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„Absurder“ Kampf gegen Klimawandel

Jahr für Jahr werden in Österreichs Skigebieten noch mehr Beschneiungsanlagen installiert, um Skiurlauber von Saisonbeginn weg mit garantiert weißen Pisten locken zu können. Das führt jedoch zu immer größeren Problemen: Der Energiebedarf steigt enorm, noch mehr aber der Wasserverbrauch.

Matthias Bernhardt, Hydrologe an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien, sieht genau „bei der Wasserentnahme und der Frischwasserverfügbarkeit“ ein mögliches Problem. Denn in einigen alpinen Kommunen mit starker künstlicher Beschneiung werde bereits ein hoher Anteil des Frischwasserverbrauchs für Beschneiung aufgewendet, so Bernhardt gegenüber ORF.at. Die Problematik wird auch in einer Studie von Davy Vanham thematisiert, die für Kitzbühel gezeigt hat, dass dort 50 Prozent des Frischwassers im Winter für die Kunstschneeproduktion aufgewendet wird.

Erwärmung verschärft Problem

Wenn man berücksichtige, dass die Winter künftig wärmer werden, werde der Schneebedarf steigen, wies Bernhardt auf ein sich auftuendes Problem hin. Zugleich würden die Kanonen bei höheren Temperaturen weniger effektiv arbeiten und mehr Wasser verbrauchen, weshalb mit einem nochmaligen Anstieg des Frischwasserverbrauchs zu rechnen sei. Das aber könne zu Konflikten für touristische Wassernutzung führen - also im Wesentlichen zwischen den Bergbahnen, die das Nass für die Beschneiung beanspruchen, der Hotellerie und der Bevölkerung.

„Nachhaltigkeit nicht gegeben“

Ganz ähnlich sieht das eine Studie über die Folgen des Klimawandels für den Tiroler Tourismus. Diese hielt bereits 2011 fest, dass beinahe jedes zweite Skigebiet bis 2050 seine Schneeproduktion verdoppeln müsse, um zumindest eine 100-tägige Saison ab Weihnachten sicherstellen zu können - und bis 2080 wäre demnach eine Verdreifachung nötig. Die Studie kam zum Schluss, dass der Wasserverbrauch daher stark steigen werde und sich „die Frage nach der Ressourcenverfügbarkeit und Finanzierbarkeit stellt, sowie die Nachhaltigkeit nicht gegeben ist“.

Das Hydrologie-Institut der BOKU plant derzeit eine dreijährige Studie, bei der einerseits erstmals im Detail gemessen werden soll, wie sich die künstliche Beschneiung auswirkt. Dazu gibt es laut Bernhardt bisher relativ wenige gesicherte Daten. Andererseits soll den Pistenbetreibern auch ein Tool zur Verfügung gestellt werden, um die meteorologisch günstigsten Zeitfenster für Beschneiung nützen zu können - und so dabei helfen, den Wasser- und Stromverbrauch zu senken.

„Teufelskreis Aufrüstung“

Rund vier Millionen Liter braucht es, um eine Piste von einem Hektar Fläche eine Saison lang zu beschneien - das ist deutlich mehr, als selbst bei intensivster Landwirtschaft, wie sie in den alpinen Regionen sowieso nicht üblich ist, aufgewendet werden muss. Dazu kommt, dass die künstliche Beschneiung in immer höheren Gebieten zum Einsatz kommt, die ökologisch besonders sensibel sind. Die Internationale Alpenschutzkommission (CIPRA) wies bereits vor mehr als zehn Jahren darauf hin, dass die „Aufrüstung mit Schneekanonen“ gegen die Klimaerwärmung absurd sei und einem „Teufelskreis“ gleiche: Schneemangel, der vor allem durch Energieverschwendung verursacht sei, werde durch weitere Energieverschwendung kompensiert.

Zu der Wasserverschwendung kommt es vor allem, weil nur ein Teil des eingesetzten Wassers wirklich zu Kunstschnee wird. Laut dem Schweizer Umweltnetz verdunstet ein Teil - insbesondere im Sommer - in den Reservoirs, und auch beim Beschneien selbst verdunstet Wasser. Der hohe Wasserverbrauch wiege besonders schwer, weil die Berggebiete Quelle für zwei Drittel der Süßwasserressourcen weltweit sind. In den Französischen Alpen würden einige Flüsse im Winter bereits 70 Prozent weniger Wasser führen als zu Zeiten, in denen es noch keine Schneekanonen gab.

Folgen im Sommer?

Die französische Wissenschaftlerin Carmen de Jong sieht die Beschneiung besonders kritisch und betont etwa, dass Bauern in den Savoyer Alpen im Sommer bereits jetzt Wasser zum Tränken der Tiere auf die Almen transportieren müssten. Dagegen sieht der BOKU-Experte Bernhardt in Österreich keine besonderen Folgen für den Wasserhaushalt im Sommer durch die Beschneiung. Auch auf die derzeit saisonal aktuelle Gefahr von Hochwassern wirkt sich laut Bernhardts Einschätzung die künstliche Beschneiung kaum verschärfend aus - denn diese Wassermenge falle insgesamt nicht ins Gewicht.

Für die Wasserqualität sieht Bernhardt durch die künstliche Beschneiung dagegen keine gravierenden Probleme. Lokal könne es zu kleinen Düngungseffekten kommen, der BOKU-Experte sieht darin aber keine echte Beeinträchtigung der Wasserqualität.

Schäden abseits der Wasserfrage

Umweltschützer warnen, abseits der Wasserressourcenfrage, freilich vor zahlreichen anderen Folgen der künstlichen Beschneidung - etwa für die Vielfalt von Flora und Fauna. Dazu komme eine erhöhte Gefahr von Bodenerosion, wie der deutsche Bund Naturschutz 2014 gegenüber der „Welt“ etwa betonte. Laut Österreichischem Alpenverein kommt es etwa wegen der anderen Kristallstruktur von Kunstschnee zum Ersticken und Absterben zahlreicher Pflanzen. Auch Wildtiere seien durch die Beschneiungsanlagen, die oft etwa in der Nacht eingeschaltet sind, „maßgeblich beeinträchtigt“.

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