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Songs „für die Ewigkeit“

Gerade erst war Udo Jürgens 80 Jahre alt geworden, bevor er am Sonntagnachmittag während eines Spazierganges an plötzlichem Herzversagen verstorben ist. Rund um seinen Geburtstag nahm sich der Musiker noch viel Zeit für Interviews, in denen er das „Phänomen Udo Jürgens“ erklärte.

„Der letzte Ton gesungen/Der letzte Akkord verklungen/Das letzte Autogramm geschrieben/Fühl’ mich wie übrig geblieben“ - mit dem Song „Zehn vor Elf“ hat sich Udo Jürgens effektvoll und traurig von seinen Fans verabschiedet bei der großen 80er-Gala, die vom ORF mitveranstaltet und nun am Sonntagabend in memoriam noch einmal ausgestrahlt wurde. Das Lied ist ein typischer Jürgens-Schlager: gefühlig an der Grenze zum Kitsch, aber niemals weit drüber.

Udo Jürgens

APA/dpa/Martin Athenstädt

Jürgens 1980 bei einem ZDF-Auftritt mit Volksschulkindern aus Bad Godesberg

In einem ORF-Interview sagte Jürgens unlängst: „Meine Lieder sind wie meine Kinder. Ich hab’ sie gerne, auch die, die mir nicht gelungen sind. Ich hab’ sie gerne, auch weil sie mir in ihrer Hilflosigkeit ein bisschen leidtun. Dann denk’ ich mir: ‚Hätt‘ ich mir doch ein bisschen mehr Mühe gegeben - dann wärst du vielleicht auch so ein großer Song wie ‚Ich war noch niemals in New York‘ geworden.’“

Was die Produzenten wollten

Aus dem Mund von jemandem wie Jürgens ist das Understatement. Denn der gebürtige Kärntner war Zeit seines Lebens ehrgeizig über jedes Maß hinaus - und weit mehr als nur Entertainer und Schlagersänger. Jürgens war Komponist, er hatte in Klagenfurt und am Mozarteum in Salzburg Musik studiert. Scherzhaft nannte er seine Ausbildung im September gegenüber dem Hessischen Rundfunk eine „schlechte Voraussetzung“ für seinen Beruf. In Wahrheit aber sieht er genau darin den Grund für die im deutschen Sprachraum beispiellose jahrzehntelange Karriere.

1959 erzielte er im Alter von 25 Jahren einen ersten Achtungserfolg mit dem Song „Jenny“. Damals ließ er sich von seinen Produzenten noch zwingen, wie Freddy Quinn zu singen, weil das gerade modern war, rollendes R inklusive. Der große Durchbruch folgte dank dem Song-Contest-Sieg 1966 mit „Merci, Cherie“. Danach wollten die Produzenten nur noch Lieder, die genauso klingen wie der Gewinnersong.

Was Jürgens stattdessen lieferte

Jürgens aber dachte: Wer sich ständig wiederholt, dessen Erfolg verpufft so rasch, wie er gekommen ist. Und so legte er seine ganze kompositorische Energie in Schlager, die Fans für ihre Einfachheit schätzen und Kritiker naserümpfend für ebendiese Einfachheit ablehnen. Beiden ist nicht klar, wie komplex die Songstruktur und wie komplex die Melodien von Liedchen wie „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ eigentlich sind.

In besagtem Radiointerview erklärte Jürgens, was für ein Coup das Lied war, weil er den Refrain eine Terz heruntersetzte - wo doch damals die Tonart entweder beibehalten oder hochgesetzt wurde. Er aber fand, dass „ein Tonartwechsel nach unten die Harmonie öffnet“. Dann hat Jürgens für das Lied auch noch einen Motown-Rhythmus verwendet, weil der gerade modern war. Jürgens kam ins Schwärmen, als er erzählte, wie er das „Sie“ von der Strophe in das „Siebzehn“ des Refrains rüberschmierte. Anscheinend war bei solchen Songs kein einziger Ton dem Zufall überlassen.

Die „ganz kleinen Geheimnisse“

Wenn Jürgens über seine Lieder sprach, führte er Analogien an, die weit hergeholt scheinen: Beethoven, Schubert, Bach. Aber Beispiele zeigen, dass da etwas dran ist. Selbst beim Quinn-artigen Song „Jenny“ führte Jürgens im Interview vor, wie er bei der Zerlegung der Akkorde an die rhythmisch gespielten Arpeggien in Schuberts „Ave Maria“ in der Pianoversion von Franz Liszt dachte. Jürgens sagte: „Das sind so ganz kleine Geheimnisse, die in Liedern drin sind, die sich sogar manchmal technisch erklären lassen.“

Udo Jürgens

AP/Karl-Heinz Kreifelts

Udo Jürgens und die deutsche Nationalmannschaft 1989

Der Jazzkomponist Henry Mancini habe einmal zu ihm gesagt: „Ein Lied, das man nicht allein am Klavier spielen kann, ist kein gutes Lied.“ Jürgens punktete mit einer scheinbaren Einfachheit. Dass diese Einfachheit tatsächlich nur scheinbar war, habe sich daran gezeigt, dass seine Songs von Bierzeltmusikern jahrzehntelang kaum gespielt wurden. Sie hörten sich „einfach“ an, aber waren „einfach zu kompliziert“, so Mancini.

Wie die Texte entstanden

Bei den Texten legte Jürgens genau denselben Perfektionismus an den Tag. Und weil er wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, nicht nur ein grandioser Musiker, sondern auch ein ebensolcher Lyriker zu sein, relativ gering war, und weil er sich diesbezüglich nicht selbst belügen wollte, lagerte er das Schreiben seiner Lyrics fast vollständig aus. Das heißt aber nicht, dass die Texte gar nicht von ihm waren.

Von ihm kamen die Melodie und meist auch die Grundidee. Die Strophen und Refrains entstanden dann nach Vorgaben von Jürgens. Ein ganzer Stab talentierter Texter formulierte aus, was der Musiker sich in groben Strukturen überlegt hatte. In einem Interview mit der „Zeit“, ebenfalls vom September, erzählt er von der „großartigen Zusammenarbeit“.

„‚Mein Bruder ist ein Maler‘ ist ein typisches Beispiel. Da habe ich zum Wolfgang Hofer gesagt: ’Hör zu, mein Bruder und ich haben gestern die halbe Nacht darüber geredet, wer glücklicher ist, wenn er über seine Arbeit nachdenkt: der Maler, der das Bild bei sich an der Wand hat und immer drauf gucken kann, aber es ist still in dem Raum - oder der Musiker, der auf der Bühne der Mittelpunkt der Welt ist, aber wenn sein Lied verklungen ist, dann ist es weg.“ Hofer setzte sich hin, schrieb den Text, und am Ende feilten er und Jürgens noch daran herum.

„Frech“ oder „kritisch“

Wie die Musik waren auch die Texte für ihn nicht „nur Schlager“. Schlager - ja, darauf, so Jürgens, sei er sogar stolz, darauf, dass seine Lieder beim Oktoberfest ganz große Renner seien -, aber eben nicht „nur“ Schlager. Die Texte unterscheidet er - das kommt heraus, wenn man mehrere Interviews liest - in die „frechen“ („Siebzehn Jahr“), die „gefühlvollen“ („Zehn vor Elf“) und die „gesellschaftskritischen“ bzw. durchaus „politischen“ (etwa der kirchenkritische Song „Gehet hin und vermehret euch“).

Udo Jürgens

Reuters/Tobias Schwarz

Jürgens wurde 2008 mit der „Goldenen Henne“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet

Dabei war Jürgens, wiewohl in den 1960er Jahren musikalisch sozialisiert, in anderem Sinn „politisch“ als viele seiner Zeitgenossen. Im „Zeit“-Interview sagt der Spross einer wohlhabenden Bankiersfamilie, dass er zumeist konservativ gewählt hatte - aus Sorge um die Wirtschaft. Nur Freund Bruno Kreisky bekam von ihm eine rote Stimme. Mit Jörg Haider habe er sich persönlich nicht schlecht verstanden, dessen Politik aber strikt abgelehnt - was er ihn sowohl persönlich als auch öffentlich wissen lassen habe.

Nachdenklich im Rückblick

Ob in der Politik, privat oder beruflich: Das Jammern, beteuerte Jürgens, das so typisch für Österreich sei, lehne er kategorisch ab. Nachdenklichkeit hingegen ließ er gerne als eines seiner Markenzeichen gelten, auch wenn es um ihn selbst und um die Einschätzung seines Lebenswerkes ging. Das galt nicht nur für Songs, für die er sich gerne mehr Mühe gegeben hätte - sondern auch für die Prioritätensetzung im Leben. Für eine große Egoanklage ist Jürgens bis zuletzt zu selbstbewusst geblieben.

Aber er schlug in Interviews mitunter auch leise Töne an. Dass er sich so wenig um seine Familie gekümmert hatte und so viel um die Karriere, schien ihn rückblickend zu bekümmern. Etwa, dass er nach der Geburt seines ersten Sohnes nicht einmal die damalige Japan-Tournee unterbrochen hatte, um das Baby auf der Welt zu begrüßen und seiner ersten Frau beizustehen. Das war einer seiner großen Zukunftspläne: nach der letzten Tournee „jetzt aber wirklich“ leiser zu treten und sich mehr um die Familie zu kümmern, mehr mit den Enkeln zusammen sein.

Pläne nicht mehr umgesetzt

Auch beruflich verrieten seine Pläne für die Zukunft eine gewisse Wehmut darüber, dass man nicht zwei unterschiedliche Leben haben kann. Jürgens hatte als junger Mensch nicht nur Klassik gespielt, sondern mehr noch Jazz. Dafür sei er handwerklich nicht gut genug gewesen und nicht zuletzt deshalb zum Schlager und Chanson ausgewichen. Nun aber wollte er „vielleicht“ noch eine Jazzplatte aufnehmen und „vielleicht“ ein dreiteiliges symphonisches Werk. Über seine jüngsten Platten sprach Jürgens augenzwinkernd als „Altherrengebrummel“, das die Plattenfirma eben noch haben wolle.

Die neue CD, die ausverkaufte Tournee, die Geburtstagsgala - ganz kalt ließ ihn die Begeisterung über das „Altherrengebrummel“ nicht, wie er im Interview mit „Wien heute“ sagte: "Dass ich jetzt in dieser Position meines Lebens nach so vielen Jahren solche Dinge erlebe, das erfüllt mich mit großem Stolz“ - mehr dazu in wien.ORF.at.

Vielen Dank für die Blumen

Im Interview mit Ö1 sprach er auch seine Gedanken zum Tod aus: „Ich bin erfolgreich geworden auf einem schwierigen Weg, so gesehen würde ich mich zu den glücklichen Menschen zählen. Natürlich, das Glück hat immer zwei Gesichter. Ich bin inzwischen in einem Alter, wo man sich auch bedroht fühlt vom eigenen Alter und wo einem die Endlichkeit des Daseins klar und deutlich vor Augen geführt wird - und wo du merkst, wenn du jetzt was tust, in deinem Beruf, dann wird das ganz wichtig, was du tust. Aber die Musik lebt immer noch, und auf das kommt es mir an.“

Im Song „Ich lass Euch alles da“ heißt es: „Ich will die Ewigkeit und keinen Abgesang“ und „Es war das Paradies, und zwar von Anfang an/Ich will die Ewigkeit, und keinen Abgesang/Es war ein Feuerwerk, das mit euch begann“. Die zahlreichen und höchst emotionalen Reaktionen auf den Tod von Udo Jürgens zeigen, wie sehr er im Leben vieler Menschen verankert war. „Ich lass Euch alles da“ wird nun als Abschiedssong allerorten zitiert. In seinen letzten Interviews hatte Jürgens jedenfalls viel Humor bewiesen. Vielleicht hätte er selbst sich mit einem Zitat aus dem Tom-und-Jerry-Song verabschiedet: „Vielen Dank für die Blumen.“

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