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Zeitenwende in Irland

Beim Referendum über die Homosexuellenehe in Irland haben nach offiziellen Angaben von Samstag die Befürworter gewonnen. 62,1 Prozent der Wähler hatten am Freitag für die Verfassungsänderung gestimmt, wonach Ehen künftig unabhängig vom Geschlecht geschlossen werden dürfen. 37,9 Prozent sprachen sich dagegen aus. Wahlberechtigt waren rund 3,2 Millionen Iren.

Irland führt damit als erstes Land die Neuerung per Volksentscheid ein. Der Triumph des Ja-Lagers bedeutet für Irland eine Zeitenwende. Bis 1993 stand Homosexualität in Irland noch unter Strafe. Seit vier Jahren können Schwule und Lesben ihre Partnerschaften zwar eintragen lassen, eine wirkliche Gleichstellung mit heterosexuellen Paaren blieb ihnen aber verwehrt.

Jubel nach der Abstimmung

AP/Peter Morrison

Auch die als Panti bekannte Dragqueen Rory O’Neill feierte am Samstag in Dublin

Zahlreiche Prominente gratulierten Irland zu dem Schritt, darunter US-Vizepräsident Joe Biden, die Schriftstellerin JK Rowling und der Popsänger Ronan Keating.

„In Dublin ist es ein Erdrutsch“

Schon kurz nach Beginn der Auszählung hatten erste Verfechter der Homosexuellenehe gejubelt. „Die Stimmboxen sind geöffnet, es ist ein Ja“, schrieb der für Gleichstellung zuständige Staatssekretär Aodhan O Riordain im Kurznachrichtendienst Twitter. „In Dublin ist es ein Erdrutsch.“ Der Sieg der Gleichstellungsbefürworter sei „sehr beeindruckend“ ausgefallen, räumte ein Sprecher des katholisch orientierten Instituts Iona im öffentlich-rechtlichen Sender RTE ein.

Kinder mit Regenbogenfahnen

Reuters/Cathal McNaughton

Besonders in Dublin wurden am Samstag Regenbogenfahnen geschwenkt

„Ich bin so glücklich, ich könnte platzen“, sagte die 44-jährige Grainne O’Grady vor einem Auszählungsbüro in Dublin. Viele junge Menschen waren extra aus dem Ausland angereist, um an dem Referendum teilzunehmen. „Das ist erst der Beginn von etwas noch viel Größerem“, sagte der 29-jährige Niamh Fitzgerald, der aus England eingeflogen war. „Jeder hat ein Recht auf Religion, aber keine Religion hat das Recht, einem Land die Rechte zu diktieren.“

Katholische Kirche als großer Verlierer

Verlierer des Referendums ist die katholische Kirche. Die Bischöfe hatten bis zuletzt von den Kanzeln herab traditionelle Familienwerte gepredigt. „Werden wir wirklich die erste Generation in der Menschheitsgeschichte sein, die sagt, dass Mütter und Väter bei der Erziehung von Kindern keine Rolle spielen?“, fragte Erzbischof Michael Neary, einer der einflussreichsten Geistlichen Irlands.

Die katholische Kirche hat seit Jahren in Irland einen Rechtfertigungskampf zu führen. Spätestens als bekanntwurde, dass Kardinal Erzbischof Sean Brady systematisch Sexualdelikte von Priestern in Kinderheimen verschleiert hatte, verlor die Kirche an Glaubwürdigkeit. Als Brady 2010 in einer Predigt - statt um Vergebung zu bitten - die mangelnde Toleranz des Volkes gegenüber sündigen Kirchenvertretern anprangerte, schien der Graben zwischen Kirche und Volk endgültig aufgerissen.

Rückendeckung des Ministerpräsidenten

Dass die Regierung des konservativen Premierministers Enda Kenny und des damaligen Außenministers Eamon Gilmore 2011 ihren Botschafter aus dem Vatikan zurückzog, war ein erster gewichtiger Schritt. Gilmore war es auch, der in den Folgejahren die Verfassungsänderung zur Homosexuellenehe stark vorantrieb. Referenden zur Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare gab es auch schon in Ländern wie Kroatien und der Slowakei - sie scheiterten. Kenny hatte wie alle Vertreter der großen Parteien für die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren geworben. Die Volksbefragung bestimme das künftige Bild des Landes und berühre Fragen von „Toleranz“, „Respekt“, „Verständnis“ und „Sensibilität“.

Eine Frau hat im Kopfhaar einen Sticker mit der Aufschrift "I voted Yes"

Reuters/Cathal McNaughton

Großer Jubel bei den Befürwortern

In vielen Ländern bereits Realität

Homosexuelle Paare können die Zivilehe in folgenden europäischen Ländern eingehen: Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Großbritannien, Island, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. In diesen Ländern gibt es auch die völligen Adoptionsrechte - bis auf Portugal, dort besteht kein Adoptionsrecht für Homosexuelle.

Eingetragene Partnerschaften mit nahezu gleichen Rechten und Pflichten können neben Österreich in der Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Estland und Irland geschlossen werden. In anderen Ländern gibt es lediglich punktuelle Gleichstellungen. Österreich wird nach der diesbezüglichen Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs im Jänner künftig das einzige Land Europas sein, in dem es zwar völlige Adoptionsrechte für gleichgeschlechtliche Paare, allerdings keine Möglichkeit einer Eheschließung gibt.

NEOS und Grüne wollen Iren als Vorbild

Nach dem Irland-Votum sprachen sich Grüne und NEOS dafür aus, in Österreich den gleichen Schritt zu setzen. „Hoffentlich morgen!“, schrieb NEOS-Parteichef Matthias Strolz am Samstag auf Twitter. Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek teilte mit: „Nun ist es höchst an der Zeit, dass andere Länder - und allen voran Österreich - nachziehen!“

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