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„Absolut keimfreie Reinräume“

Im Rahmen eines Vietnam-Besuches hat Japans Agrarminister Koya Nishikawa in Ho-Chi-Minh-Stadt zuletzt ein umfangreiches Investitionsabkommen abgeschlossen. Von großem Interesse erscheint den Stadtvätern der Millionenmetropole dabei offenbar Japans Know-how in einem bisher kaum bekannten Sektor: Den dank Hightech von Außeneinflüssen weitgehend unabhängigen Anbau hochwertiger Lebensmittel.

Japan zählt hier zu den großen Pionieren, und mit an Bord sind dabei etliche Elektronikkonzerne, die bereits mit ersten Pilotprojekten für Aufsehen sorgten. Fujitsu baut etwa in der Fukushima-Region in einem ehemaligen Halbleiterwerk Blattsalat an. Die 2.000 Quadratmeter umfassende und auch von der Regierung geförderte Hightech-Farm gilt nicht zuletzt als Testballon für Gemüseanbau in Gebieten, die - etwa wie nach dem Reaktorunfall von Fukushima - für normale Landwirtschaft nicht mehr geeignet sind.

Alles bio?

Damit aber nicht genug: Die unter Laborbedingungen angebauten Produkte sollen sich zudem geradezu maßschneidern lassen, wobei etwa für nierenkranke Patienten der Kaliumanteil gezielt gesenkt wird bzw. durch einen niedrigeren Nitratgehalt ein weniger bitterer Geschmack erzielt werden soll. Außer Frage steht, dass Anbau wie dieser weit aufwendiger und kostspieliger ist als in der herkömmlichen Landwirtschaft. Angesichts der sterilen Umgebung kann aber auf Pflanzenschutzmittel verzichtet werden - produziert wird aus Sicht der Hightech-Farmer somit alles bio.

Salatzucht von Toshiba

picturedesk.com/AFP/Toshifumi Kitamura

Japans Elektronikriesen werden zunehmend zu Hightech-Bauern

Ebenfalls auf Blattsalat setzt aus Gründen wie diesen der Elektronikriese Toshiba, der für seine landwirtschaftlichen Ambitionen eine zuvor 20 Jahre stillgestandene Diskettenfabrik nahe Tokio reaktivierte. Der Einstieg von Toshiba war allerdings alles andere als ein Zufall. Zahlreiche für den Hightech-Agrarbereich notwendige Komponenten wie Beleuchtung, Wasserdesinfektionsanlagen und Elektrogeneratoren befanden sich vielmehr schon zuvor im Portfolio des Konzerns. Das omnipräsente Toshiba-Logo mag allein aus diesem Grund wenig verwundern - dass auch die für die Steuerung der Anlage verwendeten Tablets aus dem eigenen Haus stammen, versteht sich dabei wohl von selbst.

Toshibas Plänen zufolge sollen in den „absolut keimfreien Reinräumen“ pro Jahr Salat, Spinat und anderes Gemüse sowie Kräuter im Wert von 300 Millionen Yen (rund 2,2 Mio. Euro) produziert werden und an lokale Supermärkte, Feinkostläden und Restaurants verkauft werden. Punkten will Toshiba mit seinem neuen Geschäftsfeld aber nicht nur auf dem japanischen Markt - seine Hightech-Farmen will der Elektrokonzern langfristig vielmehr in ganz Asien und auch im Mittleren Osten etablieren.

Bereits abseits von Japan aktiv sind gleich mehrere aus dem ursprünglichen Geschäftsfeld bekannte Konkurrenten. Sharp züchtet etwa in Dubai unter Hightech-Bedingungen „typisch japanische Erdbeeren“, Panasonic betreibt in Singapur ein vollautomatisiertes Gewächshaus zur Produktion von Gemüse, und Fujitsu plant für den Einstieg in den vietnamesischen Markt ein „Modell für smarte Landwirtschaft“ in Hanoi.

„Echte landwirtschaftliche Revolution“

So wie Fujitsu begann auch Panasonic in der Region Fukushima und mit staatlicher Unterstützung mit seinen landwirtschaftlichen Ambitionen. Seit März des Vorjahres züchtet der Konzern dort in einer ehemaligen Fabrik für Digitalkameras unter LED-Licht und automatisierter Bewässerung, Düngung und Temperatursteuerung diverse Gemüsesorten.

Eine weitere Produktionsanlage von Hightech-Gemüse findet sich in der benachbarten und ebenfalls vom Erdbeben und Tsunami des Jahres 2011 schwer getroffenen Präfektur Miyagi. Auch hier setzte man auf die Idee, einen aufgelassenen Industriekomplex zum Gewächshaus umzubauen. Medienberichten zufolge handelt es sich bei der ehemaligen Sony-Fabrik um die derzeit weltgrößte „Indoor-Farm“, und in dieser werden nach Angaben des Portals GeReports seit Juli 2014 nun 10.000 Salatköpfe pro Tag produziert.

Für das Projekt zuständig ist der Biologe Shigeharu Shimamura, er spricht von einer „echten landwirtschaftlichen Revolution“. In den vergangenen 10.000 Jahren sei die Landwirtschaft zwar immer weiter perfektioniert worden - erst jetzt habe man aber ein Mittel gegen Umwelteinflüsse wie Stürme und Dürre gefunden, die immer wieder ganze Ernten vernichten.

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