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Es geht nicht nur um Geld

Es geht beim Crowdfunding in Österreich nicht um Millionenbeträge. Es sind Summen zwischen 5.000 und 10.000 Euro, die heimische Künstler zusammenkratzen, um damit ihre Alben finanzieren zu können. Leicht verdientes Geld ist das aber nicht.

Die Aufnahmen sind abgeschlossen, seit letzter Woche wird das neue Album von Clara Luzia vom Produzenten Julian Simmons gemischt, im Oktober soll es erscheinen. Zumindest einen Teil der Finanzierung sicherte sich die Künstlerin dafür auf der Crowdfundingplattform Indiegogo.com.

8.500 Euro wollte sie dort lukrieren, „um die Kosten für das Pressen der CDs abzudecken“, wie sie im ORF.at-Interview sagte. Erreicht hat sie 14.532 Euro, also 171 Prozent des angegebenen Zielbetrags. Clara Luzias Kampagne gehört damit zu den erfolgreichsten in der heimischen Pop- und Indie-Szene. Die Singer-Songwriterin zählt zu den wenigen, die sich überhaupt an das Experiment Crowdfunding wagen. Eine der Ersten war die Band The Beth Edges, deren gleichnamiges Album vor einem Jahr erschien. Die Kampagne im Vorfeld brachte mehr als 10.000 Euro ein. Auf einen ähnlich hohen Betrag kam der Kontrabassist Georg Breinschmid vergangenen Sommer für sein Album „Double Brein“.

Wer soll das bezahlen?

Hubert Mauracher, Frontman der Tiroler Alternative-Rockband Mauracher, erzielte mit seiner Kampagne etwas mehr als 5.000 Euro. „Sehr wenig im Vergleich zum enormen Aufwand“, wie er rückblickend im ORF.at-Interview sagt. „Wir haben die Kampagne damals ganz spontan gestartet, ohne uns viele Gedanken darüber zu machen, wen wir eigentlich ansprechen wollen. Das war rückblickend ein Fehler. Am Ende konnten wir den Betrag nur mit massiver Unterstützung von Freunden, Eltern und Familienmitgliedern erreichen“, erzählt er.

Beim nächsten Mal würde er vieles anders machen, so Hubert Mauracher. Denn die Finanzierung mittels Gemeinschaftsinvestition im Internet will gut geplant und vorbereitet sein, weiß der Crowdfundingspezialist Wolfgang Gumpelmaier, der regelmäßig Workshops und Beratungen zu dem Thema veranstaltet.

Kein Funding ohne Crowd

„Ohne Crowd keine Crowdfunding Campaign“, sagte die US-amerikanische Musikerin Amanda Palmer einmal - und das ehemalige Mitglied der Dresden Dolls muss es wissen: 1,3 Millionen brachte ihre letzte Kampagne ein und überstieg damit die Erwartungen der Künstlerin (und die der Kritiker) um ein Vielfaches. Solche hohen Summen sind auch in den USA eine Ausnahme, sagt Gumpelmaier. Es sei aber in jedem Fall ratsam, schon über eine bestehende Fangemeinschaft (einen „Schwarm“ von gewisser Größe) zu verfügen, die auch bereit ist, sich an so einem Projekt zu beteiligen.

Amanda Palmer auf der Bühne

picturedesk.com/Eyevine/Elliott Franks

Amanda Palmer überschritt die Millionenmarke mit ihrer Crowdfunding-Kampagne

Hubert Mauracher sagt weiter: „Derzeitige Stars der heimischen Szene wie Bilderbuch oder Wanda könnten so eine Kampagne wohl viel leichter stemmen als wir damals.“ Tun sie aber nicht. Beide haben ihre Alben auf herkömmlichem Weg realisiert, und auch andere österreichische Neuerscheinungen dieses Plattenfrühlings, vom Attwenger-Album „Spot“ bis zum Gemeinschaftsprojekt von Ernst Molden und dem Nino aus Wien, „Unser Österreich“, sind durch Förderungen, private Mittel und Einnahmen aus früheren Tourneen finanziert worden.

Skepsis auf Österreichisch

„Grundsätzlich finde ich solche Crowdfundingprojekte schon interessant, wir haben aber noch nichts gemacht, wo es wirklich gepasst hätte“, sagt Franz Wenzl aka Austrofred und Frontman der Band Kreisky. Der Grund für diese Zurückhaltung hat wohl auch etwas mit der Mentalität österreichischer Musikschaffender zu tun, vermutet Clara Luzia. „Wir tun uns alle schwer damit, über Geld zu reden und um Geld zu bitten. Und dann noch dieses Scheitern – du scheiterst ja quasi öffentlich, wenn du dein angestrebtes Ziel nicht erreichst. Das wollen sich viele nicht antun“, fasst sie die Stimmung in der Szene zusammen.

Sie selbst hat sich daher für einen flexiblen Zielbetrag entschieden, soll heißen, auch wenn sie am Ende weniger als 8.500 Euro eingenommen hätte, wäre ihr das Geld geblieben, wäre also nicht wieder an die Menschen zurücküberwiesen worden. Das oft vorgebrachte Argument, man wolle nicht auf diese Weise um Geld betteln, versteht Georg Breinschmid nur bedingt. „Natürlich könnte man das so sehen, aber ein US-amerikanischer Künstler hat einmal gemeint, es sei kein Charity, sondern Pre-Sale, und das trifft es sehr gut. Die Leute bekommen ja auch etwas für ihr Geld."

Neuland für die Fangemeinschaft

Die allgemeine Skepsis ist aber nicht nur bei den Musikschaffenden groß. „Die wenigsten Menschen können bis dato mit dem Begriff ‚Crowdfunding‘ überhaupt etwas Konkretes anfangen. Oder sie erkennen die Notwendigkeit zur aktiven Teilnahme dahinter noch nicht“, sagt die Salzburger Jazz-Sängerin Sabina Hank von ihrer Erfahrung.

Und Hubert Mauracher verweist auf die Gratiskultur, die der Musikindustrie in den letzten Jahren immer mehr zu schaffen macht: „Die Leute wollen Musik nicht mehr besitzen, sondern einfach nur zur Verfügung haben, also zum Beispiel im Internet streamen, und das dann möglichst gratis. Wieso sollten sie also Geld in eine Albumproduktion investieren?“

Sabina Hanks Kampagne für das Album „Blue Notes on Christmas“ auf der Plattform Startnext.com brachte etwas mehr als die gewünschten 10.000 Euro ein - wenn auch nicht immer auf die vorgesehene Art. Anstatt sich auf der Plattform zu registrieren, Fan zu werden und die Zahlung online abzuwickeln, hätten viele ihrer Unterstützer den "Old School“-Weg gewählt. „Sie haben mir einfach einen gewissen Betrag auf mein Konto überwiesen. Manche haben mir sogar eine gute Flasche Wein mit einem baren Betrag in einem Kuvert vor meine Haustür gestellt. Auch das ist Crowdfunding, noch dazu ein sehr authentisches und persönliches“, sagt sie lachend.

Viel Dankbarkeit und viele E-Mails

Ob im Briefkuvert oder als Onlineüberweisung - leicht verdient ist das Geld jedenfalls nicht, sagt Clara Luzia: „Ich habe immer Dankes-E-Mails an alle geschrieben, die etwas gespendet haben und ich fürchte mich schon ein bisschen vor dem Packerlmachen, wenn dann das Album und die Goodies verschickt werden.“ 215 Unterstützerinnen und Unterstützer werden im Herbst je nachdem, welchen „Perk“ sie wählten, mit CDs, handsignierten Vinyls, Backstage-Pässen oder Hauskonzerten beehrt.

Amanda Palmer hatte es am Ende ihrer Kampagne mit anderen Dimensionen zu tun, weiß Gumpelmaier: „Allein 300.000 Euro gingen bei ihr für den Versand an die Unterstützer drauf.“ In Österreich geht es um Bruchteile dieser Summe, dennoch sollten solche Überlegungen schon zu Beginn der Kampagne berücksichtigt werden. Dazu kommen Steuern und Gebühren für die Plattform. Ein schlechtes Geschäft? Keineswegs, so Gumpelmaier. Denn vielen sei der Mehrwert einer solchen Kampagne nicht bewusst.

Große Publicity und eine Einladung nach China

Der angestrebte Geldbetrag ist nämlich nur ein Aspekt des Ganzen, sagt der Experte. „Das vergessen viele und das ist schade.“ Man könne die Crowdfundingkampagne nämlich sehr gut auch als Netzwerk- und Marketingtool verwenden, als neue Vertriebsform und als Möglichkeit der Fanbindung - eine Erfahrung, die der Kontrabassist Georg Breinschmid letzten Sommer machte.

Parallel zur stetig wachsenden Summe auf der Plattform Startnext.com stieg auch die öffentliche Wahrnehmung, erinnert er sich: „Du kriegst plötzlich viele neue Facebook-Fans, die Journalisten schreiben über dich oder Menschen kontaktieren dich per E-Mail, weil sie durch die Kampagne auf dich aufmerksam wurden. Natürlich spenden die nicht alle, aber allein die steigende Bekanntheit ist schon ein großer Bonus, finde ich.“

Sabina Hank kann von einem weiteren, überraschenden Synergieeffekt berichten - von „einer direkt aus dem Crowdfundingprojekt entstandenen Einladung zu einem Solokonzert in Peking“, freut sie sich. Gumpelmaier spricht in diesem Zusammenhang von „nicht direkt in Geld messbaren, längerfristigen und, wenn man so will, sogar nachhaltigeren Investitionen“.

Kampagne mit viel Liebe und Herzblut

Enorm wichtig für eine gelungene Kampagne ist allerdings ein ansprechend gestaltetes Design auf der Plattform, sagt Gumpelmaier. Und: „Je besser jemand seine Geschichte hinter dem Projekt erzählen kann, desto mehr Anklang bei der Crowd wird die Kampagne finden.“ Ein nicht zu unterschätzender Aufwand, wie Hubert Mauracher, Sabina Hank und Clara Luzia berichten. Ein ansprechendes Video soll Lust machen, die Idee finanziell zu unterstützen. Dazu kommen Fotos von Proben und Studiosessions sowie regelmäßige Blogeinträge, die über den Fortgang des Projekts informieren.

Positiver Nebeneffekt: „Ich habe das Gefühl, ich lerne jetzt meine Fans ein bisschen besser kennen“, sagt Clara Luzia, und Franz Wenzl von Kreisky ergänzt: „Wirklich gut finde ich, wenn die Leute dann auch Teil des Projekts sein können, sich stark damit identifizieren können, also wenn sie von ihrer Beteiligung auch etwas haben.“

Neuer Mut

Das ist ein Anreiz, der sich langsam herumspricht und die Zahl der neuen Crowdfundingprojekte spürbar mehr werden lässt. Anfang März feierte mit Wemakeit.at eine neue Crowdfundingplattform in Österreich ihren Relaunch: die erste mit einem speziell auf den österreichischen Markt zugeschnittenen Kanal. Neben Projekten aus den Bereichen Film, Tanz und Literatur sind auch schon vier Musikprojekte vertreten, ihre Kampagnen brachten zwischen 6.000 und 12.000 Euro ein und finanzieren die nächste Tournee oder ein neues Album.

Judith Hoffmann, ORF.at

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