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„Kommunikationskluft überbrücken“

Im Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen ist nun auch in Österreich eine „Mütterschule“ gestartet worden. Frauen erhalten dabei notwendige Informationen, um als „Frühwarnsystem“ fungieren zu können und ihre Kinder vor radikalen Einflüssen zu schützen, hieß es am Montag bei einer Pressekonferenz des Vereins Frauen ohne Grenzen in Wien.

„Die erste Abwehrfront ist zu Hause, hier werden die ersten Signale einer möglichen Radikalisierung sichtbar“, so Edit Schlaffer vom Verein Frauen ohne Grenzen. Bei der Bekämpfung der Radikalisierung gehe es darum, eine „Schieflage in der Gesellschaft“ zu thematisieren.

Schulung in „konstruktiver Dialogführung“

„Es geht um Jugendliche, die es nicht schaffen, Fuß zu fassen - das können auch ‚eingeborene‘ Österreicher sein. Im Grunde sind alle jungen Menschen betroffen, an denen die Chancen des Staates vorbeigehen“, so Schlaffer. Speziell an Elternabenden an „Brennpunktschulen“, also Orten, an denen derartige Konflikte häufiger auftauchen, möchte man ab sofort betroffene Eltern ausfindig machen. Danach wird die erste Gruppe mit etwa 15 Müttern gestartet.

Über einen Zeitraum von drei, vier Monaten werden sie einmal wöchentlich von speziell ausgebildeten Trainern und Trainerinnen unter anderem mit Techniken zur Früherkennung von Radikalisierung und der konstruktiven Dialogführung mit Kindern vertraut gemacht. „Wir sprechen nicht Mütter von Dschihadisten an, wir sprechen alle besorgten Mütter und auch Väter an“, so Schlaffer. An bisherigen Informationsabenden hätten sich nämlich auch Väter interessiert gezeigt.

Pilotprojekt in Tadschikistan

Das Konzept der Mütterschulen gegen Extremismus wurde bereits im Jahr 2012 von Frauen ohne Grenzen entwickelt. Die erste Mütterschule entstand 2013 in Tadschikistan. Bisher wurde das Projekt in mehreren von Terror betroffenen Ländern, darunter Pakistan, Indonesien, Nigeria und Indien, getestet. Rund 800 Mütter wurden nach ihren Angaben dabei sensibilisiert.

„Frauen sind durch die Mütterschulen proaktiver, reden mehr mit ihren Kindern und stellen Fragen, ohne sie zu kontrollieren. Sie wurden mit Selbstvertrauen und Würde ausgestattet und trauen sich nun zu fragen, was mit ihren Kindern los ist“, sagte Archana Kapoor, die für Mütterschulen in Indien und Kaschmir zuständig ist. In den Seminaren werde den Frauen eine wichtige Plattform geboten, um Erfahrungen zu teilen, miteinander zu sprechen und Gleichgesinnte zu finden.

„Wir haben durch die Mütterschulen die Kommunikationskluft zwischen Müttern und Söhnen überbrückt“, so Tasneem Ahmar, Koordinatorin der Mütterschule in Pakistan. Söhne seien dort im Vergleich zur restlichen Familie sehr privilegiert und würden Ratschläge der Mütter eher selten annehmen. „Die Mütter haben gelernt, mit ihren Söhnen zu sprechen, und sie hatten nach den Seminaren auch das Gefühl, dass diese ihnen mehr Respekt entgegenbrachten“, so Ahmar.

Hundstorfer: „Nur kleine Gruppe von Betroffenen“

Um Jugendliche vor extremistischen Einflüssen zu schützen, muss der Fokus in Österreich laut Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) zwar einerseits auf der Aufklärungs- und Präventionsarbeit liegen, aber es sei andererseits auch „enorm wichtig, dass junge Leute eine Ausbildung bekommen und ihre Ausbildungswege auch weiterführen“. Er sei auch davon überzeugt, dass den Eltern und insbesondere den Müttern eine zentrale Rolle bei der Prävention zukomme. „Man muss versuchen, die Jugendlichen schon vor der Rekrutierung zu erreichen. In Österreich geht es zwar nur um eine kleine Gruppe von Betroffenen, aber jeder, der der Radikalisierung zuspricht, ist einer zu viel“, so Hundstorfer.

Heinisch-Hosek: „An allen Ecken ansetzen“

„Nur wenn man sich des Themas ressortübergreifend annimmt und mit den betroffenen Frauen spricht, kann man dem neuen Phänomen der Radikalisierung entgegenwirken“, sagte Frauen- und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Gewaltprävention, interkulturelles Lernen, Konfliktbewältigung und die Radikalisierungsprävention stünden seit vielen Jahren auf der Liste der Fortbildungsveranstaltungen an den heimischen Pädagogischen Hochschulen.

In den Jahren 2013 und 2014 hätten sich ihr zufolge je 30.000 Lehrer für entsprechende Weiterbildungen angemeldet, auch die Schulpsychologen seien speziell geschult worden. „Wir müssen an allen Ecken ansetzen: bei Pädagogen, bei Studierenden mit Präventionsbeamten und bei Schülerinnen und Schülern in Form von Workshops“, so die Ministerin.

Grüne befürworten Projekt

Auch Alev Korun, Menschenrechtssprecherin der Grünen, bewertete die Mütterschulen in einer Aussendung am Montag positiv: „Dass die Regierung mit den heute präsentierten Mütterschulen nun auch ein Basisprojekt angeht, das auf sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzt und die Eltern von gefährdeten jungen Menschen stärken und stützen soll, begrüße ich sehr.“

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