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„Grauenvolles Bild“

Eine Flüchtlingstragödie furchtbaren Ausmaßes ist am Donnerstag in Österreich entdeckt worden: In einem auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland abgestellten Lkw stieß die Polizei auf bis zu 50 Leichen. Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt sprach am Donnerstagnachmittag von einer „intensiven Erstermittlungsphase“, in der man sich nach der grauenvollen Entdeckung befinde.

Das rund 7,5 Tonnen schwere Kühlfahrzeug mit ungarischem Kennzeichen, das vor einem Jahr von einer slowakischen Firma verkauft worden war, dürfte zumindest seit Mittwoch in einer Pannenbucht auf der A4 abgestellt gewesen sein. Entdeckt wurde der Lkw von einem Mitarbeiter der ASFINAG, der in dem Bereich mit Mäharbeiten beschäftigt war. Er verständigte die Autobahninspektion, da man noch von einer Panne ausgegangen war. Als schließlich Verwesungsgeruch wahrgenommen wurde, verständigte man weitere Einsatzkräfte.

TV-Hinweis:

ORF2 bringt im Anschluss an die ZIB2 um 22.25 Uhr einen „Runden Tisch“ zu der Flüchtlingstragödie auf der A4.

Lkw in Halle gebracht

Die ASFINAG sperrte im betroffenen Bereich eine Fahrspur und zeitweise andere Streckenabschnitte. Sieben zivile Fahrzeuge mit Blaulicht auf dem Dach und zwei Polizeistreifenwagen standen am Nachmittag bei dem Lkw. Beamte mit Warnwesten und Spurensicherer in weißen Overalls bewegten sich rund um das Fahrzeug. Auf der Fahrbahn in der Gegenrichtung bremsten immer wieder Schaulustige ab. Eine Böschung hinter dem geschlossenen Lkw wurde mit Bändern gesperrt. Das Areal wurde mit Polizeihunden durchkämmt.

Karte zeigt den Ort der Flüchtlingskatastrophe

APA; ORF.at

Bald war klar, dass weitere Ermittlungsarbeit an der Autobahn nicht möglich ist. Am Nachmittag wurde der Lkw von einem Abschleppwagen, begleitet von einer Polizeieskorte, in eine frühere veterinärmedizinische Kontrolleinrichtung der Grenzstation Nickelsdorf gebracht. Erst dort sollen die Toten geborgen werden und die detaillierten Untersuchungen beginnen. Auf der Autobahn sei das nicht möglich gewesen, hatte der burgenländische Polizeisprecher Helmut Marban am Nachmittag gegenüber Medienvertretern erklärt.

Lkw in Kühlhaus gebracht

In einer Pressekonferenz am frühen Donnerstagabend gab die Exekutive erste Ermittlungsergebnisse bekannt. Der Lkw sei noch am Mittwochvormittag in Ungarn gesehen worden, hieß es. Das Fahrzeug dürfte demnach in der Nacht auf Donnerstag die Grenze zu Österreich passiert haben. Da der Lkw erst am Abend in dem Kühlhaus geöffnet werde, gebe es vorerst noch keine detaillierteren Angaben zur Zahl der Opfer und darüber, um wie viele Männer, Frauen und eventuell auch Kinder es sich handelt.

Es spreche vieles dafür, dass die Menschen schon tot gewesen seien, als der Lkw auf österreichisches Gebiet kam, hieß es seitens der Polizei bei der Pressekonferenz. Dass der Lkw bei Kontrollen nicht zuvor aufgefallen sei, wurde mit der Unmöglichkeit flächendeckender Kontrollen argumentiert sowie damit, dass es sich bei dem Lkw nicht um ein „schleppertypisches“ Fahrzeug - sprich: einen Kastenwagen - handle. Gelobt wurde die Zusammenarbeit mit der ungarischen Polizei, die auch mit mehreren Beamten in Österreich an der Aufklärung des Falls mitarbeitete.

Polizei Burgenland über den Ermittlungsstand

ORF-Reporterin Dorottya Kelemen spricht mit Helmut Marban von der Landespolizeidirektion Burgenland über den aktuellen Ermittlungsstand.

„Für so eine Sache gibt es keinen Referenzfall“

Die Exekutive richtete einen Krisenstab ein. Für das Verbrechen zuständig ist die Staatsanwaltschaft Eisenstadt. Behördenleiter Johann Fuchs geht davon aus, dass sich in dem in einer Pannenbucht abgestellten Lkw „zumindest 20 Tote“ befinden. Fragen zur Nationalität, zum Alter und zum möglichen Todeszeitpunkt konnte der Leiter der Staatsanwaltschaft nicht beantworten: „Eine Obduktion wurde in die Wege geleitet. Die Befundaufnahme durch einen Gerichtsmediziner ist im Laufen.“

Einsatzkräfte der Polizei und der Spurensicherung neben dem abgestellten Lkw

APA/Roland Schlager

Ermittlungsarbeit am Lkw

Wie lange es dauern wird, bis feststeht, woran die Flüchtlinge gestorben sind, ist laut Fuchs nicht abschätzbar: „Für so eine Sache gibt es keinen Referenzfall.“ Der burgenländische Landespolizeichef Hans Peter Doskozil hatte zuvor von bis zu 50 Toten gesprochen. Auch er konnte „keine konkreten Angaben machen, wie der Tod eingetreten ist“. Fuchs versprach, man werde „nichts unversucht lassen, den Fahrer und seine Hintermänner auszuforschen und das Verbrechen aufzuklären“.

Suche nach Zeugen

Auf den Lenker des Lkw gab es am Donnerstagnachmittag allerdings noch keinen Hinweis. Seit wann das Fahrzeug in der Pannenbucht stand, war ebenfalls unklar, betonte Polizeisprecher Marban an Ort und Stelle. „Vielleicht finden sich Zeugen, die den Lastwagen bereits früher gesehen haben“, sagte er. Den Polizisten habe sich bei der Öffnung des Lkw gegen 11.00 Uhr ein „grauenvolles Bild“ geboten, sagte Marban. Vorerst wurde lediglich festgestellt, dass es keine Überlebenden gab.

Erst nach einer genaueren Untersuchung des Fahrzeuginneren wird Gewissheit über die Anzahl der Opfer und deren Geschlecht bestehen sowie darüber ob auch Kinder darunter waren. Es sei leider mittlerweile eine „gängige Transportmethode im Schlepperwesen, möglichst viele Menschen auf kleinem Raum zu transportieren“, sagte Marban. Die Exekutive will am Freitagvormittag in einer weiteren Pressekonferenz über die Ermittlungsfortschritte informieren.

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