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Wiederaufbau im Zeichen des Hungers

Mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht ist am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg offiziell zu Ende gegangen. Für das wiederhergestellte Österreich begann eine zehnjährige Besatzungszeit durch die vier Alliierten. Im vom Krieg schwer beschädigten Land standen zunächst der Hunger und die Angst vor einer unsicheren Zukunft an der Tagesordnung.

Denn die katastrophalen Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft hinterließen auf allen Ebenen, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich und kulturell, ein Trümmerfeld. Für Österreich begann die „Stunde null“.

Die Stunde der „Trümmerfrauen“

Die ersten Maßnahmen nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten, die am 8. Mai vollständig abgeschlossen war, konzentrierten sich auf den Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur und die Beseitigung der ärgsten Kriegsschäden. Am schlimmsten war die Situation in Wien, 175.000 Wohnungen waren entweder beschädigt oder vollständig zerstört. In dieser Zeit trugen vor allem die „Trüm­merfrauen“ die Hauptlast bei den Aufbauarbeiten. „Tatsächlich hätte die Wiederaufbauwirtschaft ohne Frauen nicht funktioniert“, sagte Zeithistoriker Oliver Rathkolb im Gespräch mit ORF.at.

Aufräumarbeiten von Trümmerfrauen

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„Trümmerfrauen“ als Symbol für Überlebenskraft und Wiederaufbauwillen

Trotz der zahlreichen Zerstörungen durch die alliierten Bombenangriffe blieb die industrielle Infrastruktur, zum Beispiel mit den Reichswerken Hermann Göring, der späteren VOEST in Linz, bestehen und konnte unter anderem durch die Marshall-Plan-Investitionshilfe aus den USA nachhaltig umgerüstet werden. „Ostösterreich und Teile Wiens hingegen litten unter den russischen Requirierungen als Kompensation für die Kriegsschäden in der Sowjetunion“, so Rathkolb.

Lebensmittel waren streng rationiert

Das Hauptproblem in den ersten Monaten nach dem Krieg war aber die Versorgung der Be­völkerung, die trotz großzügiger Hilfe seitens der Alliierten schwierig war. „Bis September 1945 musste ein Normalverbraucher mit 800 Kalorien am Tag auskommen. Lebensmittelrationierungen, Schwarzmarkt und Ham­ster­fahr­ten aufs Land bestimmten den Nachkriegsalltag“, sagt Rathkolb. Die Mai- oder Erbsenspende der Sowjets vom 1. Mai 1945 umfasste beispielsweise pro Person gerade einmal 20 dag Bohnen, 20 dag Erbsen, fünf dag Speiseöl, 15 dag Fleisch und 12,5 dag Zucker. Viele überlebten die Hungersnöte nicht, in Wien starb jeder fünfte Säugling an Unterernährung, die Infektionskrankheiten zur Folge hatten.

Ausspeisung von Kindern 1945 in Wien

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Besonders Kinder hatten mit der Hungersnot zu kämpfen

Aber nicht nur die Bevölkerung in Wien, sondern auch die Menschen in den westösterreichischen Städten hatten an Hunger zu leiden. So umfassten zum Beispiel die ersten Wochenzuteilungen in Linz nur 535 Kalorien pro Tag. Die meisten Molkereien lagen still, Fleisch gab es kaum. „Selbst Salz war im Mai 1945 eine Rarität. Süßwaren und Zigaretten waren nur im Schwarzhandel erhältlich“, sagte Rathkolb.

Ausländische Wirtschaftshilfe als Rettung

Doch es galt nicht nur, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Im Mai 1945 befanden sich in Österreich neben etwa sechs Millionen Einheimischen etwa 1,65 Millionen Flüchtlinge, „Displaced Persons“ (KZ-Überlebende, ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, ausländische Soldaten, „Volksdeutsche“ etc.). „Am Zusammenleben zwischen Einheimischen und ,Displaced Persons’ zeigte sich, dass Rassismus und Antisemitismus mit dem Ende des NS-Regimes nicht verschwunden waren. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, die in offenem Antisemitismus eskalierten“, so Rathkolb.

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Zudem befanden sich ab Mai 1945 350.000 Besatzungssoldaten im Land. Nur die Lebensmittel- und Wirtschaftshilfe der Sowjetunion, der USA, der UNO, der Schweiz, Skandinaviens und Kanadas halfen über den strengen Winter 1945/46. „Auch 1946 stammten noch 60 Prozent der offiziellen Lebensmittelrationen aus Hilfslieferungen“, so Rathkolb.

Lebensbereiche wurden eingeschränkt

Anfang Juli 1945 wurden die Besatzungszonen unter den vier Alliierten beschlossen: Vorarlberg und Tirol gingen an die Franzosen, Kärnten und die Steiermark an die Briten, Niederösterreich, das Burgenland und das Mühlviertel an die Sowjets und Oberösterreich und Salzburg an die Amerikaner. In Wien hatten alle vier Alliierten eigene Zonen.

Die Enns in Oberösterreich bildete die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen Besatzungszone und der Westzone. Jedes Überschreiten der Demarkationslinie in die sowjetische Zone (und umgekehrt) wurde zur persönlichen Gefahr. In vielen Lebensbereichen (Reisen, Briefzensur, Kontrollen, Anhaltungen an den Demarkationslinien etc.) wurde der Alltag der Österreicher beschränkt und eingeschränkt. Erst ab 1947 gab es erste Lockerungen.

Übergriffe, Vergewaltigungen, Plünderungen

Doch die Alliierten wurden von vielen Österreichern schon bald nicht mehr nur als Befreier, sondern als Besatzer gesehen. Das galt be­son­ders ge­genüber den Sowjets, die wegen zahl­reicher Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und Vergewaltigungen, die kaum geahndet wurden, und wegen Plünderungen und willkürlichen Verschleppungen von Menschen in die Sowjetunion kritisiert wurden. „Nach Schätzungen wurden etwa 270.000 Frauen vergewaltigt“, sagte Rathkolb. Allein für die Steiermark - die Sowjets hatten bis zur offiziellen Zoneneinteilung im Juli weite Teile des Bundeslandes besetzt - sind zwischen 8. Mai und 4. August 9.493 Vergewaltigungen dokumentiert. In Wien schätzt man, dass bis zu 80.000 Frauen Spitäler aufsuchten, ein Viertel von ihnen wurde schwanger.

Zudem beschlagnahmten die Alliierten in Österreich alles, was sie als deutsches Eigentum sahen. Dazu zählten zum Beispiel rund 300 Industriebetriebe, sämtliche Erdölfelder samt Schürfrechten und die Raffineriebetriebe der Donau Dampfschiffahrts Gesellschaft (DDSG). Und auch bei der Frage der Kriegsgefangenen (1,5 Millionen österreichische Soldaten dienten in der deutschen Wehrmacht) standen vor allem die Sowjets besonders stark in der Kritik. „Und zwar wegen der extrem harten Arbeits- und Überlebensbedingungen in ihren Kriegsgefangenenlagern. Während viele Soldaten in den Lagern der Westmächte relativ rasch wieder zurückkehrten, fanden die ersten Rückkehrertransporte aus der Sowjetunion erst ab 1947 statt“, sagte Rathkolb.

„Gleichzeitig muss man auch festhalten, dass die Alliierten speziell in Sachen Kultur alle Anstrengungen unternahmen, Symbole des Wiederaufbaus zu setzen. So konnte beispielsweise der Betrieb in der Staatsoper und im Burgtheater sehr rasch wieder aufgenommen werden“, sagte Rathkolb.

Trotz Not neues Selbstbewusstsein

Trotz der Not und vielen unklaren Verhältnissen gelang es den Österreichern nach Ansicht Rathkolbs dennoch, ein neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Dieses habe maßgeblichen Anteil am geglückten Wiederaufbau des Landes gehabt, so der Zeithistoriker. „Die Bevölkerung hatte allen Problemen zum Trotz einen starken Glauben an das neue Österreich. Heute sehen viele Freiheit und Frieden in ihrem Land als selbstverständlich an, doch damals war beides nur dem unbändigen Willen, das Verlorene und Zerstörte wieder aufzubauen, zu verdanken“, sagte Rathkolb.

Zerstörte Wiener Staatsoper 1945

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Nach dem Krieg war vor allem Wien durch Bombenangriffe schwer beschädigt

Politisch steuerte Österreich in den Mai-Tagen 1945 jedoch noch einer unsicheren Zukunft entgegen. Zwar gab es die seit 27. April von den Sowjets eingesetzte, provisorische Regierung unter Staatskanzler Karl Renner (SPÖ), die jedoch von den Westmächten zuerst nicht anerkannt wurde. Sie betrachteten Renner als „Marionette Stalins“. Erst Ende Oktober wurde die Regierung auch von den Westmächten anerkannt. „Das westalliierte Misstrauen blieb trotzdem bestehen. Die Sowjetunion ihrerseits verschärfte die frühe Rhetorik des Kalten Krieges unter anderem in Folge der katastrophalen Wahlniederlage der KPÖ bei den ersten freien Nationalratswahlen am 25. November 1945 mit nur 5,44 Prozent“, sagte Rathkolb.

In der Grundfrage der Wiederherstellung eines eigenständigen österreichischen Staates zogen die Alliierten dennoch an einem Strang. „Das zentrale Ziel war die Trennung Österreichs von Deutschland. Das Ende aller auch theoretischen Diskussionen über eine gesamtdeutsche Option wurde nach 1945 kompromisslos eingehalten. Eine Teilung des Landes wie später in Deutschland stand nicht zur Diskussion“, so Rathkolb.

Verdrängung der Mitverantwortung

Damit wurde laut Rathkolb aber gleichzeitig auch das Selbstverständnis vieler Österreicher gefördert, Opfer des NS-Regimes gewesen zu sein. „Die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus blieb ausgeblendet, und die eigentlichen Opfer, vor allem Juden, wurden im kollektiven Identitätsbewusstsein an den Rand gedrängt“, sagte Rathkolb.

Schnell wurde vergessen, dass rund 550.000 Österreicher registrierte NSDAP-Mitglieder waren. „Wehrmachtsdeserteure blieben damals als Kameradenverräter stigmatisiert“, so Rathkolb. Nur zögerlich, ab Herbst 1945, nahmen sich die Alliierten der Entnazifizierungen an. Ehemalige NSDAP-Mitglieder wurden mit Berufsverboten und Strafzahlungen belangt.

„Auch die Alliierten verstärkten das Opferbewusstsein der Österreicher, da alle Personen, die vor dem 13. März 1938 deutsche Staatsbürger waren, von Österreich nach Deutschland abgeschoben wurden, wobei häufig Familien zerrissen wurden“, sagte Rathkolb.

Zwiespältiges Empfinden

Laut Rathkolb hätten viele Österreicher das historische Geschehen in der ersten Zeit nach dem Krieg als zwiespältig empfunden. „Sie waren froh, dass der schreckliche Krieg und die unmenschliche Nazi-Herrschaft zu Ende war. Der Aspekt der Befreiung wurde mit der Dauer der Besetzung des Landes durch die Siegermächte aber immer schwächer und schwächer und machte einer zunehmenden Enttäuschung über die bestehenden Verhältnisse Platz“, sagte Rathkolb. Die Beschränkung der staatlichen Souveränität durch die Alliierten mag dabei bei der Mehrheit der Bevölkerung die geringste Rolle gespielt haben. „Entscheidender waren wohl die persönlichen Erfahrungen, die die Menschen mit den Besatzern machten“, so Rathkolb.

Souveränität erst durch Staatsvertrag 1955

Obwohl bereits am 25. November 1945 die ersten freien Wahlen in Österreich stattfanden, sollte es noch bis 15. Mai 1955 dauern, bis Österreich durch den Staatsvertrag seine vollständige Souveränität wiedererlangte. Ein früherer Abschluss scheiterte zumeist am Veto der Sowjets. Den Wendepunkt dafür sollte 1955 schließlich der Neutralitätsbeschluss Österreichs bilden, wonach es keinem Militärbündnis angehören würde. „Auch wenn die Zeit der alliierten Präsenz schließlich zehn Jahre dauerte und es erst 1955 zum Staatsvertrag kam, wurde schon in den Mai-Tagen 1945 die Basis für die Souveränität Österreichs gelegt. Und zwar mit dem klaren Bekenntnis aller damals handelnden Personen zur Wiedererrichtung eines freien und demokratischen Staates“, so Rathkolb.

Franz Hollauf, ORF.at

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