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Als aus Nachbarn Feinde wurden

Gräben oder grape (slowenisch) - so heißen die Täler, die sich im Süden Kärntens eng und steil zwischen die Berge ziehen. In so einem Graben liegt Bad Eisenkappel/Zelezna Kapla, wo Kärntner Slowenen und deutschsprachige Kärntner seit Jahrhunderten zusammenleben. Während des Zweiten Weltkriegs zogen sich die Gräben der Landschaft mehr und mehr auch zwischen die beiden Volksgruppen.

Viele Kärntner Slowenen schlossen sich damals den Partisanen an, viele deutschsprachige Kärntner wurden zu überzeugten Deutschnationalen, einige gingen zur SS. Die Jahre von 1938 bis 1945 waren geprägt von Verrat, Verschleppung und Mord - im Mikrokosmos des Vellachtals wurden Freunde zu Feinden und Nachbarn zu Tätern und Opfern. Die, die überlebten, mussten nach dem Krieg einen Weg finden, um wieder zusammen - oder zumindest nebeneinander - leben zu können.

Kindheit und Jugend zwischen den Fronten

Im Dokumentarfilm „Der Graben“ erzählen Zeitzeugen von ihrer Kindheit und Jugend im Krieg. Sie erzählen davon, wie sie in der Volksschule ihre Muttersprache von einem Tag auf den anderen nicht mehr sprechen durften. Davon, wie ein Bub von Soldaten an einem Baum aufgehängt wurde, bis er fast keine Luft mehr bekam, um aus ihm herauszupressen, wo sein Vater - ein Partisane - sich aufhält. Davon, wie eine 20-jährige Kärntner Slowenin bei der Rückkehr aus dem Konzentrationslager erfährt, dass ihre Geschwister auf dem eigenen Bauernhof von einer SS-Einheit erschossen wurden.

Aber auch davon, wie im Mai 1945, als der Krieg schon vorbei war, Mütter und Schwestern von Wehrmachtssoldaten in Racheaktionen von Partisanen aus ihren Häusern geholt wurden und nie mehr zurückkamen. Die Erzählungen der Zeitzeugen wechseln mit an Originalschauplätzen gedrehten Szenen, in denen die Erzähler und Erzählerinnen von den eigenen Kindern, Enkeln und Urenkeln dargestellt werden. Regisseurin Birgit-Sabine Sommer gelang ein Film, der gleichermaßen historisch wertvoll wie berührend ist.

Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Graben"

Langbein & Partner

Dreharbeiten im Vellachtal: Die Zeitzeugen werden von den eigenen Kindern, Enkeln und Urenkeln dargestellt.

Anfangs habe es schon Skepsis in der Bevölkerung gegeben, erinnert sich Sommer bei der Vorpremiere von „Der Graben“ Ende April in Eisenkappel/Zelezna Kapla im Gespräch mit ORF.at. Fast genau vier Jahre zuvor hatte sie ihre Idee im Vinklhof, dem Elternhaus der Schriftstellerin Maja Haderlap, erstmals vorgestellt, „den Leuten vom Kulturverein, dem Amtsleiter und - ganz wichtig - dem Pfarrer“.

Die Regisseurin gewann deren Vertrauen - und nach und nach auch das der Menschen von Eisenkappel/Zelezna Kapla. Irgendwann sei es für die Menschen im Ort fast Ehrensache gewesen mitzutun, erzählt Sommer. Auf einem Bauernhof fanden sich auf dem Dachboden etwa zwei Truhen mit altem Gewand. Damit konnten fast alle der 64 Kinder aus dem Ort, die im Film mitspielen, eingekleidet werden konnten.

Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Graben"

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Eine Szene aus dem Film: Slowenisch war in der Schule nicht mehr erlaubt. Kinder, die kein Deutsch konnten, wurden 1938 sprachlos gemacht.

Die Angst, zu viel oder zu wenig erzählt zu haben

„Ein bissl skeptisch“ war auch Franz Josef Smrtnik, der Bürgermeister von Eisenkappel/Zelezna Kapla, als die Pläne für das Filmprojekt erstmals an ihn herangetragen wurden. Viele Kärntner slowenische Familien aus dem Ort waren von der Verfolgung durch die Nazis betroffen, „aber oft hieß es, man soll in der Öffentlichkeit nicht darüber sprechen“, erzählt er im Gespräch mit ORF.at. Die Angst, dass durch den Film alte Wunden aufgerissen werden, war im ganzen Ort da: „Die, die erzählt haben, haben Angst gehabt, was bei dem Film rauskommt - und vielleicht auch die, die zu wenig erzählt haben.“ Mit dem Ergebnis ist Smrtnik, der mit seiner Familie auch selbst im Film mitwirkt, allerdings mehr als zufrieden: „Es wurde neutral und behutsam mit der Geschichte von Eisenkappel umgegangen.“

Dreharbeiten zum Dokumentarfilm "Der Graben"

Langbein & Partner

Dreharbeiten im Wirtshaus: Eisenkappler stellen ihre Väter und Großväter in den 1930er Jahren dar.

Bei den Interviews mit den Zeitzeugen kamen fast jedem irgendwann die Tränen, so Sommer über die Dreharbeiten. Manches Mal sei erst hinterher klar geworden, wie unglaublich belastend das Gespräch für den Menschen gewesen sein muss. Die Seite der Kärntner Slowenen sei allerdings sehr geübt darin, sich zur Partisanenzeit zu äußern, sagt Sommer, Zeitzeugen aus deutschnationalen Elternhäusern seien da belasteter - „was die Eltern mal gemacht haben, erzählt man nicht so gern“.

„Es war so verpönt“

Der bewaffnete Widerstand der Partisanen gegen die Nationalsozialisten war eine bedeutende Grundlage für den Österreichischen Staatsvertrag, der vor 60 Jahren, am 15. Mai 1955, unterzeichnet wurde - stellte er doch einen wichtigen „eigenen Beitrag“ zur Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus dar, wie er von den Alliierten in der Moskauer Deklaration von 1943 von Österreich gefordert wurde.

Gedankt wurde das den Kärntner Slowenen und Sloweninnen nur selten - im Gegenteil: Schon bald nach dem Krieg organisierten sich in Kärnten ehemalige Nationalsozialisten in „heimattreuen“ Vereinen neu. Der Kampf der Partisanen, den die österreichische Bundesregierung noch bei den Staatsvertragsverhandlungen hervorhob, wurde als Terror und Heimatverrat abgetan. „Es war so verpönt. Du warst Bandit“, erinnert sich der Zeitzeuge Anton Haderlap in „Der Graben“ an die Jahrzehnte nach dem Krieg.

Eine „Partisanenhochzeit“ macht Schlagzeilen

Als Haderlap 1957 in Eisenkappel/Zelezna Kapla die Tochter eines ehemaligen Widerstandskämpfers heiratete, schrieb die „Kleine Zeitung“ abwertend von einer „Partisanenhochzeit“. „Ich als Partisan heirate eine Partisanentochter in Eisenkappel. 40 Geheimpolizisten haben unsere Hochzeit bewacht. Wir haben im Gasthaus vom Niederdorfer gefeiert, einem deutschnationalen Haus. Ein anderer Gastwirt wollte uns nicht nehmen. Die Eisenkappler Deutschgesinnten haben das E-Werk sabotiert, um uns auseinanderzutreiben, damit das Raufen anfangen kann“, erinnert sich Haderlap.

Dass die Hochzeit ausgerechnet im Gasthaus von deutschnationalen Kärntnern stattfand, erregte Aufmerksamkeit, waren doch die Mutter und die Schwester des Wirtes zwölf Jahre zuvor, im Mai 1945, von Partisanen verschleppt worden. „Das war selbstverständlich, dass wir die Hochzeit nahmen. Wo hätte die Hochzeit sonst stattfinden sollen? Es war ja keiner so wie wir eingerichtet“, sagt Gretel Niederdorfer, die ehemalige Wirtin, in „Der Graben“. „Aber es lief gut ab, also ohne Streitereien. Nur wurde es plötzlich finster, weil ein paar Burschen unten den Strom abgedreht hatten. Mein Mann wusste damals schon, was los war, und ging sofort hinunter zum Elektrizitätswerk und machte wieder Strom.“

Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Graben"

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„Man muss verzeihen“: Gretel Niederdorfer im Gespräch mit Regisseurin Birgit-Sabine Sommer

Dass ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin nach Kriegsende von Partisanen verschleppt wurden, konnte sie zwar nicht vergessen, aber „man musste es mehr oder weniger in Kauf nehmen, sonst hätte man hier ja nicht leben können. Man muss verzeihen.“

„Aufbruchstimmung“ in Kärnten

Was das Zusammenleben der Volksgruppen betrifft, sieht Bürgermeister Smrtnik in den letzten Jahren eine positive Entwicklung. Wer zu welcher Volksgruppe gehört, könne man heute oft gar nicht sagen, „fast jeder hat irgendwo eine slowenische Großmutter“.

Buchhinweis

Auch Maja Haderlaps mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneter Roman „Engel des Vergessens“ (Wallstein Verlag) behandelt das Leben der Kärntner Slowenen in Eisenkappel/Zelezna Kapla.

Sommer erlebte in den vier Jahren, von der Idee bis zur Fertigstellung von „Der Graben“, „eine Aufbruchstimmung in Kärnten“. Sie sei „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ gewesen. Der Film profitiere von der veränderten politischen Situation - „Kärnten nach Haider“ - und „Maja Haderlaps unglaublichem Roman, der ganz viel geöffnet hat und dafür gesorgt hat, dass die Kärntner Slowenen mehr Selbstvertrauen gewonnen haben“. Dass etwa der Kärntner Landeshauptmann bei einem offiziellen Auftritt Slowenisch spricht, wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

Als „Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die wehtut, die wehtun muss, um daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen“, bezeichnete der angesprochene Landeshauptmann Peter Kaiser, der das Publikum zur Vorpremiere auf Deutsch und Slowenisch begrüßte, das Filmprojekt. Die Menschen, die in „Der Graben“ ihre Biografie für andere zugänglich machen, verdienten Respekt.

„Ich kann Deutsch nicht, ich kann Slowenisch nicht“

Einer derjenigen, der seine Biografie in „Der Graben“ für andere zugänglich machte, ist Edgar Piskernik, Jahrgang 1935, dessen Muttersprache Deutsch ist, der aber später Slowenisch lernte, um seine Nachbarn zu verstehen: „Je kleiner ein Volk ist, desto nationalistischer ist es, und je größer, desto liberaler, europäischer ist es. Man muss dieses Kleingestrickte endlich ablegen und sagen, ich bin gleich wie du. Wir haben überhaupt keine Unterschiede, nur du sprichst lieber Slowenisch und ich spreche lieber Deutsch.“ Oder wie Anton Haderlap es sagt: „Ich kann Deutsch nicht, ich kann Slowenisch nicht, aber ich bin da. Ich würde jedem Kärntner sagen, wenn er sich nicht seiner Muttersprache schämt, dann ist alles in Ordnung.“

Romana Beer, ORF.at

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