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Wenn Menschen zur „Flut“ werden

Sprache ist ein mächtiges Instrument. Besonders in der aktuellen, hochemotional geführten Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen werden Begriffe oft gedankenlos verwendet. Begriffe, die früher oft nur am rechten Rand als salonfähig betrachtet wurden, fanden mit dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien in den vergangenen 25 Jahren ihren Weg in breite Diskurse.

„Die Flüchtlingszahlen explodieren“, „Asylgegner demonstrieren“, „Europa steht der Flüchtlingswelle hilflos gegenüber“: Diese Schlagzeilen der vergangenen Wochen aus österreichischen Medien werfen ein Licht auf die Tonart, in der die Flüchtlingsdebatte in Österreich derzeit geführt wird.

„Sprache erschafft Realität mit“

Welche Wirkung Hasspostings auf das Debattenklima haben und welche Konsequenzen sie für die Poster haben können, ist Gegenstand aktueller medialer Diskussionen. Doch nicht nur in den Untiefen der Internetforen finden diskriminierende Diskurse statt. Auch Politiker und Medien bedienen sich einer abwertenden Sprache und normalisieren - bewusst oder unbewusst - rassistische Sprachmotive.

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte werden Begriffe und Metaphern bemüht, die den Blick auf das Wesentliche verstellen, Realitäten anders darstellen oder schlicht falsch sind. „Sprache erschafft Realität mit“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak im Gespräch mit ORF.at. „Mich stört der schlampige Umgang: Ein Migrant und ein Flüchtling sind zwei komplett andere Begriffe“, so Wodak.

Rechtsanspruch auf Schutz

Flüchtlinge sind klar nach der Genfer Konvention definiert: Wer aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder politischer Überzeugung verfolgt wird, dem steht Schutz zu. Die 147 Staaten, die den völkerrechtlichen Vertrag unterschrieben haben, müssen schutzsuchenden Menschen Asyl gewähren und ihre Versorgung und Sicherheit garantieren.

Flüchtlinge in der Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen am 29. Juli 2015

APA/Einsatzdoku.at

Flüchtlinge in Traiskirchen holen Kleiderspenden ab

Wer Flüchtlingen also das Recht auf Asyl abspricht, fordert den Staat zum Bruch des Völkerrechts auf. Wodak weiter: „Migrant ist ein unschärferer Begriff, das kann jemand sein, der aus wirtschaftlichen Gründen auswandert oder weil ihnen anderswo das Leben besser erscheint. Hier werden zwei Konzepte miteinander vermengt.“ Durch die Verwechslung der Begriffe könne vom Publikum der Eindruck gewonnen werden: „Alles Fremde!“

Menschen als Naturkatastrophen

Die Stimmen, die vor einer „Flut von Asylwerbern“ und vor „Flüchtlingswellen“ warnen, mehren sich. Die Begriffe werden quer durch die österreichische Medienlandschaft verwendet. „All diesen Metaphern ist gemein, dass sie sich auf Naturkatastrophen beziehen. Es wird suggeriert, dass man machtlos ist“, sagt die Linguistin Wodak und erläutert, dass derartige Rhetorik eine „dehumanisierende Wirkung“ habe.

Ein aktuelles Beispiel: der britische Premier David Cameron, der vergangene Woche von Migranten als „Schwarm“ sprach. Wodak dazu: „Migranten sind Menschen, keine Insekten. Die ‚Parasitenrhetorik‘ hat bekanntlich eine lange Geschichte, zuletzt wurde sie von den Nazis gegen Juden und Roma verwendet.“

Die Militarisierung der Sprache ist ebenfalls kein neues Phänomen, Metaphern wie „Festung Europa“, „Ansturm auf die Grenzzäune“ und „belagerte Aufnahmezentren“ werden im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet. Transportiert wird dadurch, dass „‚wir‘ uns in einem Kampf ‚mit den Flüchtlingen‘ befinden“, so Wodak. Eine Verdrehung der Tatsachen, wie die Wissenschaftlerin findet: „Es sind die Flüchtlinge, die vor Kriegen fliehen.“

Abwertende Sprache kein rechtes Phänomen

Man müsse von dem Glauben wegkommen, dass es diese Sprachbilder nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums gibt, so der Rechtsextremismusforscher Andreas Peham im Gespräch mit ORF.at. „Im österreichischen Parlament war Peter Marizzi (SPÖ) im Jahr 1989 der Erste, der von einer ‚Ausländerflut‘ gesprochen hat“, erinnert sich Peham. Die Maxime vieler Medien, dass nur "bad news good news“ seien, verschärfe die Entpersonalisierung der Flüchtlinge und verhindere Empathie, so Peham, der beim Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) tätig ist.

Aber nicht nur in der Alltagssprache und in den Medien findet sich abwertende Sprache. Auch in den institutionalisierten Sprachschatz - das Wörterbuch - finden Begriffe wie „Asylant“ Aufnahme. Definiert ist der Begriff im Österreichischen Wörterbuch als „jemand, der um Asyl ansucht“. Linguistin Wodak widerspricht der wertungsfreien Definition: „Der Begriff ist seit Jahren negativ konnotiert, weil er vor allem in rechter bis rechtsextremer Rhetorik verwendet wird.“

Aktuelle Zahlen im historischen Vergleich gering

Wodak und Peham betonen beide, dass in der aktuellen Debatte über die Aufnahme der Asylwerber der historische Kontext außer Acht gelassen werde. Während der Ungarn-Krise 1956, dem Prager Frühling 1968 und der Jugoslawien-Kriege nahm Österreich in kurzer Zeit jeweils über 100.000 Flüchtlinge auf.

Obwohl die Zahlen heute kleiner sind, ist der öffentliche Aufschrei über die jüngst wieder gestiegene Anzahl von Flüchtlingen lauter. Die Sprachwissenschaftlerin Wodak sagt, dass von manchen Politikern und Medien klar unterschieden wird zwischen Menschen aus Nachbarländern, die „christlich und weiß“ sind, und Menschen, die aus denselben Motiven fliehen, aber „anders aussehen“. „Hier sind offensichtlich rassistische Vorurteile an der Meinungsbildung beteiligt“, stellt sie fest.

Ungarische Flüchtlinge im November 1956 auf dem Weg nach Österreich

picturedesk.com/AFP

Nachbarschaftshilfe: ungarische Flüchtlinge auf dem Weg nach Österreich

Dass Sprache ein Indikator für einen sich einschleichenden, normaler werdenden Rassismus ist, zeigt DÖW-Forscher Peham an einem Beispiel: „1990 wurde die Neonazi-Liste ‚Nein zur Ausländerflut‘ von der Wahlbehörde an einer Teilnahme an den Nationalratswahlen gehindert. Mit der Begründung, dass deren Agitation mit dem Begriff ‚Überfremdung‘ auf Neonazismus und verhetzerische Absicht verweise.“ Neun Jahre später warnte die Wiener FPÖ an jeder Straßenecke auf Wahlplakaten mit dem Spruch „Stop der Überfremdung“.

Weitverbreitete Euphemismen

Noch mehr in der Mitte des medialen Sprachschatzes angelangt: die Begriffe „Asylkritiker“ und „Asylgegner“. Häufig werden Demonstrationen gegen neue Flüchtlingsunterkünfte mit Schlagzeilen wie „Asylgegner demonstrieren gegen Flüchtlingsheim“ versehen. Die Linguistin Wodak hält die Begriffe für „nichtssagend und irreführend“. Sind die Protestierenden gegen das Konzept von Asyl an sich? Oder gegen die Asylpolitik ihres Landes? „Mit solchen unscharfen Begriffen wird versucht, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht beim Namen zu nennen“, kritisiert Wittgenstein-Preisträgerin Wodak.

Ein Kommentar in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ kommt zu derselben Conclusio: „Die Maskerade des ‚Asylkritikers‘ ist der Versuch, Ausländerfeindlichkeit zur legitimen Diskursposition zu erheben, eine Position in die Öffentlichkeit einzuführen und ihre Ideologie zu camouflieren. Eine Art Du-darfst-Rassismus“, schreibt David Hugendick dort.

Die dpa reagierte mit einer Verbannung des Begriffs aus ihrer Berichterstattung, der für Chefredakteur Sven Gösmann „verschleiernd und beschönigend“ wirkt. Rechtsextremismusforscher Peham begrüßt den Schritt der dpa, für ihn fällt „Asylkritiker“ in dieselbe Kategorie wie „Israelkritiker“ oder „Islamkritiker“. Begriffe wie „Frankreichkritik“ oder „Buddhismuskritik“ gebe es auch nicht. Die Wortschöpfungen hätten aber einen bestimmten Zweck: „Vorurteile und Ressentiments geben sich nicht gern als solche zu erkennen, deswegen versteckt man sich hinter dem Begriff ‚Kritik‘“, so Peham.

Neid verstärkt Vorurteile

Woher Vorurteile kommen, versuchte der Philosoph Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert zu erklären: Er entlarvte Ressentiments als versteckten Neid. Diese Emotion spielt auch in der Asyldebatte eine Rolle, sie verbirgt sich hinter Begriffen wie „Sozialschmarotzer“, „Scheinasylant“ und „Wirtschaftsflüchtling“. Diese Begriffe konstruierten ein falsches Bild, das unsere eigenen Sehnsüchte widerspiegle, argumentiert Peham: „In einer Leistungsgesellschaft gibt es das unerfüllte Bedürfnis nach Faulheit und finanzieller Versorgung, diese Sehnsüchte werden auf Flüchtlinge projiziert und lassen Vorurteile entstehen.“

Welche Begriffe gerade Konjunktur haben, zeigt, welche Vorurteile in einer Gesellschaft vorherrschen. Über die Zeit verändern Begriffe auch ihre Bedeutung, wie der Linguist Martin Wengeler in der „Süddeutschen Zeitung“ darlegt. So wurde die Bezeichnung „Armutsflüchtling“ in den 80er Jahren verwendet, um auf einen triftigen und legitimen Fluchtgrund hinzuweisen. „Heute heißt es im Subtext: Die wollen unsere Sozialsysteme ausnützen“, so Wengeler, der Begriff werde heute synonym mit „Wirtschaftsflüchtling“ gebraucht.

Wo eine Sprachdebatte helfen kann

Alles nur Spitzfindigkeiten von „Political Correctness“-Aposteln? Eine Scheindebatte über Begriffe, mit denen man die Sprache zusätzlich verkompliziert? Warum hilft es Flüchtlingen, wenn sie nicht mehr pauschal als „illegale Migranten“ bezeichnet werden? Die Sprachwissenschaftlerin Wodak ist überzeugt: „Durch Sprache werden Ideologien und Werthaltungen transportiert. Es geht darum, Menschen nicht abzuwerten. Sprachliche Gewalt ebnet den Weg für physische Gewalt. Darüber nachzudenken, welche Begriffe man verwendet, sollte also im Interesse von allen sein.“

David Tiefenthaler, ORF.at

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