Themenüberblick

Der Turmbau zu Vals

Das Schweizer Dörfchen Vals hat 1.000 Einwohner, eine Therme und ein Thermenhotel. Und vielleicht bald ein Hochhaus, das - angeblich „rein zufällig“ - auf den Meter genau so hoch ist wie das Empire State Building in New York.

Wer herkömmliche Businesspressekonferenzen gewöhnt ist oder sie zumindest aus „Zeit im Bild“-Zusammenfassungen kennt, der traute seinen Ohren nicht bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Vals. Da standen zwei Herren, die so zappelig und überdreht wirkten, als hätten sie gerade Tag zwei eines illegalen Dreitagesraves in den Schweizer Alpen hinter sich gebracht. Dabei präsentierten sie nicht weniger als ein 285-Millionen-Euro-Projekt.

Die beiden, das sind der Steinbruchunternehmer Pius Truffer (58) aus Vals und der Finanzinvestor Remo Stoffel (37) aus Chur (aufgewachsen allerdings ebenfalls in Vals). Stoffel sagte, er wolle „eine neue Ära des Tourismus einleiten“. Truffer, der sich im Dialekt als bodenständiger, hemdsärmeliger Valser präsentierte (im Gegensatz zum gelackt auftretenden Stoffel), fiel seinem Kollegen ins Wort: „Das klingt zu auswendig gelernt.“ Aber Stoffel erklärte es dann noch einmal in eigenen Worten. Bisher setze die Schweiz vor allem auf finanzstarke Zweitwohnsitzeigentümer aus dem Ausland, das solle sich nun ändern. Das Eigentum bleibe in der Schweiz - und Schweizer sollen daran verdienen. Das Hotel sei der erste Schritt in diese Richtung.

Visualisierung des Eingangsbereiches

Pressedienst

Visualisierung des Eingangsbereichs

Die Gemeinde Vals

Die 1.000-Einwohner-Gemeinde Vals stützt sich auf qualitativ hochwertigen Tourismus als wirtschaftliches Rückgrat, aber auch die Nutzung der Mineralquellen und der Abbau des Valser Quarzits sowie Land- und Forstwirtschaft spielen eine bedeutende Rolle. Man hat sich der biologischen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Bewirtschaftung und Vermarktung verschrieben, die Stromversorgung stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. Zudem engagieren sich die Bürger intensiv in kommunalen Entscheidungsprozessen und projektbezogenen Arbeitskreisen.

285 Millionen aus der Portokassa

Auf Detailfragen von Journalisten an Ort und Stelle reagierte Stoffel genervt, ihm geht es nur ums große Ganze: Er sei jung - und wenn er irgendwelche Expertenkommissionen einsetze und Arbeitskreise beschäftige, dann werde so ein Projekt erst fertig, wenn er in Pension gehe. Deshalb: keine Förderungen, keine Kredite, niemand, dem man irgendetwas erklären müsse. Am Anfang stand eine Vision - und Truffer und er würden das Projekt ausschließlich aus bereits vorhandenen Eigenmitteln stemmen. Sprich: mit 285 Millionen Euro aus der Portokassa.

Was da genau gebaut werden soll, erklärten Truffer und Stoffel anhand von Renderings, also Bildmontagen, in denen so getan wird, als wäre das Gebäude schon gebaut und stünde bereits in der bergigen Landschaft. Die Grundfläche beträgt nur 30 mal 16 Meter. Das Gewicht wird vom spindelförmigen Treppenhaus getragen - denn die Fassade ist rundherum ausschließlich aus Glas. Das obere Ende des Gebäudes ist abgeschrägt, weshalb der durchsichtige Turm ein wenig an ein Messer erinnert. Truffer sagte, der Turm „fügt sich in die Landschaft“ und korrigiert sich gleich selbst: „Nein, der fügt sich überhaupt nicht in die Landschaft. Der steht in der Landschaft.“

Visualisierung des Hotelturmes

Pressedienst

Eine Klinge, mitten in der Landschaft

24.000 Euro für eine Übernachtung

100 Suiten sollen pro Nacht um jeweils zwischen 1.000 und 25.000 Franken (950 bis 24.000 Euro) vermietet werden. Stararchitekt und Pritzker-Preisträger (so etwas wie der „Architekturnobelpreis“) Thom Mayne hat den Turm entworfen. Truffer sagt, mit einem anderen hätte er nicht gebaut. Der oder gar keiner. Das sei von Anfang an festgestanden. Und der Bau passe gut zur Therme gleich daneben, die Truffer und Stoffel bereits 2012 gekauft hatten.

Damals war es in Vals bereits rundgegangen. Denn Truffer hatte dem Architekten (und ebenfalls Pritzker-Preisträger) Peter Zumthor Tür und Tor in Vals geöffnet, damit dieser sein Projekt einer Luxustherme (1996 eröffnet) umsetzen konnte. Als die fertige Therme dann zum Verkauf stand, zerstritten sich Truffer und Zumthor. In einer äußerst knappen Abstimmung entschieden sich die Valser für Truffer und Stoffel als Käufer - Zumthor, der Erbauer, ging leer aus.

Visualisierung eines Hotelzimmers

Pressedienst

So soll eines der Zimmer aussehen

Die Dorfbewohner heben - oder senken - den Daumen

Und im Herbst wird wieder abgestimmt. Wenn die Valser Nein sagen, darf der Turm nicht gebaut werden. Es heißt hinter vorgehaltenen Händen sinngemäß, Stoffel sei den Dorfbewohnern nicht ganz geheuer: Irgendein Finanzinvestor, der nicht einmal mehr im Dorf wohne und wie ein Traumtänzer wirke, solle direkt am Ortseingang einen Turm bauen, der so hoch ist wie die umliegenden Gipfel? Das soll funktionieren?

Und auch im Internet ergossen sich in den Foren der Schweizer Tagesmedien genauso wie auf Twitter am Mittwoch Spott und Häme wegen des Projekts. Der Schweizer „Tagesanzeiger“ schreibt in seinem stichwortartigen Faktencheck zum Thema „Machbarkeit“: „Zweifelhaft“. Die zwei Unternehmer müssen also noch kräftig Wahlkampf betreiben.

Der Valser Jetset

Truffer führt mit seiner Frau Pia gemeinsam den florierenden Steinbruchbetrieb in Vals. Die beiden haben fünf Kinder, neun bis 29 Jahre alt. Stoffel bietet etwas mehr Stoff für Schweizer Gesellschaftsgazetten. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, als Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Greißlerin. Stoffel machte eine Banklehre und wurde schon mit 19 Jahren selbstständig. 2005 kaufte er die Immobilienfirma Avireal aus der Konkursmasse der Swissair. Verheiratet ist er mit der Ex-Snowboardweltmeisterin Manuela Pesko (35). Die beiden haben zwei Töchter und einen Sohn.

Derzeit ist das höchste Gebäude der Schweiz übrigens mit 126 Metern der Prime Tower in Zürich. Er wird aber bereits vom derzeit in Bau befindlichen ersten Roche-Hochhaus überragt, dessen 178 Meter hoher Rohbau voraussichtlich Ende dieses Jahr fertig sein wird. Wann und ob die Schweiz ihr „Empire State Building“ bekommt, steht hingegen noch in den Sternen - am klaren Schweizer Nachthimmel.

Link: