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Noch kein Kompromiss in Sicht

An den Umschlagterminals an der US-Westküste kommt es zu massiven Verzögerungen und Staus beim Verladen der Containergüterzüge. Hauptgrund ist ein Streik der Hafenarbeiter, die um drei Prozent mehr Gehalt fordern. Unternehmen schlagen Alarm, denn unter den Streiks leiden ganze Branchen - über die USA hinaus.

Am schlimmsten betroffen ist die Fleisch- und Geflügelindustrie. Einer Schätzung des North American Meat Institute zufolge beschert dieser Branche eine Woche Hafenstau rund 30 Millionen Dollar Verlust. Der Verband der Schweinezüchter in den USA klagt, dass die Preise seit Jahresbeginn um 20 Prozent gefallen sind.

Preisverfall bei verderblichen Waren

Verantwortlich dafür ist der Umstand, dass für den Export vorgesehene Schweineprodukte in den Häfen nach der langen Wartezeit kurz vor Ablauf des Verfallsdatum billig in den USA verkauft werden - oder in den Müll wandern. „So manche Ware kann nicht einfach mal eben zwei Wochen auf irgendeinem Dock herumstehen, ohne zu verderben“, wurde ein Branchensprecher am Dienstag im „Handelsblatt“ zitiert.

Auch der Einzelhandel meldete Anfang Februar Verluste an. Das US-Modeunternehmen Ann Taylor schätzt die durch Lieferengpässe entstandenen Kosten auf acht Millionen Euro. Sportartikelhersteller Lululemon geht sogar von zehn Millionen aus.

Container im Hafen von Los Angeles

AP/Damian Dovarganes

Im Hafen von Los Angeles stapeln sich seit Wochen Tausende Container

Bereits Ende Dezember gab McDonald’s Japan bekannt, dass die Reserven von Pommes frites bereits knapp seien. „Wir haben unsere Portionen reduzieren müssen, mittlere und große Pommes-Tüten gibt es derzeit in Japan nicht mehr. Die Probleme mit dem Nachschub haben den Umsatz im Dezember stark beeinträchtigt“, wird ein McDonald’s-Sprecher am Mittwoch im „Handelsblatt“ zitiert.

Lkw-Fahrer stehen Schlange

Bummelstreiks von Hafenarbeitern sind der Grund für die erheblichen Verzögerungen in den insgesamt 29 Häfen der Westküste beim Im- und Export, die größten befinden sich in Los Angeles und Long Beach. An Streiktagen steht für die Abfertigung der Container kein bzw. zu wenig Personal zur Verfügung. Lkw-Kolonnen an Land sind die Folge.

Lkws im Hafen von Los Angeles

AP/Nick Ut

LKW-Fahrer müssen oft tagelang auf ihre Auslieferung ihrer Waren warten

Auslöser für die Streiks ist ein seit Monaten anhaltender Tarifstreit zwischen Westküstenhafenarbeitern und ihren Arbeitgebern, der sich immer mehr zuspitzt. Die Gewerkschaft fordert, dass die Löhne bis 2020 jährlich um drei Prozent erhöht werden.

Schließung schon in den nächsten Tagen möglich

Sollte man dieser Forderung nicht nachkommen, droht die Gewerkschaft mit einer Totalschließung aller Häfen. „Das könnte schon in den nächsten fünf bis zehn Tagen passieren“, sagte Gewerkschaftssprecher Craig Merrilees am Donnerstag in der „Bloomberg Business Week“.

Für die Pacific Maritime Association (PMA), in der die Reedereien und Terminalbetreiber vereint sind, hätte das fatale Folgen. „Eine Schließung käme einem Kollaps der US-Hafenwirtschaft gleich“, warnte PMA-Präsident James McKenna am Donnerstag gegenüber „Bloomberg“.

Schlichtungsstelle vermittelt

Dadurch wären auch Jobs akut gefährdet. „Ich denke daher nicht, dass es zu einer Totalschließung kommt“, sagte McKenna. Inzwischen versucht eine Schlichtungsstelle, im Arbeitsstreit zu vermitteln, allerdings zeichnet sich derzeit kein Kompromiss ab.

Bereits 2002 war es zu einer Totalschließung der Häfen von zehn Tagen gekommen. „Das kostete die US-Wirtschaft zwei Milliarden Dollar pro Tag“, sagte McKenna. Erst nach der Intervention durch den damaligen US-Präsidenten George W. Bush wurde die Schließung aufgehoben.

Doch die Gewerkschaft kämpft derzeit noch an einer anderen Front gegen die PMA. In einer Modernisierungsoffensive plant diese nämlich, die Häfen mit mehr Computersystemen auszustatten sowie die Wartung und Reparatur der Transportmittel für Lkws aus Spargründen in die Hand von externen Firmen zu legen. Die Gewerkschaft fürchtet dadurch den Wegfall von Arbeitsplätzen. Laut „Bloomberg“ könnten etwa 600 Stellen davon betroffen sein.

Angst vor Stellenabbau

„Die Großreedereien entwickeln immer größere Schiffe, darauf müssen wir reagieren. Die Häfen sind im Bereich der Digitalisierung nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik und können die Riesenladungen nicht mehr bewältigen. Bereits jetzt sind viele Schiffe um rund ein Drittel größer, als es die Häfen an der Westküste bewältigen können“, begründete ein PMA-Sprecher Anfang Februar die Modernisierungsoffensive in den „Financial Times“.

Noch vor fünf Jahren habe laut dem Sprecher eine Schiffsladung aus rund 5.000 Containern bestanden, heute schöben sich Ozeanriesen mit 12.000 Containern über die Meere. „Das aktuell größte Containerschiff der Welt kann 19.100 aufnehmen.“

Gewerkschaft fordert auch Personalaufstockung

Für Merrilees ist das der falsche Schritt, vielmehr müsse der Personalstand in den Häfen dringend aufgestockt werden. Laut PMA ist dagegen genug Personal vorhanden, man wirft der Gewerkschaft vor, derzeit absichtlich viel zu wenig Personal bereitzustellen, um so den Druck auf die Betreiber bei den Tarifverhandlungen zu erhöhen. Ob es durch die Modernisierungspläne zu einem Stellenabbau kommt, wollte der Sprecher nicht kommentieren.

Der Streit spitzt sich also zu, und schon bald könnte die Lage noch dramatischer werden. Denn es steht bereits der nächste Hochbetrieb vor der Tür: das chinesische Neujahr am 19. Februar. Um diesen Feiertag herum haben chinesische Fabrikarbeiter traditionell frei, entsprechend häufen sich kurz vorher die Bestellungen. Zugleich müssen aber noch die bestehenden Rückstände der letzten Wochen abgearbeitet werden. Insider vermuten, dass es inzwischen mehrere Wochen dauern könnte, bis man seine Lieferung aus dem Hafen bekommt.

Alternativrouten für Unternehmen zu teuer

Um wegen der derzeitigen Streiks nicht noch mehr Einbußen in Kauf nehmen zu müssen, versuchen Unternehmen mitunter, mittels Flugzeugen ihre Güter über den Ozean zu bringen, was aber bis zu zehnmal so viel kosten kann wie mit dem Schiff. Ein Transport der Container auf der Schiene sei schwierig, weil fahrbare Untersätze - Ölfirmen belegen passende Waggons - fehlen.

Und auch eine Alternativroute auf dem Meer über die Ostküste kommt derzeit aus Kostengründen nicht infrage, da der amerikanische Kontinent umrundet werden müsste. Erst im Laufe des Jahres soll eine Erweiterung des Panamakanals dafür sorgen, dass auch Ladungen von und nach Asien von der Ostküste aus möglich sind.

Franz Hollauf, ORF.at

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