Themenüberblick

„Alle“ und niemand töteten Kirchweger

Mit dem österreichischen Gedächtnis ist das so eine Sache. Wenn etwas weit genug weg ist, beginnt das Gedenken - von 1914 über 1934, 1938 und 1945 bis 1955. Wenn die Erinnerung aber nur bis 1965 reichen müsste und so die Zweite Republik selbst betrifft, tun sich plötzlich beträchtliche Gedächtnislücken auf. Wie beim Fall Borodajkewycz, dessen Eskalation sich nun zum 50. Mal jährt.

Zur Erinnerung: Noch im März 1965 musste man mit Prügeln rechnen, wenn man gegen NS-verherrlichende Vorlesungen des Wiener Uniprofessors Taras Borodajkewycz protestieren wollte. Prügel von rechten Studenten, die auch zu Stahlruten griffen und Tränengas einsetzten. Prügel, an denen der 67-jährige ehemalige KZ-Gefangene Ernst Kirchweger am 2. April verstarb. Selbst danach waren nennenswerte Konsequenzen aber rar. Dafür sorgten Politik und Justiz mit dem stillschweigenden Einverständnis der Bevölkerung.

Zwei Revoluzzer als Rufer in der Wüste

Ohnehin war es nur Borodajkewycz’ Eitelkeit zu verdanken, dass es den Skandal überhaupt gab: Mit einer eigenmächtig vor sympathisierenden Studenten einberufenen Pressekonferenz an der Uni konnten die Verantwortlichen nicht mehr wegschauen. Vor allem die TV-Bilder des offen zur Schau gestellten Antisemitismus unter johlendem Beifall von Studenten brachten die Politik in Zugzwang. Dass Borodajkewycz in seinen Vorlesungen NS-Gedankengut glorifizierte, war da schon zwei Jahre lang bekannt, ohne dass das für großes Aufsehen gesorgt hätte.

Taras Borodajkewycz

ORF

Taras Borodajkewycz bei seiner Pressekonferenz am 23. März 1965

Publik gemacht hatte Borodajkewycz’ Äußerungen ein junges Aufdeckerduo: Ein 20-jähriger Student, der bei Borodajkewycz Vorlesungen über Wirtschaftsgeschichte an der damaligen Hochschule für Welthandel (heute WU) absolvieren musste und die Äußerungen dokumentierte, und dessen 24-jähriger Freund, der daraus Presseberichte machte. Der Student hieß Ferdinand Lacina und sollte später SPÖ-Finanzminister werden. Der wegen seiner Artikel gerichtlich verurteilte Freund war der heutige Bundespräsident Heinz Fischer.

Ungeliebter Stich ins Wespennest

Mit dem Hinweis auf Borodajkewycz’ Treiben machten sich Lacina und Fischer nicht einmal in den eigenen Reihen Freunde. Auch dem damaligen Vorsitzenden des Verbandes Sozialistischer Studenten (VSStÖ) passten die Unruhestifter nicht ins Konzept. Hannes Androsch, Jahre danach Lacinas Vorgänger als Finanzminister, wollte sich als politischer „Realo“ nicht von „Fundis“ mit einem Stich in ein Wespennest aufhalten lassen. Und Wespennest war für die Frage, wie viel Nazismus in der „entnazifizierten“ Zweiten Republik steckt, noch untertrieben.

 Unterstützer aus den Reihen der Burschenschaften

ORF

Viele von Borodajkewycz’ Studenten teilten dessen Begriff von Humor

So hielt die ÖVP ihre schützende Hand über den Professor, der schon als bekennender „illegaler“ Nazi (also vor 1938, Anm.) auch beste Verbindungen zu konservativkatholischen Kreisen hatte. Die SPÖ wiederum wollte sich nicht den großkoalitionären Hausfrieden stören lassen und scheute das Thema außerdem wegen ehemaliger Nazi-Mitläufer in der eigenen Wählerschaft, denen man nicht zu nahe treten wollte. 1965 hatte sich aber etwas geändert: Erstens war Wahljahr mit entsprechenden Profilierungsversuchen der SPÖ, und zweitens hatten nun auch die Kabarettisten Gerhard Bronner und Peter Wehle genug von Borodajkewycz.

TV-Bilder erstmals online

Die ORF-TVthek hat anlässlich des Jahrestages der Affäre historisches Archivmaterial zutage gefördert, das zum Teil erstmals seit 50 Jahren wieder zu sehen ist, darunter Teile der „Zeitventil“-Sendung vom 18. März 1965 - mehr dazu in tvthek.ORF.at.

Ein ungemütlicher Fernsehabend

Bronner und Wehle leiteten von 1963 bis 1968 im ORF die Sendung „Zeitventil“, eine auch für heutige Verhältnisse hochpolitische und schonungslose Satiresendung. Im Fall Borodajkewycz brachten sie einfach dessen Zitate eins zu eins auf Sendung, wofür sie später gemeinsam mit Fernsehdirektor Gerhard Freund geklagt werden sollten. Die zur besten Sendezeit ausgestrahlte Livesendung wurde zur Initialzündung: Borodajkewycz reagierte mit besagter Pressekonferenz, am folgenden Tag gab es erste Demonstrationen.

Die seither immer wieder nacherzählte Version der weiteren Geschehnisse: Rechte Studenten attackieren die Demonstranten bei ihren Kundgebungen, einer von ihnen den 67-jährigen ehemaligen KZ-Gefangenen Ernst Kirchweger am 31. März so schwer, dass dieser zwei Tage später seinen Verletzungen im Spital erliegt. Die Trauerkundgebung sechs Tage später mit 25.000 Teilnehmern wird zum eindrucksvollen Zeichen gegen Nazismus und Antisemitismus. Das alles stimmt - und ist doch nur die halbe Wahrheit.

Menschen beim Trauerzug am Ring

ORF

Der Trauerzug für Kirchweger am 8. April 1965

Frühpension als einzige Strafe

Kirchwegers Trauerzug mit seinen Menschenmassen auf der Wiener Ringstraße hätte aus der Sicht der Republik zwar ein gutes Ende der Geschichte abgegeben, nur war es eben nicht das Ende. Es folgte etwa der Prozess gegen den Täter Günther K., bei dem der offen rechtsextreme Student und Amateurboxer vor Gericht Glauben für seine Angaben fand, er habe sich vom schmächtigen 67-jährigen Kirchweger bedroht gefühlt, und deshalb zu zehn Monaten Haft wegen irrtümlicher Annahme einer Notwehrsituation verurteilt wurde. Absitzen musste er fünf.

Auch stimmt die Selbstdarstellung der Republik als kollektiv betroffen nach der Attacke auf Kirchweger nur bedingt. Noch während Kirchweger im Spital mit dem Tod rang, verurteilten Politiker aller Couleurs sowie die Österreichische Hochschülerschaft „alle“ Demonstrationen, stellten also Teilnehmer eines genehmigten Protests gegen Borodajkewycz mit Rechtsextremen auf eine Stufe, die diese Demonstrationen brutal attackierten. Die einzige Konsequenz für Borodajkewycz selbst blieb, dass er bei vollen Bezügen 1966 frühzeitig in Pension geschickt wurde.

„Lustige“ Juden auf Band im Staatsarchiv

Es waren außerdem nicht nur Proponenten der SPÖ, die später politisch Karriere machten: Holger Bauer etwa, nachmals FPÖ-Abgeordneter, sagte als unmittelbarer Tatzeuge im Kirchweger-Prozess aus, dass er von gewalttätigen Ausschreitungen und nazistischen Parolen bei den Kundgebungen der Borodajkewycz-Sympathisanten nichts bemerkt habe. Einer der Organisatoren der Pro-Borodajkewycz-Kundgebungen an der Uni war wiederum der spätere Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager (FPÖ/LIF). Andere machten Karriere in Kammerfunktionen und im Verwaltungsapparat.

Borodajkewycz selbst wurde noch 1972 unter Bezeugung größten Respekts von einer Mitarbeiterin des Österreichischen Staatsarchivs als Zeitzeuge zur Ersten Republik interviewt, konnte sich dabei seiner NSDAP-Mitgliedschaft „als Widerstand gegen das Dollfuß-Regime“ rühmen und prahlte mit angeblichem Insiderwissen über den engsten Kreis um Adolf Hitler vor dem März 1938: „Der Seyß (Arthur Seyß-Inquart, Hitlers Statthalter in Österreich) war ja erst im Februar das erste Mal beim Adolf gewesen.“ Ebenfalls in dem Gespräch zu hören: der Verweis auf „lustige“ Juden, die Hitler anfangs etwas abgewinnen hätten können.

Wo die Nazis im Frühjahr blühen

Manchmal ist zu hören, dass die Zeiten damals eben andere gewesen seien. Das wäre dann aber nur in Österreich so gewesen: Schon auf dem Höhepunkt der Affäre wunderte sich der deutsche „Spiegel“ unter dem Titel „Wenn in Wien die Nazis blüh’n“ über den Umgang Österreichs mit seiner eigenen zeitgeschichtlichen Verantwortung. Gänzlich egal war es auch der Wiener Uni, dass Hans Kelsen, Schöpfer der österreichischen Verfassung, wegen des Umgangs der Politik mit der Causa Borodajkewycz seine Teilnahme an den damaligen 600-Jahr-Feiern der Uni absagte und der Philosoph Karl Popper deshalb endgültig den Gedanken an eine Rückkehr nach Österreich begrub.

Lange Schatten bis in jüngste Vergangenheit

Borodajkewycz wiederum hatte bis zu seinem Todesjahr 1984 einen Eintrag auf der Ehrentafel an der Wirtschaftsuniversität. Dann konnte sie mit dem Umzug in die damals neuen Unigebäude bequem verschwinden, schließlich stand das Gedenken an 1934 und vier Jahre später auch an den „Anschluss“ 1938 an. Kaum waren die beiden Gedenkjahre vorbei, wurde die WU-Ehrentafel wieder aufgehängt. Das störte damals wiederum nur die grünen Studentenvertreter, während der Rest der WU sich nicht weiter daran stieß.

1988 kochte auch der damalige FPÖ-Obmann Jörg Haider Borodajkewycz’ Thesen neu auf, als er von der Nation Österreich als „ideologischer Missgeburt“ sprach. 1995 sorgte Borodajkewycz wieder für Aufregung, weil ein Zitat in einem Drohbrief des - damals noch nicht gefassten - Briefbombers Franz Fuchs auftauchte. Die Quelle war damals schnell zu identifizieren, weil das Essay wie auch Borodajkewycz’ andere Arbeiten - wenig verwunderlich - voll von historischen Fehlern war.

Lukas Zimmer, ORF.at

Links: