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Das Ende der „Kreidezeit“?

Wischen statt umblättern, tippen statt sich mit der Füllfeder abmühen, Schüler, die auf Tablets ihre Schularbeiten schreiben: So könnte die Zukunft des Klassenzimmers aussehen. Noch sind Tafel und Hefte zwar in fast allen Schulen State of the Art. Doch der digitale Umbruch, der sich mit zwei Windows-98-PCs in der Ecke des Klassenzimmers ankündigte, kommt.

Es sind kleine Puzzleteile, die erahnen lassen, wie tiefgreifend die Wandlung der Institution Schule durch die Digitalisierung ist und noch werden könnte. Die Tageszeitung „Le Monde“ berichtete unlängst von einer App, die bald Standard an französischen Schulen sein soll. Sie heißt „Vie scolaire“ und informiert die Eltern, wenn ihre Kinder die Schule schwänzen. Renitente Schüler sollen so zur Vernunft gebracht werden. Die „Verpfeif-App“ ersetzt quasi das klassische Mitteilungsheft.

Das Fernbleiben vom Unterricht wird digital verunmöglicht. Vereinfacht wird hingegen das Schummeln: Das Spicken mit dem Handy unter dem Tisch ist schon seit Jahren als Methode etabliert. Mit Skepsis werden auch Innovationen wie die Smartwatch beäugt. In der Zeitung „Die Welt“ warnte der Chef des deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, bereits vor dem „langen Blick auf die Uhr“ und stellte fest: „In diesem technischen Wettlauf werden die Schulen immer nachhinken.“

Studie: Verbot hilft schwachen Schülern

Auf die neuen Gadgets in der Schule gibt es unterschiedliche Reaktionen. Einige Schulen reagierten mit einem Verbot von Smartphones und Co. in den Schulräumlichkeiten. 2014 besaßen bereits 81 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen ein Smartphone, wie der deutsche Medienpädagogische Fachverband Südwest erheben ließ. Weil mittlerweile so viele Schüler ein „smartes“ Handy besitzen, ist die Verbannung umstritten.

Für ein Verbot spricht eine Studie zum Thema, mit der die London School of Economics im Mai aufhorchen ließ. Wie die BBC berichtete, erhöhten sich die Leistungen der Schüler nach dem Verbot der Smartphones um sechs Prozent. Besonders schwache Schüler aus ärmeren Familien profitierten laut der Studie von der Verbotsmaßnahme. Die fehlende Ablenkung habe den Fokus der Schüler wieder vermehrt auf den Unterricht gelenkt, so die Forscher.

Programmieren als Kulturtechnik

Stephan Waba, der sich seit 2001 intensiv mit E-Learning auseinandersetzt und an der Pädagogischen Hochschule Burgenland zu diesem Thema auch Kurse leitet, spricht sich im Gespräch mit ORF.at gegen ein Smartphone-Verbot in der Schule aus: „Die Möglichkeiten, die sich durch solche Geräte ergeben, sind endlos, sie zu verbieten geht an der Lebensrealität der Kinder völlig vorbei.“ Tablets, Laptops und Smartphones sollten verstärkt im Unterricht eingesetzt werden, fordert er und sagt, dass „Grundkenntnisse im Programmieren, ähnlich wie das Schreiben, zu den zentralen Kulturtechniken“ dazugehöre.

Wie schwierig es ist, flächendeckend digitale Kompetenzen zu vermitteln, weiß Barbara Novak. Die Vorsitzende des Vereins Wiener Bildungsserver vernetzt Schulen in Sachen E-Learning und setzt sich für Internetprojekte ein. „Eine einheitliche technische Versorgung mit WLAN und PCs zu gewährleisten ist durch die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern schwierig“, sagt sie im Gespräch mit ORF.at. Als Startschuss für das digitale Lernen sieht sie das Jahr 1997. Damals wurden in allen Wiener Volksschulen jeweils zwei Computer bereitgestellt.

Die neue Arbeitswelt ist digital

Novak und Waba sind sich einig: Ohne digitale Bildung wird es in Zukunft nicht gehen, zu technologisch wird die Arbeitswelt, zu viel Zeit verbringen Menschen mit neuen Medien. Projekte wie der Safer Internet Day, die tagesweise an Schulen durchgeführt werden, seien zwar gut, für eine fixe Verankerung von digitalen Medien im Unterrichtsalltag sei das aber zu wenig, betonen beide. Der Umgang mit dem Internet und den technischen Geräten sollte den Kindern in der Schule nähergebracht werden, fordern Novak und Waba.

Dahingehende Projekte gibt es schon seit Jahren: „Smartboards“, die anstatt der grünen Tafeln verwendet werden, Laptopklassen und die intensive Nutzung von E-Learning sind nur einige Beispiele. Dass die Digitalisierung endgültig im Klassenzimmer angekommen ist, davon kann aber noch nicht die Rede sein.

Für Novak liegt das Problem bei den Lernmaterialen, ohne sie hilft auch die aktuellste Technik nichts: „Die Schulbuchverlage haben den Wandel zum Digitalen verschlafen.“ Einfach ein Schulbuch im PDF-Format zur Verfügung zu stellen spotte den Möglichkeiten der Technologie, so Novak. Das Fehlen passender Lehrmaterialien erschwert das Implementieren digitaler Medien in den Unterricht signifikant.

Im Juni ließen ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) mit einem Vorstoß in diese Richtung aufhorchen: Über die Schulbuchaktion, die kostengünstige Lernmaterialen zur Verfügung stellt, können ab Februar 2016 auch digitale Schulbücher bestellt werden.

Lehrerausbildung als Knackpunkt

Eines der größten Projekte, das medienpädagogische Grundkompetenzen in Österreich im Schulalltag verankern soll, ist eLSA - eLearning im Schulalltag. Mit 222 Schulen im ganzen Land ist es das größte E-Learning-Netzwerk in Österreich. Für Thomas Baldauf, Wiener Informatiklehrer und bundesweiter Koordinator des Projekts eLSA, hängt der Einsatz digitaler Lehrmittel noch zu sehr von der persönlichen Kompetenz der Lehrer ab. „Wenn man selbst mit der Technik umgehen kann, hilft das den Schülern wenig. Die didaktischen Kenntnisse für die Digitalwelt müssten stärker in der Lehrerausbildung verankert werden“, fordert er im Gespräch mit ORF.at.

Tablets als Sargnagel für das Schulheft?

Auf die Zukunft der Schule angesprochen sagt Baldauf: „Ich kann mir gut vorstellen, dass in 30 oder 40 Jahren niemand mehr einen schweren Rucksack in die Schule schleppen wird.“ Tablets könnten Hefte und Bücher durchaus ersetzen. Der E-Learning-Experte Waba mahnt etwas mehr Skepsis ein und spricht sich für den „Bring your own device“-Zugang aus. Viele Schüler hätten bereits Tablets oder Smartphones, diese Potenzial sollte man in der Schule nicht ungenützt lassen.

Dass die Schüler von den Schulen mit digitalen Endgeräten versorgt werden, hält Waba für keine gute Idee. In Portugal hätte es solche Versuche mit Netbooks gegeben, wenig später seien „viele davon auf Flohmärkten wieder aufgetaucht“, erzählt er.

David Tiefenthaler, ORF.at

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