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„Es gibt mehr als Schwarz oder Weiß“

Die Wirksamkeit von Homöopathie ist seit jeher eines der umstrittensten Themen in der Medizin. Eine von der australischen Gesundheitsbehörde National Health and Medical Research Council (NHMRC) herausgegebene Studie kommt nun zu einem klaren Ergebnis: „Homöopathie ist bei jeglicher Anwendung wirkungslos.“

In einer umfassenden Studie, die die Ergebnisse von 1.800 wissenschaftlichen Artikeln und 225 Studien zusammenfasst, wurde der Wirkweise der 1796 vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann begründeten Homöopathie auf den Grund gegangen. Das Ergebnis ist ernüchternd: So hat das NHMRC keine Hinweise dafür finden können, dass Homöopathie besser wirke als Placebomedikamente oder ähnliche Erfolge zeige wie andere Behandlungsmaßnahmen.

Keine bessere Wirkung als Placebos

Die NHMRC-Studie habe gezeigt, dass es „keine Beweise für die Behauptung gibt, Homöopathie wirke besser als ein Placebo“, erklärte der Leiter der Gesundheitsbehörde, Warwick Anderson. Zudem warnt die Studie dezidiert davor, chronische oder schwere Erkrankungen nur mit Homöopathie zu behandeln. „Personen, die Homöopathie wählen, riskieren ihre Gesundheit, wenn sie anerkannte und wirkungsvolle Therapien ablehnen oder verzögern“, so Anderson.

In Österreich „ärztliche Methode“

Diese Gefahr bestehe in Österreich nicht, versichert Martin Peithner, Geschäftsführer des Homöopathiemarktführers Dr. Peithner KG und Vorsitzender des homöopathischen Arbeitskreises für Pharmazeuten. „Homöopathie ist in Österreich anders als in Australien oder Deutschland eine ärztliche Methode“, erklärte Peithner. „Ein Arzt trifft also die Entscheidung, welche Behandlung bei einer Erkrankung angemessen ist. Sofern die geltenden Gesetze eingehalten werden, sollten Therapien weder verzögert noch verhindert werden.“

Das bestätigt auch Michael Frass, Onkologe und Initiator einer Homöopathieambulanz am AKH-Wien. „Wäre das der Fall, wäre das ein massiver Angriff auf die Ärzte“, so Frass gegenüber ORF.at. Heute gebe es in der Medizin „mehr als nur Schwarz oder Weiß“, und vor allem bei der Behandlung von Krebspatienten zeige die Homöopathie gute Erfolge. „Die Nebenwirkungen werden reduziert, die Lebensqualität gesteigert, und sogar die Prognose kann sich verbessern“, sagte Frass, der seit 40 Jahren klassische Homöopathie im Rahmen seiner Arbeit im AKH anbietet.

Positive Studien oft mangelhaft

Positive Erkenntnisse konnten die australischen Studienautoren hingegen kaum welche finden. Mehrere Studien, die über positive Effekte von Homöopathie berichten, wurden vom NHMRC wegen zu kleiner Stichproben, mangelnden Designs oder fehlender Standardregeln ausgeschlossen. Ein Punkt, den Peithner ebenfalls kritisch sieht. „Das Studiendesign ist nicht ausgelegt für Homöopathie. Da es sich um sehr individuelle Maßnahmen handelt, sind Doppelblindstudien, wie sie als Kriterium verlangt werden, einfach nicht möglich“, erklärt Peithner gegenüber ORF.at, „das wäre, als ob sie das Gewicht mit einem Zentimetermaß messen wollten“.

Forderung nach Verbot von Unikursen

In Australien, wo Homöopathie weniger streng geregelt ist, erhoffen sich die Behörden durch die Studie ein Umdenken. „Wir hoffen, dass immer mehr vernünftige Menschen vom Verkauf oder der Einnahme dieser Mittel Abstand nehmen“, zitiert der britische „Guardian“ den Vorsitzenden der NHMRC-Arbeitsgruppe Homöopathie, Paul Glasziou. Als in Großbritannien 2010 ein ähnlicher Bericht veröffentlicht wurde, gingen die Homöopathieverkäufe signifikant zurück, diesen Effekt erhofft sich nun auch Australien.

Zeichnung von Samuel Hahnemann

Public Domain

Samuel Hahnemann legte 1796 den Grundstein für die Homöopathie

Auch werden in Australien Rufe laut, wonach staatliche Universitäten Kurse zu Homöopathie abschaffen sollen. „Ich habe kein Problem damit, wenn private Universitäten Studenten Tausende Dollar abknöpfen für Kurse wie ‚Glaskugelschauen‘, ‚Iridologie‘ (Irisdiagnostik, Anm.) oder ‚Homöopathie‘“, sage Glasziou gegenüber dem „Guardian“, „aber wenn diese Kurse von staatlicher Stelle abgesegnet werden, ist das eine andere Geschichte und ein Problem.“ Ähnliche Forderungen werden auch in Österreich immer wieder laut, wo Homöopathie an der Medizinischen Universität in Wien aber nur als Wahlfach angeboten wird.

Zulauf ungebrochen

Auf jeden Fall ist der Zulauf zu alternativen Behandlungsmethoden ungebrochen. So haben laut einer aktuellen GfK-Studie im vergangenen Jahr 52 Prozent der Befragen homöopathische Mittel eingenommen. Auf dem milliardenschweren Pharmamarkt haben Homöopathiepräparate einen Anteil von 1,6 Prozent. In Deutschland gingen im Jahr 2013 Homöopathika im Wert von 482 Mio. Euro über den Ladentisch.

Die Homöopathie basiert auf den Lehren des deutschen Arztes Samuel Hahnemann, der im 18. Jahrhundert das Prinzip des „ähnlichen Leidens“ aufstellte. Das bedeutet, dass für homöopathische Arzneimittel Stoffe verwendet werden, die bei Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen wie jene, die man zu behandeln wünscht. Anfänglich wurden die zum Teil hochgiftigen Wirkstoffe sehr stark mit Wasser oder Alkohol verdünnt, später dann in so hohen Potenzen, dass der Ursprungstoff nicht mehr nachweisbar ist. Die Tropfen oder Globuli wirken, so Hahnemanns Annahme, durch die „verborgene, geistartige Kraft“. Schon zu Lebzeiten wurde Hahnemann von Schulmedizinern für seinen Ansatz kritisiert.

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