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NGOs orten „neue Energieära“

Auf der Pariser UNO-Klimakonferenz sollen Ende dieses Jahres die Weichen im Kampf gegen den Klimawandel gestellt werden. Eine Vorlage bietet nun eine Sonderstudie der Internationalen Energie-Agentur (IEA), wonach eine baldige Energiewende durchaus umsetzbar erscheint und Sonne, Wind und Wasserkraft bereits in 15 Jahren Kohle, Öl und Gas als wichtigste Energiequellen ablösen könnten.

„2030 können 60 Prozent der Stromerzeugung aus Erneuerbaren kommen und ein Viertel des globalen Energiebedarfs aus sauberen Quellen gedeckt werden“, sagte Mitte Juni IEA-Chefökonom Fatih Birol bei der Vorstellung der Studie. Bei Umsetzung von fünf Schritten könnte laut der IEA zudem bereits 2020 - also in fünf Jahren und damit weit früher als bisher prophezeit - der Scheitelpunkt der gesamten energiebezogenen Treibhausemissionen erreicht werden.

Ohne diese radikalen Schritte, so die IEA weiter, sei das vor 2030 allerdings nicht denkbar. Der Schlüssel im Kampf gegen die globale Erwärmung liegt der Studie zufolge ohne Frage bei erneuerbarer Energie und einem baldigen Ende der bisherigen Vormachtstellung fossiler Energiequellen. Die IEA zeigt mit ihrer Studie den Bereich des Möglichen auf und spielt den Ball damit den Staaten zu. Denn diese müssten, so es eine Veränderung geben solle, endlich ihre Versprechungen wahr machen und die notwendigen Maßnahmen vornehmen.

Von Energieeffizienz bis Methanausstoß

Die von der IEA genannten Vorschläge umfassen Effizienzsteigerungen in Industrie und Infrastruktur, die Abkehr von Kohlekraftwerken, die Erhöhung der Investitionen in erneuerbare Energien von 270 Milliarden Dollar (239 Mrd. Euro) im Jahr 2014 auf 400 Mrd. Dollar (355 Mrd. Euro) bis 2030, das Auslaufenlassen von Förderungen für fossile Treibstoffe für Endnutzer sowie die Reduktion von Methangas in der Öl- und Gasproduktion. Laut IEA wären alle diese Maßnahmen mit den derzeit verfügbaren Mitteln und Technologien sowie ohne Zusatzkosten und ökonomische Einbußen umsetzbar.

Reformen im Energiesektor

Egal, um welche Maßnahmen es geht, außer Frage steht für die IEA: Ganzheitlich gesehen muss im Kampf gegen die globale Erwärmung der Energiesektor verstärkt ins Visier genommen werden. Der von IEA-Generalsekretärin Maria von der Hoeven genannte Grund: Energiegewinnung und -verbrauch sind für mehr als die Hälfte aller weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. „Jedes Abkommen, das in Paris erzielt wird, muss sich auf den Energiesektor konzentrieren“, so von der Hoeven weiter.

Das Gebot der Stunde seien tiefe Schnitte im Energiesektor bei gleichzeitigem Bewahren des Wirtschaftswachstums und die Ländergrenzen übergreifende, gerechte Förderung von alternativen Energiequellen an all jenen Orten, die noch keinen Zugang zu sauberer Energie haben. Energiepolitische Maßnahmen müssten sich aber auch an nationalen Gegebenheiten und Umständen orientieren.

Fahrplan für Paris

In ihrer Studie legt die IEA auch vier Punkte fest, die sie für ein Gelingen des Pariser Klimagipfels als essenziell betrachtet. Eine davon ist die Einigung auf das Jahr 2020 als Scheitelpunkt der Treibhausgasemissionen. Weiters plädiert die Organisation dafür, regelmäßige Zusammenkünfte zu etablieren - denn für den von 30. November bis 11. Dezember angesetzten Megagipfel, an dem 196 Länder teilnehmen, sind keine Folgeevents zur Evaluierung der beschlossenen Maßnahmen geplant.

Fatih Birol, IEA-Chefökonom, dazu: „Die Versprechen in Paris müssen alle fünf Jahre erneuert werden. Das liegt daran, dass sich Umstände ändern, die Kosten von Technologien sinken und so weiter. Wir müssen das zur Kenntnis nehmen.“ Zwar wird bei regulären diplomatischen Zusammenkünften über das Klima geredet, verbindliche Beschlüsse werden allerdings kaum getroffen.

„CO2-Budget“ und Kontrolle

Neben dem Emissionsscheitelpunkt und der Schaffung regelmäßiger Kontrolltreffen will die IEA auch, dass das etablierte, aber in der Umsetzung vage Zweigradziel in konkrete Emissionsausstöße umgelegt wird. Ziel ist quasi die Schaffung eines „CO2-Kontingents“ für alle Länder. Das Zweigradziel beschreibt das auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse gesetzte Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen.

Zum Schluss fordert die IEA vom Pariser Klimagipfel den Beschluss eines weltweiten „Überwachungssystems“ für Emissionen und den Verbrauch fossiler Treibstoffe im Energiesektor. Die Resultate aus dieser Beobachtung sollen regelmäßig publiziert werden, wogegen sich wohl die meisten Länder sträuben würden.

„Kohle bald Geschichte“

Positive Stimmen zum IEA-Report gibt es vor allem von NGOs. „Wir sind an der Schwelle zu einer neuen Energieära, und die IEA weiß das“, sagte Greenpeace-Klimaexperte Martin Kaiser. „Kohle wird bald Geschichte sein, und das Öl wird ihr folgen.“ Birol erklärte, die weltweiten Emissionen hätten 2014 erstmals nicht zugenommen, obwohl die Weltwirtschaft um drei Prozent gewachsen sei. „Das ist ein gutes Zeichen.“

Auch Samantha Smith vom WWF sagte: „Die IEA-Analyse bestätigt, was Wissenschaftler und die Zivilgesellschaft bereits seit einiger Zeit betonen - Länder müssen Emissionen eindämmen, und das sofort, sonst stehen wir einem gefährlichen Klimawandel gegenüber. Was jetzt getan wird und was in ferner Zukunft getan werden soll, ist nicht genug, um das Problem zu lösen.“

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