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Bitcoins als Behelfslösung

In Argentinien nutzt eine kleine, aber stetig wachsende Gruppe an Unternehmern und Privatpersonen die digitale Währung Bitcoin für finanzielle Transaktionen abseits des etablierten Bankwesens, berichten das „New York Times Magazine“ und die „Financial Times“ („FT“). Für die Bitcoin-User geht es auch darum, in einer stark regulierten Wirtschaft das Beste aus ihrem Geld zu holen.

Argentinien wird in der Bitcoin-Szene immer wieder als Vorzeigeland des Aufstiegs gefeiert. 2014 erklärte der „Bitcoin Market Potential Index“, dass die digitale Währung in Argentinien das größte Potenzial für eine schnelle Verbreitung habe. Die Gründe dafür lassen sich unter anderem in der gerüttelten Wirtschaft des Landes finden. Die Regierung von Cristina Fernandez de Kirchner verfolgt eine strikte Währungspolitik, das Land leidet unter Inflationsraten von 20 bis 30 Prozent. Die Regierung setzt auf Kapitalverkehrskontrollen. Der Zugang zu Fremdwährungen ist engmaschig reguliert, ökonomische Stagnation der Alltag.

Peso auf der Straße mehr wert

Weil der argentinische Peso immer noch extrem volatil ist, ist der Tausch in stabilere Währungen wie den US-Dollar für Argentinier sehr attraktiv. Der Wechsel zwischen Peso und Dollar passiert oftmals auf dem Schwarzmarkt, denn die offiziellen und inoffiziellen Wechselkurse driften extrem weit auseinander. Während man auf offiziellem Weg derzeit für einen US-Dollar neun Pesos bekommt, sind es in den „Cuevas“, den Wechselstuben, etwa 14 Pesos. Der Kauf auf offiziellem Weg ist außerdem limitiert.

Empfangen Argentinier nun Zahlungen aus dem Ausland auf dem regulierten Bankenweg, bedeutet das nicht nur Papierkrieg und Wartezeit, die Fremdwährung wird auch mit dem offiziellen - also niedrigen - Kurs in Pesos umgerechnet. Das wurmt die Argentinier, denn würden sie das Geld auf der Straße tauschen, bliebe ihnen wesentlich mehr. An dieser Stelle kommen Bitcoins ins Spiel: Werden Zahlungen mit den digitalen Geldeinheiten getätigt, fallen nicht nur logistische Beschränkungen weg, es tut sich ein effizienter Weg auf, die strikten Begrenzungen rund um Fremdwährungen effektiv zu umschiffen.

Bitcoin statt Dollar

Bereits mehrere Firmen im Land haben sich auf den Handel mit dem Kryptogeld spezialisiert. BitPagos beispielsweise übernimmt für argentinische Unternehmen die Verarbeitung von internationalen Kreditkarten- und Bitcoin-Zahlungen. Die in San Francisco sesshafte Firma nimmt in den USA die Gelder von Kunden entgegen, kauft damit Bitcoins und gibt diese an die Unternehmer weiter. Das Kryptogeld wiederum kann für weitere finanzielle Transaktion verwendet oder auf dem Schwarzmarkt zu einem besseren Kurs in Peso oder Dollar eingetauscht werden. Bei gutem Kurs ersparen sich die Kunden damit bis zu einem Drittel.

"Bitcoins accepted here" Zeichen vor einem Lokal

Reuters/Mark Blinch

Argentinien gilt als Land mit dem größten Potential für Bitcoin-Nutzung

Den Tausch in greifbares Geld übernehmen „Bitcoin-Broker“ wie Dante Castiglione, den das „New York Times Magazine“ bei seiner Arbeit begleitet hat. Menschen wie er leben davon, Bitcoins in Peso, Dollar und wieder retour zu tauschen. Castiglione gibt an, etwa 800 Kunden zu bedienen - meist Dienstleiter, die Bitcoin dazu nutzen, um Honorare aus Übersee entgegenzunehmen. Castiglione gibt an, trotz der volatilen Bitcoin-Kurse gut daran zu verdienen.

Grenze der Legalität

Castiglione und seine Kunden operieren an der Grenze der Legalität, hoffen aber, dass die Regierung zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist, um sich um sie zu kümmern. Der Journalist Chris Matthews bezeichnete das Vorgehen in der „Fortune“ als „jedenfalls illegal“. Die Argentinier, zumindest die technisch affinen, würden sich Bitcoin zuwenden, weil sie darin einen Weg sähen, ihre Pesos für das Geld zu tauschen, das sie wirklich wert sind.

Bitcoin sei ein simpler Weg, das Bankensystem, das mit der argentinischen Regierung zusammenarbeitet und die Bevölkerung dazu zwingen will, den abgewerteten Peso zu verwenden, auszutricksen. Würde Bitcoin tatsächlich „das Land übernehmen“, wäre das eher ein endgültiges Armutszeugnis für Argentiniens Wirtschaftspolitik als ein Triumph von Bitcoin, so Matthews. Dass den Menschen ein Mittel gegeben wird, um die negativen Effekte der verfehlten Politik zu kompensieren, sei aber „wahrscheinlich gut“.

Auch die „International Business Time“ ortet die Vorteile von Bitcoin-Nutzung in deren Unabhängigkeit von Politik und zentralen Autoritäten und den Auswirkungen von Gesetzgebung. Menschen hätten die Möglichkeit, auch unabhängig von einem Bankkonto und rund um die Uhr Geldgeschäfte zu betreiben. Nur etwa die Hälfte der Argentinier hat ein Bankkonto und bzw. oder ein Kreditkarte. „Inversor Global“ lobt den zusätzlichen Schutz für Investoren vor galoppierender Inflation und den unbeständigen wirtschaftlichen Entwicklungen im Schwellenland Argentinien.

Größtes Potenzial für Bitcoins

Laut der „FT“ hat sich die Bitcoin-Nutzung in Argentinien im letzten Jahr verdoppelt. Als besonders bemerkenswert wird die Tatsache gesehen, dass das Kryptogeld auch von Privatpersonen für „normale“ finanzielle Transaktionen verwendet wird, was auf dem Rest der Welt eher die Ausnahme ist. In kleinen Schritten dringt Bitcoin langsam in den argentinischen Alltag ein, beispielsweise erlaubt der Onlineversandhändler Avalancha Zahlungen mit Bitcoin, seit Mai haben die Argentinier mit Bitex.la Zugang zu einer Echtzeit-Bitcoin-Börse.

Die tatsächliche Größe der argentinischen Bitcoin-Szene ist schwer zu messen. Die „FT“ spricht von 6.000 bis 8.000 registrierten Nutzern, die Argentina Bitcoin Foundation schätzt, dass 15.000 bis 20.000 Menschen das Kryptogeld besitzen. Bei 41 Millionen Einwohnern sind das immer noch verschwindend geringe Zahlen. Dass das abstrakte und komplexe Konzept der Bitcoin-Nutzung auch in Argentinien viele Menschen abschreckt, könnte zusätzlich zur Unsicherheit die Verbreitung hemmen.

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