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Lebenserwartung um Jahre kürzer

280.000 Kinder leben hierzulande in Armut. Sie sind häufiger von Unfällen betroffen, erkranken öfter und haben geringere Chancen auf Therapien, weil sich ihre Eltern den Selbstbehalt nicht leisten können. Darüber hinaus schlagen die materiellen Nachteile auf unzählige weitere Lebensbereiche durch. Der Nachteil bleibt ein Leben lang, wie die Österreichische Kinderliga mit Zahlen untermauert.

Die enormen körperlichen und seelischen Belastungen von Kindern in Armut nahm die Kinderliga zum Anlass, diesem Thema einen Jahresschwerpunkt zu widmen. „Je früher, schutzloser und länger sie der Armut ausgesetzt sind, desto stärker sind die Auswirkungen“, sagte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, am Mittwoch in Wien bei der Präsentation des Jahresberichts zur Kindergesundheit in Österreich.

Wenn die Waschmaschine kaputt bleiben muss

Rund jeder sechste junge Mensch in Österreich ist von Armut betroffen, 124.000 davon leben in manifester Armut, also dem gehäuften Vorliegen mehrerer Armutskriterien. Um die 60.000 davon leben unter Bedingungen von Mindestsicherung. „Ihre Eltern haben wenig Einkommen und eine schwierige Arbeitssituation, die Kinder leben in einer kalten Wohnung, die vielleicht von Schimmel befallen ist, sind viel alleine und müssen sich um ihre Geschwister sorgen“, machte Schenk deutlich.

Es geht um weit mehr, als sich „weniger leisten“ zu können: Betroffene Kinder leiden laut Schenk häufiger an Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit, aufgrund der fehlenden sozialen Sicherheit haben sie außerdem oft Schwierigkeiten beim Einschlafen. Auch ihre Schmerzintensität sei zwei-, dreimal ausgeprägter als jene von Kindern aus besser gestellten Familien. Allein eine kaputte Waschmaschine, deren Reparatur man sich nicht leisten kann, wirkt sich auf Gesundheit und soziale Akzeptanz aus.

Österreich unter EU-Schnitt

„Steige ich im ersten Bezirk in die U-Bahn ein und im 15. Bezirk wieder aus, dann liegen dazwischen etwa vier Minuten Fahrzeit, aber auch vier Jahre Unterschied in der Lebenserwartung“, sagte Schenk. Die Statistik weist eine bis zu acht Jahre verkürzte Lebenserwartung als Folge von Kinderarmut aus. Als Jugendliche und Erwachsene würden in Armut aufgewachsene Kinder nämlich dreimal so häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenksbeschwerden, Diabetes und psychischen Krankheiten leiden, wodurch sie im Schnitt um fünf bis acht Jahre früher sterben.

„Kinder und Jugendliche machen etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung aus. Die Gesundheitsausgaben für sie liegen bei rund sechs Prozent, damit liegen wir unter dem EU-Durchschnitt“, so Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Kinderliga. Er forderte daher die Kassenfinanzierung von notwendigen Therapien und Heilbehelfen für betroffene Kinder sowie die Abschaffung des Selbstbehalts. Die Grünen, die Volkshilfe und die Caritas schlossen sich der Forderung der Kinderliga an.

Auch immer mehr Österreicher betroffen

Zustimmung für die Forderung nach einer Reform der Kassenbestimmungen bei Kindern kam auch von Carina Spak, Leiterin von AmberMed, einer Versorgungseinrichtung für Menschen ohne Versicherungsschutz. „Während wir anfangs vor allem Asylwerber medizinisch versorgten, ist die Zahl von versicherten Österreichern, die bei uns Hilfe suchen, massiv gestiegen. Unter anderem auch deshalb, weil sie sich den Selbstbehalt für eine Therapie oder Medikamente für ihr Kind nicht leisten können.“

Neben den Selbstbehalten wird im inzwischen sechsten Bericht der Kindergesundheit auch die verbesserungswürdige Datenlage zum aktuellen Gesundheitsstatus der Kinder kritisiert. Nachholbedarf gebe es auch beim Gewaltschutz für Kinder und bei der Betreuung der Elternschaft. „Mit Freude verkündet“ wurde hingegen die Finanzierungseinigung zwischen den Sozialversicherungsträgern (70 Prozent) und den Ländern (30 Prozent) in Sachen Kinderrehabilitation.

Mangelnde Hilfe kostet viel Geld

Die Liga verwies zudem auf die hohen Folgekosten von Kinderarmut, von höherer Arbeitslosigkeit bis zu lebensbegleitend nötiger Hilfe. Damit die Stimme der Kinder auch in der Politik lauter würde, wünsche sich die Kinderliga außerdem eine „Parlamentarische Kinderkommission“, die aus Experten und Abgeordneten bestehen soll. Bis zum erklärten Ziel der Politik, „Europameister“ in Sachen Kindergesundheit zu werden, sei es jedenfalls noch ein weiter Weg, so die Kinderliga.

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