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„Die ganze Nacht gearbeitet“

Das am Donnerstag in Österreich bekanntgewordene Flüchtlingsdrama hat noch mehr Menschenleben gefordert als ursprünglich befürchtet: In der Nacht auf Freitag wurden mehr als 70 Tote aus dem auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland abgestellt gewesenen Lkw geborgen, wie Innenministeriumssprecher Alexander Marakovits auf Anfrage von ORF.at bestätigte. Für 11.00 Uhr ist eine Pressekonferenz anberaumt.

„Die Kollegen waren die ganze Nacht im Einsatz und haben Leichen geborgen“, sagte Polizeisprecher Helmut Marban gegenüber der APA. Mit der Bergung habe erst nach der Herstellung der entsprechenden Kühlsituation begonnen werden können. Die im Lkw entdeckten Flüchtlinge dürften laut Polizei bereits vor eineinhalb bis zwei Tagen ums Leben gekommen sein.

Schlepper laut „Krone“ gefasst

Laut Informationen der „Kronen Zeitung“ wurden die Schlepper gefasst. Laut „Krone“ wurden mehrere Personen in Ungarn verhaftet. Die ungarische Polizei bestätigte Freitagvormittag die Festnahmen. Bekannt war bereits, dass das Fahrzeug vor einem Jahr von einer slowakischen Firma verkauft wurde und mit ungarischen Kennzeichen unterwegs war. Ungarn hatte zunächst erklärt, der Halter des Fahrzeugs sei ein Rumäne, was das rumänische Außenministerium allerdings dementierte.

Laut slowakischen Quellen soll das Fahrzeug einer ungarischen Firma gehören. Deren Eigentümer, ein Mann namens Janos K., sei auf einem Einzelgehöft nahe der mittelostungarischen Stadt Kecskemet gemeldet, hieß es. Der Lkw soll zunächst an eine slowakische Firma verkauft worden sein, die das Fahrzeug ihrerseits an eine ungarische GmbH weiterverkaufte. Der Sitz dieses Unternehmens sei im 14. Budapester Stadtbezirk, berichteten Medien. Als Geschäftsführer sei seit Mai 2015 ein Ukrainer eingetragen, der in Ungarn nur eine Briefkastenadresse haben soll.

Lkw dürfte in Budapest gestartet sein

Der Lkw wurde am Donnerstag von Mitarbeitern des Autobahnstreckendienstes ASFINAG bei Mäharbeiten etwa 50 Kilometer vor Wien in einer Pannenbucht entdeckt. Der 7,5 Tonnen schwere Lkw dürfte laut Ermittlungen der burgenländischen Polizei am Mittwoch in den frühen Morgenstunden bei Budapest in Ungarn gestartet sein. Um 9.00 Uhr befand er sich laut polizeilichen Erkenntnissen noch in Ungarn unmittelbar vor der ungarisch-österreichischen Grenze. Während der folgenden Nacht erfolgte der Grenzübertritt. Am frühen Donnerstagmorgen - gegen 5.00 oder 6.00 Uhr - wurde der Lkw von Zeugen auf der A4 zwischen Neusiedl und Parndorf wahrgenommen, erklärte Burgenlands Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil.

Karte zeigt den Ort der Flüchtlingskatastrophe

APA; ORF.at

Es spreche „vieles“ dafür, dass die Flüchtlinge schon tot waren, als der Lkw die Grenze passierte, so der Landespolizeidirektor. Polizeibeamten, die von der ASFINAG wegen des herrenlosen Lkw am Vormittag gerufen worden waren, hätte sich ein Bild geboten, bei dem unverzüglich klargeworden sei, „dass es zu 1.000 Prozent keine Überlebenden im Fahrzeug gibt“.

Bei den Verstorbenen handelt es sich „mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ um Flüchtlinge, sagte der Polizeichef, der auf die gute Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden hinwies. Zwei Beamte aus Ungarn seien nach Bekanntwerden des Falls nach Österreich geschickt worden.

Vergeblicher Fluchtversuch?

Nicht bestätigen wollte die Exekutive vorerst Recherchen des ORF Burgenland, wonach die Menschen im Inneren des Lkw offenbar noch mit letzter Kraft einen Weg nach draußen suchen wollten. Darauf könnten zumindest Spuren am Laderaum des Fahrzeugs hindeuten, der zu einem Gutteil der Länge nach von innen nach außen ausgebeult und teilweise aufgeschlitzt ist. Die Leichen werden nach der Bergung in die Gerichtsmedizin Wien überstellt.

Riss in der Seitenwand des abgestellten Lkw, in dem die Flüchtlinge gefunden wurden

APA/Hans Punz

Spuren des möglichen vergeblichen Befreiungsversuches der Flüchtlinge

Mikl-Leitner hält an Dublin-Verfahren fest

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) erklärte im Ö1-Morgenjournal, diese Tragödie „sollte für alle Aufruf und Mahnung sein zum raschen gemeinsamen, europäischen Handeln“. Sie erneuerte ihre Forderung nach UNHCR-Anlaufstellen in den Krisenregionen und an den europäischen Außengrenzen, „damit Menschen auf legalem Weg nach Europa gebracht werden können“. Eine Aussetzung des Dublin-Verfahrens kommt für Mikl-Leitner nicht infrage - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Lautgewordene Rücktrittsaufforderungen wies sie in der ZIB2 am Donnerstag zurück. Es mache sie „betroffen, dass man angesichts dieser Tragödie wieder einmal versucht, die Schuld bei der Innenministerin zu suchen“. Schuld für das Flüchtlingsdrama auf der Ostautobahn hätten die Terroristen, vor denen die Menschen flüchten, und Schlepper.

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