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Schweiß, Scheu und Scham

Im Rückblick des Erwachsenen auf die eigene Kindheit ist es ein individueller Zivilisationsprozess, den man - in der Regel mit nachträglicher Erleichterung über diese Anpassungsleistung - durchlaufen musste: Wenn man stark schwitzt, wie etwa nach dem Turnen, muss man sich nicht duschen, sondern man will es sogar. Für Kinder ist das freilich anders.

Dass das immer wieder auch zu familiären Spannungen führen kann, kennen viele aus eigener Erfahrung. Das Ringen zwischen Geruchsbelästigung und unnötiger Hautreizung durch Wasser steht dabei meist im Vordergrund - für die Kinder geht es aber, gerade in der Pubertät, auch um etwas ganz Anderes: Schamgefühle.

Noch viel stärker als in der Familie tritt dieser Aspekt in der Schule in den Vordergrund. Eine britische Studie zeigte nun, dass viele Kinder sich beim Turnen ganz bewusst nicht verausgaben, da sie das Duschen vermeiden wollen und deshalb möglichst wenig ins Schwitzen kommen wollen. Das ist auch hierzulande angesichts der Debatte über eine verpflichtende tägliche Stunde Bewegung in der Schule ein nicht unwesentlicher Aspekt. Immerhin wird diese heuer für Ganztagsschulen eingeführt.

Jugendliche sitzen auf Fußballfeld

Fotolia/Alain Vermeulen

Das in der Pubertät typisch schwierige Verhältnis zum eigenen Körper und die Angst vor Hänseleien lässt wohl viele Kinder die Dusche meiden.

Duscher kleine Minderheit

Eine Studie, die im „European Journal of Sports Sciences“ publiziert wurde, zeigte, dass Kinder, die nicht duschen, zuvor weniger aktiv waren - und zwar viele Kinder: Mehr als die Hälfte der befragten Burschen und zwei Drittel der Mädchen duschen niemals nach dem Turnunterricht. Auch wenn die Untersuchung keinen kausalen Zusammenhang herstellte, vermuten die Studienautoren dennoch, dass die Kinder sich aus Scheu vor dem gemeinsamen Duschen zurückhalten. Oder noch direkter gesagt: Die Fitness der Kinder leidet unter ihrem Schamgefühl.

Laut der Studie ist das Duschen nach dem Turnen „extrem selten“. An der Studie nahmen rund 4.000 Kinder in der nordöstlich von London gelegenen Grafschaft Essex teil: Sie kamen aus acht Mittelschulen - in der Stadt und auf dem Land, in sozial gehobeneren wie unterprivilegierten Wohngegenden. In allen Schulen gab es getrennte Duschen und Garderoben für Burschen und Mädchen.

Studienautor von Ausmaß überrascht

Dem Studienautor Gavin Sandercock von der Universität von Essex zufolge ist das die erste Studie über das Duschverhalten von Schülern in England. Er zeigte sich „überrascht, wie selten das Duschen geworden ist“. Diejenigen, die nicht duschten, waren demnach weniger aktiv und - bei den Mädchen - auch weniger fit.

Angezweifelt werden darf aber wohl, dass Schulkinder früher mehr duschten. Sicher ist, dass die Dusche in der Schule früher eine wichtigere Funktion hatte als heute. In Österreich wurden Duschmöglichkeiten etwa ab 1900 an den Schulen eingebaut - da damals die wenigsten Familien Dusch- oder Bademöglichkeiten im Haus oder in der Wohnung hatten, war das eine wichtige Hygienemaßnahme. Kinder kamen so zumindest einmal in der Woche in den Genuss einer Dusche. Dieses Erfordernis ist heute hinfällig.

Mädchen zurückhaltender als Burschen

Etwas mehr als die Hälfte der Buben gaben an, nie zu duschen, mehr als ein Drittel duscht gelegentlich. Nur jeder Zehnte stellt sich jedes Mal nach dem Turnen unter den Wasserhahn. Bei den Mädchen waren es zwei Drittel, die angaben, nach dem Turnunterricht nie zu duschen, nur jedes Vierte tut es manchmal. Eines von 13 duscht jedes Mal.

Sandercock fordert, dieses Problem anzugehen, „um sportliche Aktivität an Schulen zu erhöhen“. Turnen spiele eine Schlüsselrolle für die Fitness von Kindern. Doch nur, wenn sich Kinder auch physisch verausgabten, gebe es einen positiven Effekt. Kinder, die mit Erwachsenen zu Hause aktiv sind, duschten übrigens deutlich öfter.

Die Angst vor der Erniedrigung

Die Studie selbst untersuchte die Motive der Kinder nicht. Doch wird darin auf frühere Studien verwiesen, in denen die Angst vor Schikaniererei und Erniedrigung als Hauptgründe genannt werden. Die fehlende Zeit - zu kurze Pause - ist demnach mehr ein angenommenes als echtes Hindernis fürs Duschen.

Gegenüber BBC sagte Pamela Naylor von der englischen Gesundheitsbehörde, dass das Aussehen im Zusammenhang mit Umziehen und Duschen ein wichtiger Faktor sei - aber nur einer von mehreren. „Schulen, Arbeitsstätten und die lokalen Behörden haben alle Verantwortung dafür, dass sich die Einstellungen zu körperlicher Aktivität und allem, was damit verbunden ist - etwa das Schwitzen und die Notwendigkeit, sich zu duschen -, ändern.“

Naylors Worte lassen sich wohl auch als Warnung lesen: Dass nämlich Erwachsene mit übertriebener hygienischer Selbstzivilisierung nicht nur einen Lustverlust erleiden, wie schon Norbert Elias in seinem sozialhistorischen Klassiker „Über den Prozess der Zivilisation“ ausführte, sondern Kinder tiefer in ein von Schweiß, Scheu und Scham definiertes „Dramadreieck“ jagen.

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