2013 angezeigt. 16 dieser Taten wurden als Verbrechen eingestuft - als vorsätzliche Handlungen, die mit mehr als dreijähriger Freiheitsstrafe bedroht sind. Die übrigen 244 Fälle galten als „leichtere Vergehen“.

„Was mir nicht geschadet hat ...“

Die Einstellung „Was mir nicht geschadet hat, schadet auch meinen Kindern nicht“ ist nach wie vor verbreitet. Der Sportler Felix Baumgartner sagte vergangenes Jahr in einem Interview, er sei für die „gesunde Ohrfeige, wenn’s sein muss“. Das sei bei seinem Vater nicht anders gewesen. Der Politiker Uwe Scheuch erklärte 2012 im Fernsehen, es sei „sinnvoll und gut“, wenn Pädagogen „einem Schützling ab und an a klane Tetschn“ geben könnten.

Damit stehen sie nicht alleine da: Zwei Drittel der Österreicherinnen und Österreicher halten einen „leichten Klaps“ als Erziehungsmaßnahme für in Ausnahmefällen zulässig oder teilweise sogar angebracht, wie die in der Vorwoche vom Familien- und Jugendministerium präsentierte Studie „Gewalt am Kind“ zeigt. Für die Studie wurden 1.000 Personen befragt und ihre Einstellung mit einer Studie von 1977 verglichen. Auch das Schlagen mit der Hand (20 Prozent) und sogar heftige Ohrfeigen (fünf Prozent) sind nach wie vor verbreitet. Das Abfragen von tatsächlich erlebter Gewalt zeigte ein noch drastischeres Bild: 23 Prozent der befragten 15- bis 29-Jährigen gaben an mit der Hand geschlagen worden zu sein, 20 Prozent berichteten von heftigen Ohrfeigen.

„Kinder müssen ihre Rechte kennen“

Auffallend ist, dass Eltern ihre Kinder in den 1970er Jahren oft aus Überzeugung schlugen, während sie das heute eher aus Überforderung tun. Aber macht es für das Kind einen Unterschied, aus welchem Grund es eine Ohrfeige bekommt? „Ja“, sagt Hedwig Wölfl von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit im Gespräch mit ORF.at. Auch wenn es natürlich immer falsch sei, ein Kind zu schlagen, mache es doch einen großen Unterschied, ob körperliche Gewalt bewusst als Bestrafung eingesetzt wird oder ob man in einer emotional aufgeladenen Situation nicht mehr anders kann. Es sei wichtig, sich beim Kind zu entschuldigen und ihm zu sagen, dass die Ohrfeige falsch war. Natürlich dürften Eltern aber auch nicht „ständig überfordert und grenzgängerisch sein“.

Viele Kinder würden sich schuldig fühlen, wenn sie von den eigenen Eltern geschlagen werden, und suchen die Ursache bei sich selbst, so Monika Pinterits von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien gegenüber ORF.at. Kindern müsse gesagt werden, dass niemand das Recht hat, sie zu schlagen. „Kinder müssen ihre Rechte kennen“, ergänzt Wölfl. Auch Pädagoginnen und Pädagogen sollten Kindern deren Rechte altersgemäß und spielerisch vermitteln. Kinderrechte sollten daher Teil der Lehrpläne aller Berufsgruppen sein, die mit Kindern arbeiten.

„Hilfe zu holen ist keine Schande“

Viele der heutigen Eltern sind als Kind selbst geschlagen worden. Durch die eigenen Erfahrungen liege der Impuls hinzuschlagen nahe, so Wölfl, „weil man keine Alternativen kennt“. Konfliktfähigkeit müsse erlernt werden, doch wie, „wenn man auch im Parlament immer wieder sieht, wie die Menschen sich anfetzen“. Betroffene Eltern müssten sich Hilfe suchen - in Elternbildungsseminaren, in Eltern-Kind-Zentren oder auch durch private Gespräche mit vertrauten Menschen. Es sei keine Schande, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagt auch Pinterits.

Das Familienministerium erklärte Anfang der Woche, verstärkt vorbeugend beraten und über Beratungsstellen und Telefonhotlines informieren zu wollen. Gerade in Akutsituationen brauchten viele „überforderte“ Eltern Unterstützung, so Familienministerin Sophie Karmasin im Rahmen einer „Kinderpressekonferenz“.

Auch Eltern brauchen Grenzen

„Natürlich darf es aber für Kinder auch eine Konsequenz für unangenehmes Verhalten geben“, so Wölfl, denn: „Nicht nur Kinder, auch Eltern brauchen Grenzen. Und diese müssen dem Kind vermittelt werden.“ Auch bei Meinungsverschiedenheiten müsse man aber respektvoll bleiben. Verbale Gewalt, beispielsweise Aussagen wie „Wir wollten dich eh nicht“, „Aus dir wird nix“ oder „Du bist dumm“ seien eine besonders schlimme Form der psychischen Gewalt, die einem Kind Vertrauen und Selbstvertrauen nehmen, so Wölfl.

Im Lauf der letzten Jahrzehnte gab es allerdings eine Verschiebung der Gewalt in genau diesen Bereich, wie die aktuelle Studie zeigt. So ist es für 42 Prozent der Befragten zumindest in Ausnahmefällen zulässig, „längere Zeit nicht miteinander zu reden“ - eine Zunahme von 15 Prozent gegenüber 1977. Besonders Mädchen sind von dieser Form der psychischen Gewalt betroffen. Vielen Eltern sei überhaupt nicht klar, wie sehr sie ihre Kinder mit bösen Worten und Verhaltensweisen kränken, so Pinterits. Psychische Gewalt hinterlasse zwar keine sichtbaren Spuren, könne aber gravierende psychische Folgen haben.

„Keine Form der Gewalt bagatellisieren“

„Durch jede Art der Gewalt wird die Würde eines Kindes verletzt“, so Pinterits, viele Betroffene würden ihr ganzes Leben an den Folgen leiden. Eine Ohrfeige dürfe nicht als „g’sunde Watschen“ groben Misshandlungen gegenübergestellt und dadurch bagatellisiert werden. Gewalt an Kindern sei in jedem Fall und ausnahmslos zu untersagen, so Pinterits: „Wer geschlagen wird, fühlt sich hilflos und gedemütigt - je massiver und sadistischer Gewalt erfolgt, umso drastischer sind die Folgen.“

Trotz der immer noch vorhandenen Gewalt sieht Wölfl aber eine Veränderung in der Gesellschaft. „auch wenn es langsam geht“. Grenzen und Begleitmaßnahmen wie das gesetzliche Gewaltverbot würden dabei helfen. Und auch wenn man zwischen einer Ohrfeige und schweren Misshandlungsfällen unterscheiden müsse: „In einer Gesellschaft, die keine Form von Gewalt gegen Kinder bagatellisiert, werden auch massive Fälle von Gewalt abnehmen.“

Romana Beer, ORF.at

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