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Vom Marinestützpunkt zur Forschungsbasis

Nur 20 Minuten Autofahrt von Norwegens Polarkreisstadt Tromsö entfernt befindet sich der einst geheime Marinestützpunkt Olavsvern. Rund 30 Jahre und 460 Millionen Euro kostete der Bau der NATO-Anlage, die im Kalten Krieg als nördliche Bastion gegen sowjetische Aggressionen dienen sollte. Doch auf verschlungenen Wegen wurde es ausgerechnet Russland, das die Station heute nützt.

Von Interesse für den neuen Mieter, ein russisches Forschungsunternehmen im Dunstkreis des Energiegiganten Gasprom, dürfte allerdings nicht nur die Ausstattung des Komplexes, sondern auch die strategisch wichtige Lage sein, die als Tor zur rohstoffreichen Arktis gilt. Das Rennen um jene hat nämlich schon lange begonnen.

Relikt aus dem Kalten Krieg

Es waren die Spannungen des Kalten Krieges, welche die NATO 1967 zur Gründung des Militärstützpunkts Olavsvern bewegten. In 30-jähriger Bauzeit und unter dem Aufwand von rund 460 Millionen Euro wurde in der strategisch wichtigen arktischen Grenzregion ein Komplex zur militärischen Verteidigung von Nordnorwegen und der Barentssee in einen Berg gearbeitet. Die Basis verfügt über einen direkten Meereszugang mit eigenem U-Boot-Hangar, ein Tunnelsystem und rund 25.000 Quadratmeter Landfläche. Fast noch während der Bauzeit sollte der Komplex allerdings schon wieder überholt sein - die über die Jahrzehnte abnehmende politische Spannung führte dazu, dass die Basis nach und nach obsolet wurde.

Zum Spottpreis verkauft

Als das norwegische Parlament unter dem heutigen NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg 2009 die Versteigerung des einst geheimen Komplexes südlich von Tromsö entschied, war bereits die Ausschreibung am norwegischen eBay-Pendant Finn.no ungewöhnlich. Als „ein einzigartiges Grundstück, in dem Ideen realisiert werden können“ firmierte die Basis dort.

Zugeschlagen hat Gunnar Wilhelmsen, ein Geschäftsmann mit Verbindungen zu norwegischen Gasfirmen - und zwar um einen Spottpreis. Er bezahlte nur ein Prozent der Baukosten, also rund 4,6 Millionen Euro. Nun vermietet Wilhelmsen Olavsvern an russische Forschungsfirmen. Eines von ihnen ist das Geophysikunternehmen Sewmorneftegeofisika, das seismische Messungen vornimmt und unter anderem Gasprom zu seinen Geschäftspartnern zählt.

Militärexperten besorgt

Militärexperten zeigen sich seitdem hinsichtlich der Aufgabe des Stützpunkts besorgt: „Wir haben die einzige nördliche Basis, die diese Bezeichnung wert ist, verkauft“, so der ehemalige Vizeadmiral Einar Skogen zu AFP. Norwegen habe sich selbst eines strategisch essenziellen Punktes beraubt, U-Boote müssten nun Hunderte Extrameilen zurücklegen, um die Region im Zweifelsfall verteidigen zu können. Die arktische Küstenlinie habe seit der Zunahme der Spannungen zwischen der NATO und Russland auch in militärischer Hinsicht wieder an Bedeutung zugenommen.

Militärische oder ökonomische Motivation?

Nicht nur die strategische Perspektive ruft in Norwegen Sorgen hervor, auch die Natur der Mission der Forschungsschiffe wirft Fragen auf: „In Russland bestimmt die Regierung bei kommerziellen und semistaatlichen Geschäften mit. Es ist klar, dass sehr wenige Menschen wissen, was auf diesen Forschungsfahrzeugen passiert“, so der Vizeadmiral Jan Reksten. Vermutet wird aber ein kommerzielles Motiv Russlands: Immerhin befinden sich Forschungen des United States Geological Surveys zufolge rund 20 Prozent der zukünftigen Energiequellen der Welt unter dem Eis der Arktis.

Dieser Rohstoffreichtum sorgt dafür, dass im Rennen um die bis dato unbeanspruchten Flächen der nördlichsten Erdregion mehrere Staaten schon in den Startlöchern scharren. Immerhin finden sich in der Arktis nicht nur Gas- und Ölvorkommen, sondern auch Gold-, Blei-, Kupfer-, Nickel- und Diamantenlager. Ein durch die Klimaerwärmung stattfindendes Zurückweichen des Packeises dürfte den Konflikt zwischen den Anrainerstaaten des Eismeeres noch weiter anheizen.

Die „Spieler“ in der Arktis

Derzeit erstrecken sich über die arktische Region Teile der Staatsgebiete Russlands, der USA und Kanadas, des von Dänemark verwalteten Gebiets Grönland, von Norwegens Spitzbergen und von Lappland. Intensiver Abbau in diesen Gebieten ist bereits heute Realität, Russland profitiert dabei von der Erschließung von Öl- und Gasfeldern sowie dem Mineralienabbau am meisten. Schon 2008 verkündete der Kreml, dass die arktische Zone die „strategische Ressourcenquelle“ für die sozioökonomische Entwicklung des Russlands des 21. Jahrhunderts sei.

Diesem Plan entsprechend zeigt Russland auch immer wieder verstärkt politische und militärische Präsenz in seinem arktischen Gebiet. Anfang April wurde bekannt, dass Abwehrraketensysteme „zum Schutz der Nordflanke des Landes“ stationiert worden seien, so Generalmajor Kirill Makarow Moskauer Medien zufolge. Geplant sei auch die Verlegung von Kampfjets und die Installation eines Frühwarnsystems. Dänemark indessen hat bei der UNO ein Ansuchen um Erweiterung seines Hoheitsgebiets um 895.000 Quadratkilometer eingereicht.

Keine Rückkehr zu militärischer Aktivität

Was die Zukunft der Militärbasis Olavsvern betrifft, gedenkt die norwegische rechtsgewandte Regierung unter Erna Solberg allen Protesten zum Trotz nicht daran, etwas zu verändern: „Es gibt keinen Plan, wieder militärische Aktivitäten in Olavsvern stattfinden zu lassen“, so Audun Halvorsen, ein Berater des norwegischen Verteidigungsministers. Der Besitzer des Geländes könne es nutzen, wie er es für richtig halte. Streitkräfte hätten keine Autorität dazu, zivilen Schiffen Restriktionen aufzuerlegen oder sie zu überwachen.

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