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Shakespeare in der Theatermaschine

Eine Inszenierung von Robert Lepage im Frühsommer in Wien ist an sich nichts Ungewöhnliches, war der Kanadier doch in den vergangenen Jahren regelmäßig Gast bei den Wiener Festwochen. Heuer arbeitete er aber erstmals in der Staatsoper und brachte mit „The Tempest“ zum Saisonabschluss eine Produktion nach Wien, die schon in der Metropolitan Opera und der Opera de Quebec große Erfolge feierte.

Zur österreichischen Erstaufführung ließ es sich Lepage nicht entgehen, die Einstudierung (mit fast durchgehend neuer Besetzung) selbst zu übernehmen, auch der Komponist Thomas Ades dirigierte sein Werk bei der Wiener Premiere selbst. Gemeinsam mit Librettistin Meredith Oakes ging Ades mit der Übertragung von Shakespeares Stück, das in seiner Bearbeitung 2004 in London uraufgeführt wurde, recht frei zur Sache. Aus Shakespeares Drama in fünf Akten gestalteten sie eine neue, dreiaktige Struktur, veränderten und vereinfachten Personenkonstellationen und konzentrierten sich auf Kernkonflikte und deren Auflösung.

Prospero wird zum Regisseur eines Rachedramas

Lepages Prospero könnte man in dieser Inszenierung auf gewisse Weise als das Alter Ego des Regisseurs betrachten, stellt er ihn doch nicht nur als Inselkönig auf die Bühne, sondern zugleich als Theatermagier. Der nach der Vertreibung durch seinen Bruder Antonio auf einer Insel gestrandete Ex-Herzog von Mailand hat, so die Grundidee, in seinem Exil die Mailänder Scala nachgebaut.

The Tempest

Michael Poehn

Prospero (Adrian Enöd) sinnt auf Rache

Das klassische Opernhaus (Bühne: Jasmine Catudal) ist in den drei Akten aus je einem anderen Blickwinkel zu sehen: von der Bühne auf die Logenreihen zum Auftakt, vom Zuschauerraum (also klassisch) auf die Bühne im zweiten Akt, in einer Art Querschnitt, die dem Regisseur ein interessantes Wechselspiel ermöglicht. Alle Akteuere werden hier immer wieder auch zum Publikum des von Prospero eingefädelten Dramas.

Effektvoll untergehen gleich zum Auftakt

In dieser Szenerie plant der Vertriebene nun also die Rache an seinem Bruder und dem Herzog von Neapel vorzunehmen, die er mit Hilfe seiner Zauberkräfte in einem Sturm vor seiner Insel Schiffbruch erleiden lässt. Ein großes Tuch, ein paar Projektionen und ein riesiger, schwankender Luster - viel mehr braucht es schon zum Auftakt nicht, um effektvoll den Untergang auf die Bühne zu zaubern.

The Tempest

Michael Poehn

Lepages Scala im Schnitt - Akteure werden zum Publikum

Genau wie sich Lepage und seine multidisziplinäre Kompanie Ex Machina zur Illustration der Magie großer Bilder, prachtvoller Kostüme (Kym Barrett) und einer einfallsreichen Theatermaschinerie bedienen, hat Ades das Märchen auch musikalisch eindringlich illustriert. Seine Ouvertüre wird zum entfesselten Sturm, wenn die Wellen des Streicherapparates in die Höhe gehen. Mit einem Gespür für melodische Linien schickt er Prosperos Diener, den Luftgeist Ariel, in schwindelerregend-mystische Höhen.

Eine Insel, „aus Musik und Klängen gemacht“

Mit Dissonanzen und Polyphonien macht der Komponist das Rachedrama spürbar - gekonnter Furor und Chaos treffen auf beschauliche Opulenz. Atmosphärischen Effekten stehen schließlich barocke Anklänge und kanonische Strukturen gegenüber und münden in ein harmonisches Finale, das die wiederhergestellte Ordnung widerspiegelt. „Die Insel ist aus Musik und Klängen gemacht,“ singt Caliban und bringt damit die Komposition auf den Punkt.

Die zentralen und am interessantesten ausgestalteten Partien sind in „The Tempest“ die von Prospero, Ariel und Caliban. Adrian Eröd überzeugt als Ex-Herzog und Neo-Inselkönig mit gekonntem Wechsel zwischen den extremen stimmlichen Regionen seiner Rolle und rhythmisch schwierigen Passagen - und steht dabei den ganzen Akt quasi durchgehend auf der Bühne, den Großteil davon singend.

Quietschen in stratosphärischer Höhe

Audrey Luna war als Einzige bereits bei den Aufführungen der Inszenierung in Quebec und New York dabei und hat als Ariel die zweifellos anspruchsvollste Rolle des Abends. Koloraturen, Quietschen und Gezwitschertes klingen wie nicht von dieser Welt. Dass dieser Luftgeist - der auch noch körperlich akrobatisch auftritt - so alle verzaubert, verwundert nicht.

The Tempest

Michael Poehn

Ariel (Audrey Luna) muss - nicht nur musikalisch - hoch hinaus

Als wilder Inselbewohner Caliban turnt Staatsopern-Ensemblemitglied Thomas Ebenstein viel erdiger über die Bühne. Mit Echsenstacheln auf dem Rücken und Zottelfell ist er mehr Monster als Mensch. Die innere Zerrissenheit des von Prospero Versklavten bringt er sowohl musikalisch als auch darstellerisch nachvollziehbar zum Ausdruck.

Stürmischer Jubel für alle Beteiligten

Lepages Inszenierung verlangt den Solisten auch viel an schauspielerischem Einsatz ab - eine Anforderung, der die gesamte Besetzung gewachsen ist. Ebenso musikalisch - auch abseits der genannten herausragenden Auftritte - ließ der Abend sängerisch genauso wenig zu wünschen übrig wie die Leistung des Staatsopernorchesters und des Chors.

Hinweis

„The Tempest“ ist an der Wiener Staatsoper noch am 18., 21., 24. und 27 Juni jeweils um 19.00 Uhr sowie am 12., 16. und 18. Oktober jeweils um 19.30 Uhr zu sehen.

Es ist das Gesamtkonzept, das den Abend so besonders macht. Lepages Ideen zu Ades’ Klängen - es trifft sich hier, was sehr gut zusammenpasst. Das sah auch das Premierenpublikum so, das sowohl Sängern als auch Komponist, Orchester und Regieteam einen rund viertelstündigen, unwidersprochenen Jubel bescherte.

Sophia Felbermair, ORF.at

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