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„Das macht krank auf Dauer“

Bezieher der Mindestsicherung: Was heißt das schon? Es ist nicht das, was einen Menschen ausmacht. Aber durch die öffentliche Debatte fühlt man sich als Betroffener reduziert auf dieses eine, schambehaftete Detail einer langen Biografie.

Franz wurde 1954 als Sohn eines Unternehmers geboren. Er selbst machte Matura in der HAK und ist gelernter Kaufmann. Einst arbeitete er in einem österreichischen Großkonzern im Export. Insgesamt war Franz im Verlauf seines Lebens bei sieben verschiedenen Arbeitgebern beschäftigt. Import, Export, Lagerlogistik. Franz war ein Profi in seinem Fach. Selbst gekündigt hat er nie. Es waren jeweils Kündigungswellen, die Absiedlung in Billiglohnländer oder gleich der Konkurs der ganzen Firma.

Bei seiner letzten Kündigung war Franz 51 Jahre alt, das ist jetzt zehn Jahre her. Besonders gut war es ihm schon vor dem Rausschmiss nicht gegangen. Sechsmal den Job wechseln, das ist schon viel, wenn es nicht freiwillig passiert. Und im Privatleben läuft auch nicht immer alles rosig. Aber so richtig schlecht ging es ihm erst dann - in der „Arbeitslosen“. Es ist die alte Geschichte: ohne Job kein Arbeitsumfeld, keine Struktur, keine Ablenkung. Franz fiel in ein tiefes Loch.

800 Bewerbungen

Mit jeder Bewerbung, die er verschickte, wurde sein Zustand schlimmer. Antriebslosigkeit, Traurigkeit, schließlich Panikattacken und eine schwere Depression. 800 Bewerbungen hat Franz in den ersten Jahren verschickt. 800-mal kam entweder gar nichts zurück - oder eine Ablehnung. Am Anfang hielt er sich an seinen angestammten Bereich und ging es strategisch an. Er bewarb sich für Jobs, von denen er wusste, dass Erfahrung und Praxis das Wichtigste sind.

Dann fuhr er Taxi - in seinem Zustand keine gute Idee. Lange Nachtdienste, bei denen man stundenlang im Auto herumsitzt und nichts tut, sprich sich selbst und seinen Gedanken ausgeliefert ist - das ist kein Job für jemanden mit ausgewachsenen Depressionen und Panikattacken. Am Anfang wusste Franz noch nicht einmal, dass er krank war. Er litt. Diagnostiziert wurde sein psychisches Gebrechen erst später. Auch das Taxifahren ging nicht gut. Also wurde Franz der Maßnahmenkatalog des Arbeitsmarktservice angediehen.

„Soll ich mich umbringen?“

Dort wurde sein Zustand nicht gerade besser. Er selbst hat bald gespürt, dass das mit den Bewerbungen nichts mehr werden wird. Aber das AMS habe immer mehr Druck gemacht. Ob seine Krankheit diese Einschätzung beeinflusst oder nicht - Franz jedenfalls empfindet es so: Nicht alle, aber viele Mitarbeiter des AMS würden ihre Kunden nicht als Menschen, sondern als Schmarotzer behandeln: „Das ist beleidigend. Das macht krank auf Dauer.“

Dieser Zwang zu arbeiten auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Unmöglichkeit, einen Job zu finden: „Soll ich mich umbringen oder nach Moldawien auswandern? Das ist keine Zukunft. Wo soll man hin als älterer Mensch?“ Die Geisteshaltung der Gesellschaft gegenüber Älteren findet Franz „gestört“. Er fordert eine Pflicht für Arbeitgeber, auch Ältere wie ihn einzustellen.

Nur nicht untätig sein

Denn Franz will arbeiten. Es müsste eben aufgrund seiner Beeinträchtigung eine Arbeit sein, die nicht allzu anstrengend ist, die ihn aber dennoch ohne Unterlass fordert. So einen Job hat er nicht gefunden. Mittlerweile hat Franz einen Pensionsantrag gestellt. Untätig will er auch im Ruhestand nicht sein - und er war es auch während der langen Jahre der Arbeitslosigkeit nicht.

Von den zahlreichen AMS-Maßnahmen abgesehen hat Franz ehrenamtlich bei pro mente mitgearbeitet, einem Verein, der Menschen mit psychischen und sozialen Problemen betreut. Und er war von einem kleineren Verein für Arbeitslose Obmann. Unlängst hat er sogar wieder mit dem Fußballspielen begonnen. Franz sagt, er braucht Struktur. Einfach nur den ganzen Tag beim Wirt sitzen, das kann und will er nicht.

Endlich ein Ende der Neiddebatte

Auf die letzte Frage, ob es noch irgendetwas gibt, was er den Menschen da draußen über Mindestsicherungsbezieher sagen möchte, sprudelt es aus Franz heraus: „Es wird gehetzt gegen uns. Ein Großteil der Menschen würde lieber normal arbeiten. Und nur die wenigsten beziehen Mindestsicherung zur Gänze, meistens ist sie eine Aufzahlung zu Schandlöhnen oder der Notstandshilfe.“ Die Wirtschaft sei mitschuldig an der Situation.

Es werde auf gemeine Art und Weise Stimmung gemacht, gegen Menschen, die nichts dafürkönnen. Franz kennt die Bezieher von Mindestsicherung. Er schätzt die Zahl derer, die nicht arbeiten wollen und das System ausnützen, auf maximal fünf Prozent ein. Die müsse man disziplinieren. „Aber deshalb kann doch die Gesellschaft nicht alle über einen Kamm scheren und wie Schmarotzer behandeln. Wir haben ja eingezahlt in das System.“ Die Neiddebatte, wünscht sich Franz, soll endlich ein Ende haben.

Simon Hadler, ORF.at

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