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Flexibler und weniger

Länger arbeiten und damit das Pensionssystem finanzierbar halten: Das ist das Ziel für die Politik und eine Herausforderung für Unternehmen und Beschäftigte. Der Trend eines sinkenden Pensionsantrittsalters wurde 2014 erstmals seit Jahrzehnten gestoppt. Bis 2018 soll ein durchschnittlicher Pensionsantritt von 60,1 Jahren erreicht werden. Diese Medaille hat aber auch eine Kehrseite.

Zeitdruck, Überstunden und Schichtdienste gehören in vielen Berufen zum Alltag, sind aber für viele ältere Beschäftigte immer schwieriger zu bewältigen. Viele müssen aus gesundheitlichen Gründen aufhören oder trennen sich „einvernehmlich“ vom Unternehmen. Schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit bei Älteren hoch. Im Jänner war rund ein Viertel aller Arbeitslosen über 50 Jahre – über 104.000. Das ist ein Anstieg von fast 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Statistik des Sozialministeriums zeigt.

Ab 2020 wird die Gruppe der 45- bis 64-Jährigen erstmals den größten Anteil der Personen im Erwerbsalter darstellen. Für Politik und Wirtschaft gibt es Handlungsbedarf. Derzeit werden Millionen in Maßnahmen für die Arbeitsmarktintegration Älterer investiert. Das Arbeitsmarktservice (AMS) investiert heuer nach Angaben von AMS-Chef Johannes Kopf 120 Mio. Euro in Lohnzuschüsse für ältere Arbeitskräfte.

Nicht mehr „lächerlich“, Ältere zu integrieren

Der Zugang zu älteren Mitarbeitern habe sich stark gewandelt, ist die Unternehmensberaterin Irene Kloimüller im ORF.at-Interview überzeugt: „Noch vor einigen Jahren schien es lächerlich, Ältere zu integrieren. Inzwischen merken Firmen, dass sie deren Qualität brauchen. Das Thema wurde enttabuisiert – auch wenn es nach wie vor einige Unternehmen gibt, die sich mit Handshakes von älteren Mitarbeitern verabschieden.“

Für altersgerechte Arbeitsplätze brauche es vor allem flexiblere Arbeitszeiten. „Viele Ältere können nicht mehr als fünf bis sechs Stunden pro Tag arbeiten. Alles, was starr ist, grenzt Gruppen aus." Auch Schichtarbeit sei altersgerecht gestaltbar. Zudem müsse der Übergang vom Arbeitsleben in die Pension fließender möglich sein. Gespräche über eine Teilpension laufen derzeit.

Weniger und flexibler arbeiten

Arbeitszeit reduzieren, bessere gesundheitliche Betreuung und wertschätzende Arbeitgeber gelten als entscheidende Kriterien, länger im Erwerbsleben zu bleiben. Das geht auch aus einer Ende 2014 vorgestellten Studie über „Berufliche Entwicklung und Weiterbildung von Arbeitnehmern 50+“ hervor, die im Rahmen des Forschungsnetzwerks Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) mit dem Fokus auf Österreich erstellt wurde.

Gesundheitliche Gründe zählen in Österreich schon jetzt zu den wichtigsten Argumenten für den Pensionsantritt, wie die SHARE-Studie zeigt. Knapp 20 Prozent gehen deshalb in Pension. In den Niederlanden trifft das nur auf rund fünf Prozent zu. Jeder fünfte 50- bis 64-Jährige machte sich in Österreich Sorgen, aus gesundheitlichen Gründen die derzeitige Beschäftigung nicht bis zum regulären Pensionsalter ausüben zu können. Auch was die Erwerbsquote dieser Altersgruppe angeht, hinkt Österreich dem europaweiten Durchschnitt von knapp 49 Prozent hinterher. Hier gehen nur rund 43 Prozent der 55- bis 64-Jährigen einer Erwerbsarbeit nach.

Wiedereingliedern in Deutschland verpflichtend

Deutschland setzt bereits seit 2004 auf ein verpflichtendes Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM). Alle Mitarbeiter - jung und alt -, die mehr als sechs Wochen Krankenstand innerhalb eines Jahres haben, können freiwillig an einem BEM-Prozess teilnehmen. Ziel ist, durch Gespräche, Beratung und konkrete Änderungen im Arbeitsumfeld die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen und den Arbeitsplatz zu erhalten.

Die Praxis sieht aber anders aus. „Es dauerte lange, bis bei Unternehmen die Notwendigkeit gesehen wurde, ein gutes BEM-System einzuführen. Manche setzen den Prozess nur auf dem Papier um. Es fehlt eine kontrollierte Umsetzung“, analysiert Tobias Reuter, Geschäftsführer des deutschen Instituts für Arbeitsfähigkeit, gegenüber ORF.at. Allerdings habe sich bei guter Umsetzung der Workability-Index, also wie Beschäftigte ihre Arbeit bewältigen können, im Vorher-Nachher-Vergleich eindeutig verbessert. Und Kündigungen wegen Krankheit seien schwieriger geworden, so Reuter: „Wenn vor einer Kündigung kein Eingliederungsmanagement durchgeführt wurde, ist diese unwirksam. Die Hürden sind höher geworden.“

Freiwillig fit

Österreich geht bisher einen anderen Weg und setzt auf Freiwilligkeit. Das Ende 2011 in einigen Bundesländern gestartete und seit 2013 österreichweite „fit2work“-Programm soll Arbeitnehmer länger arbeitsfit halten. Derzeit beteiligen sich über 230 meist mittlere und größere Unternehmen freiwillig. Im Mittelpunkt stehen Beratung und Schulungen, wenn Mitarbeiter aus gesundheitlichen Gründen gefährdet sind, ihre Arbeitsfähigkeit zu verlieren.

„Das betrifft 25-Jährige genauso wie ältere Mitarbeiter, auch wenn diese häufiger betroffen sind“, erklärt Kloimüller, die das Programm betreut. Auch der Arbeitsmarktexperte der Arbeiterkammer (AK), Gernot Mitter, beobachtet eine positive Entwicklung von „fit2work“: „Es wird zunehmend besser angenommen. Das Interesse steigt, und es wächst quantitativ und qualitativ.“

Hundstorfer macht Druck

Die Regierung möchte noch einen Schritt weiter gehen. Seit Monaten ist ein im Regierungsprogramm geplantes Bonus-Malus-System zwischen den Sozialpartnern in Verhandlung. Nicht zuletzt aufgrund der Wirtschaftskammerwahlen Ende Februar stocken die Gespräche. Erst vor wenigen Tagen machte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) via ZIB-Interview Druck: „Wenn überhaupt nichts passiert bis zum Ende der WKO-Wahl, werde ich mir gestatten, selber einen Vorschlag auf den Tisch zu legen." Das Bonusmodell soll ab 2016 kommen, ein Jahr darauf könnte der Malus wirken, so ein Sprecher des Sozialministeriums gegenüber ORF.at.

Ob es wirklich zu Strafzahlungen kommt, darauf wollte sich Hundstorfer noch nicht festlegen. Im Gespräch ist derzeit eine Anhebung der Beschäftigungsquote von Mitarbeitern über 55 in Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern von elf auf 14 Prozent. Gestritten wird nun über das mit Anreizen und Strafen verbundene Quotensystem. Die Arbeiterkammer(AK) wünscht sich, dass Unternehmen einen Malus von 0,5 Prozent der gesamten Bruttoentgelte für die im Jahresdurchschnitt Beschäftigten eines Betriebs zahlen – „je nachdem, wie weit das Unternehmen von der Zielbeschäftigungsquote entfernt ist“, so Mitter, der selbst im Bonus-Malus-Verhandlungsteam sitzt, im ORF.at-Interview.

Wirtschaft gegen Strafen

Die Einnahmen aus dem Malus sollten jedenfalls 1:1 für Bonuszahlungen ausgegeben werden, um Unternehmen bei der Beschäftigung älterer Mitarbeiter zu unterstützen, so Mitter. Rückendeckung erhält die Arbeitnehmerseite auch von der ÖVP. Vor einigen Wochen machte sich ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka für das Bonus-Malus-System stark: „Dann müssen wir eben ein Gesetz ohne den Applaus der Wirtschaftskammer machen.“ Dass es den Malus nicht einseitig geben könne, sei „wohl klar“.

Die Arbeitgeber wehren sich jedenfalls vehement gegen ein Bonus-Malus-Quotensystem. „Denn ein System der Strafzahlungen zu schaffen bringt keinen einzigen zusätzlichen Arbeitsplatz und wird die Probleme des Pensionssystems nicht lösen“, kritisiert der Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Georg Kapsch. Die WKO befürchtet eine „unglaubliche Bürokratie“ durch das Bonus-Malus-System. Die Arbeitgeber setzten auf den Abbau des Senioritätsprinzips, moderne Arbeitszeitregelungen und eine bessere Altersteilzeit.

„Ältere sind attraktiv“

Dass etwas getan werden muss, ist vielen Arbeitgebern mittlerweile klar. „Wir haben hier eine große Herausforderung zu stemmen, und dieser müssen wir uns stellen. Unternehmen brauchen das Bewusstsein dafür“, sagt Christian Nörpel, Personalchef bei dem Fahrzeugtechnikbetrieb Miba Sinter Austria, gegenüber ORF.at. Von einer gesetzlichen Verpflichtung, aber auch von Bonus- und Maluszahlungen hält er wenig: „In einem guten Mix ist es attraktiv, ältere Mitarbeiter in der Organisation zu haben. Deren Erfahrung ist für Unternehmen unumgänglich. Dafür braucht es kein zusätzliches Bonus-Malus-System.“ Ähnlich argumentiert auch die Personalchefin bei dem oberösterreichischen Familienbetrieb Schachermayer, Stephanie Kneifel: „Quoten sind selten ein adäquates Mittel.“

Miba und Schachermeyer zählen zu den acht Betrieben in Oberösterreich, die an dem freiwilligen BEM-Projekt („BEMNetz“) teilnehmen – das für junge genauso wie für ältere Mitarbeiter, die einen längeren Krankenstand hinter sich haben, gilt. Für Kneifel ist die Zusammenarbeit junger und älterer Kollegen entscheidend sowie die Möglichkeit längerer Erholungsphasen für ältere Mitarbeiter.

Diese Prozesse gut zu strukturieren und zu managen sei nicht zuletzt aufgrund von Langzeitkrankenständen eine „betriebliche Notwendigkeit“, so Nörpel. Da gehe es zum einen um ein steigendes Bewusstsein zum Thema Gesundheit und um notwendige Änderungen am Arbeitsplatz, zum anderen um einen gelungenen Wiedereinstieg, bei dem der Mitarbeiter nach einem längeren Ausfall über Geschehnisse informiert werde und einfach ein „Schön, dass du wieder da bist“ höre.

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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