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„Werbekunden nicht verärgern“

Ein prominenter Abgang bei der Zeitung „Daily Telegraph“ sorgt in Großbritannien für Aufsehen. Ein Journalist des konservativen Blattes verkündete am Dienstag seinen Rückzug. Er wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber vor, auf Druck des Bankriesen HSBC die kritische Berichterstattung praktisch eingestellt zu haben.

Peter Oborne war Chefkommentator des Blattes und hatte sich mit Enthüllungen über den Spesenskandal im Parlament einen Namen gemacht. In einem Artikel für die Website Open Democracy schilderte Oborne die zurückhaltende Berichterstattung des „Telegraph“ zu jüngsten Geldwäschevorwürfen gegen HSBC und die angebliche Unterdrückung früherer negativer Artikel über die Bank.

„Berichte mit der Lupe suchen“

Während alle Zeitungen über das Thema groß berichteten, habe man die Artikel im „Telegraph“ mit der „Lupe suchen“ müssen, so Oborne. Der Grund dafür liege schon einige Jahre zurück, so der Journalist. Nach einer Reihe kritischer Artikel 2012 kündigte der „Großkunde“ HSBC 2013 die Anzeigenschaltungen in der Zeitung. Von da an seien praktisch keine Berichte mehr über die Schweizer Bank erschienen. Ein Jahr später schaltete die Bank wieder Inserate.

„Die jüngste Berichterstattung des Telegraph über HSBC ist ein Betrug an den Lesern“, schrieb Oborne. Diese und Kürzungen der Eigentümer bei der Zeitung schadeten letztlich deren Ruf und dem medialen Diskurs. Auch über die Großrazzia der Schweizer Justiz bei der HSBC-Niederlassung in Genf und die Eröffnung des Strafverfahrens wegen des Verdachts auf schwere Geldwäsche berichtete der „Telegraph“ am Mittwoch auf seiner Website eher zurückhaltend.

Kein Einzelfall

Und der HSBC-Skandal ist offenbar kein Einzelfall: Einen ähnlichen Kniefall seines Arbeitsgebers habe es auch bei der Berichterstattung über die Proteste der Demokratiebewegung in Hongkong gegeben. Kein einziger kritischer Kommentar zu China sei erschienen, dafür habe der chinesische Botschafter einen Gastbeitrag verfassen dürfen.

Vergangenen Mai habe die Zeitung dem Kreuzfahrtschiff „Queen Mary II“ breiten Raum gegeben - als einziges Medium Großbritanniens. Die Reederei Cunard sei ebenfalls ein wichtiger Anzeigenkunde, so Oborne. Er wundert sich zudem, dass seine Zeitung im September über einen Rechenfehler der britischen Supermarktkette Tesco in Höhe von 300 Millionen Euro bei der Gewinnprognose nur am Rande berichtet hatte, während alle Konkurrenzmedien dem Vorfall viel Platz einräumten.

„Undurchschaubare Führungskräfte“ entscheiden

Zudem kritisierte Oborne die Entlassungswellen in der Redaktion: Die Belegschaft sei in den vergangenen Jahren trotz so weit stabiler Leserzahlen so stark dezimiert worden, dass der Betrieb darunter gelitten habe. Als 2010 die Auflage zurückging, habe es große Änderungen in der Redaktion gegeben, so Oborne. Es seien weit mehr wichtige Redakteure gekündigt worden, und das, obwohl die Verkaufszahlen zwar sanken, aber nicht wirklich einbrachen.

2014 sei dann Chefredakteur Tony Gallagher gekündigt worden, an seiner Stelle sei ein „Content-Chef“ installiert worden. In den letzten Jahren hätten überhaupt „undurchsichtige Führungskräfte“ die Entscheidung getroffen, worüber berichtet werden darf und worüber nicht.

Kein Vertrauen in Eigentümer

Gleichzeitig habe sich die Blattlinie weg von journalistischen Kriterien bewegt und die Klickrate in der Onlineausgabe die Wichtigkeit von Storys bestimmt. So habe man eine Meldung über eine Frau mit drei Brüsten gebracht, obwohl allen klar gewesen sei, dass die Story eine Fälschung war.

In weiteren Interviews legte Oborne noch nach: Er sieht den Großteil der Redaktion des „Telegraph“ hinter sich, die breite Mehrheit habe weder Vertrauen in den Vorstandvorsitzenden der Telegraph Media Group, Murdoch MacLennan, noch in die Besitzer der Zeitung, die Multimillionäre Sir David und Sir Frederick Barclay. Sie hatten die Zeitung 2004 übernommen.

„Telegraph“ weist Vorwürfe zurück

Der „Telegraph“ wies die Vorwürfe empört zurück. Es handle sich um einen „erstaunlichen und unbegründeten Angriff voll Unzutreffendem und Unterstellungen“, sagte ein Sprecher laut dem Sender BBC. Die Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt sei immer ein Grundstein des Geschäfts gewesen: Alle anderslautenden Vorwürfe werde man widerlegen. Unterdessen berichtete der „Guardian“, der breit über den HSBC-Skandal geschrieben hatte, dass die Schweizer HSBC-Tochter alle Inseratenaufträge für die eigene Zeitung zunächst auf Eis gelegt habe.

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