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Experte: „Kein Grund zur Panik“

In Frankreich sind einige Frauen mit Brustimplantaten an einem seltenen Krebs erkrankt. Seit 2011 seien 18 Patientinnen mit Implantaten von solchen anaplastisch-großzelligen Lymphomen betroffen, berichtete die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine am Dienstag in Paris. Eine Patientin sei gestorben.

Wegen der offenbar nur bei Frauen mit Brustimplantaten auftretenden Krebsart steht in Frankreich auch ein generelles Verbot der Implantate im Raum. „Es gab einen ersten Fall 2011, dann zwei 2012, vier 2013 und elf 2014. Ein Mensch ist gestorben“, sagte der Vizedirektor der Behörde für Medikamentensicherheit, Francois Hebert, der Zeitung „Le Parisien“. „Wenn wir Maßnahmen ergreifen müssen, wenn wir sie verbieten müssen, dann werden wir es tun“, fügte er hinzu. In Österreich prüft die AGES Medizinmarktaufsicht derzeit mögliche behördliche Konsequenzen, gab das Gesundheitsministerium gegenüber ORF.at bekannt.

Wiener Forscher an Studie beteiligt

Bereits im Oktober hatte eine internationale Autorengruppe unter Beteiligung des Wiener Pathologen Lukas Kenner festgestellt, dass Brustimplantate durch bösartige Veränderungen im Narbengewebe das großzellige anaplastische Lymphom (Anaplastic Large Cell Lymphoma, ALCL) auslösen könnten. Es ist eine aggressive, aber äußerst seltene Lymphomform. Das Forscherteam analysierte dafür zahlreiche weltweit verfügbare Studien und Daten.

Auf Rötungen und Schwellungen achten

Die eigentliche Ursache ist noch Gegenstand weiterer Forschung. „Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit der äußeren Beschichtung der Brustimplantate“, so der Pathologe Kenner im Gespräch mit ORF.at. „Ein Teil der Implantate war mit Silikon beschichtet, bei den anderen war dies nicht mehr feststellbar.“ Die Silkonbeschichtung steht laut Kenner im Verdacht, eine chronische Entzündung hervorzurufen und in einzelnen Fällen zu einem Lymphom zu führen.

Es bestehe jedoch kein Grund zur Panik, so Kenner weiter. Der Tumor sei so selten, dass ein Auftreten sehr unwahrscheinlich ist. Zudem gebe es gute therapeutische Behandlungsmöglichkeiten, mit denen die Krankheit in den Griff zu bekommen sei. Einen Grund für eine eventuelle vorsorgliche Entfernung von Implantaten im Körper sieht der Wiener Experte nicht. „Vorbeugend können Frauen verstärkt auf Rötungen oder Schwellungen im Bereich der Brust achten, die auf eine Entzündung hindeuten. Auch die regelmäßige Kontrolle beim Gynäkologen sollte wahrgenommen werden“, so Kenner.

Erhöhte Aufmerksamkeit auch bei Ärzten

Pro drei Millionen Brustimplantate dürfte es laut der Studie zu einem bis sechs solcher Fälle als Komplikation kommen. Weltweit fanden die Wissenschaftler 71 solche Erkrankungen in Literatur und Registerdaten, bei denen die Implantate für die Entstehung von ALCL verantwortlich gewesen sein dürften. Die französische Zeitung „Le Parisien“ berichtete unter Berufung auf das französische Krebsinstitut unterdessen von weltweit bereits 173 Fällen.

Frauen und Ärzte in Frankreich werden inzwischen auf das neue Risiko hingewiesen. Ende März ist dazu eine Expertenrunde vorgesehen. Der französischen Behörde für Medikamentensicherheit zufolge sind 14 der 18 Fälle in Frankreich bei Implantaten einer bestimmten Firma aufgetreten. Kontrollen in deren Labors hätten bisher aber keine Auffälligkeiten erbracht.

Schärfere Kontrollen seit PIP-Skandal

Im Zuge des Skandals um minderwertige Brustimplantate der südfranzösischen Firma PIP wurden in Frankreich die Kontrollen verschärft. PIP hatte weltweit Hunderttausende Implantate verkauft, die mit billigem Industriesilikon und nicht dem eigentlich vorgesehenen medizinischen Spezialsilikon gefüllt waren. Die Polster reißen schneller und können Entzündungen auslösen. Ein generell erhöhtes Krebsrisiko konnte bei den PIP-Implantaten nie nachgewiesen werden. Allerdings hatte der Fall einer Frau vom November 2011, welche die nun untersuchte neue Krebsart hatte, den Skandal ins Rollen gebracht.

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