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„Alles läuft über Teheran“

Gebaut wird bereits seit Jahrzehnten - Teherans District 22 zählt aber auch heute noch zu den ehrgeizigsten Stadtentwicklungsprojekten im Nahen Osten. An einem künstlichen See gelegen, ist District 22 nicht zuletzt als Geschäfts- und Tourismusbezirk angelegt. Er veranschaulicht aber auch die Probleme des aus allen Nähten platzenden Teheran.

Lebten vor der Islamischen Revolution von 1979 noch weniger als vier Millionen Menschen in Teheran, sind es mittlerweile über acht Millionen, den ganzen Großraum eingerechnet, wird die Zahl der Einwohner sogar auf rund 15 Millionen geschätzt, womit sich Teheran auch auf der Liste der weltgrößten Megacitys wiederfindet. „Teheran ist eine besonders stark wirksame Megacity“, sagte in diesem Zusammenhang bereits 2007 Andreas Dittmann, Professor für Humangeografie an der Universität Gießen.

Hochhäuser im Nordwesten Teherans

Reuters/Morteza Nikoubazl

Zahllose Baustellen in Teheran machen deutlich: Die Magacity wächst weiter

Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben den zentralen Verwaltungsaufgaben finden sich auch die wichtigsten Ausbildungsstätten des Landes in Teheran. Dazu kommen die großen Verkehrswege, die im Iran alle über Teheran führen. Nicht zuletzt entscheidend dafür ist die Rolle der Stadt als Wirtschaftszentrum: „Alles, was sich die Händler im Land im Großhandel verschaffen wollen, läuft über Teheran“, so Dittmann laut „Mitteldeutscher Zeitung“ weiter.

Künstlicher See als „Kernstück“

Damit einher gehen die für viele Megacitys typischen Symptome wie Lärm, Dauerstau, Luft- und Wasserverschmutzung sowie permanenter Mangel an Wohnraum. Viele von Teherans alten Häusern wurden zudem abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. In direkter Folge wächst die Stadt auch an ihren Rändern, wobei etwa zwischen Teheran und seiner Nachbarstadt Karadsch mittlerweile kaum noch eine Grenze auszumachen ist. Als anschauliches Beispiel für Teherans Expansion gilt vor allem der im Nordwesten der Stadt gelegene District 22.

In den 80er Jahren noch großteils vom Militär genutzt, wurde in District 22 seit Anfang 2000 ein ehrgeiziges Projekt für Teherans Stadtentwicklung gestartet. Ab 2006 rollten schließlich verstärkt die Baumaschinen an, District 22 sollte aber bis heute eine Dauerbaustelle bleiben. Neben etlichen Hochhäusern ist mittlerweile auch das Projekt „Persian Gulf Martyrs“ und damit laut Medienberichten nicht nur das „Kernstück“ von District 22, sondern der größte künstliche See dieser Art im gesamten Nahen Osten, fertiggestellt.

Chitgar See in Teheran

Corbis/Xinhua Press/Ahmad Halabisaz

Der künstliche See „Persian Gulf Martyrs“ ist das „Kernstück“ von District 22

Bereits über eine Million Einwohner?

Ein Ende des Baubooms ist nicht in Sicht. „Das Projekt ist endlos“, zitierte etwa das Nachrichtenportal al-Monitor einen namentlich nicht genannten Professor für Stadtentwicklung an der Universität von Teheran, demzufolge auch District 22 zunehmend außer Kontrolle gerät. Neben exklusivem Wohnraum „mit Seeblick“ seien auch touristisch ausgelegte Projekte wie ein künstlicher Wasserfall und Teherans größter Themenpark noch in der Pipeline. Der Ausbau der für ein Projekt dieser Größe notwendigen Infrastruktur gerate allerdings immer mehr ins Hintertreffen.

Baustellen rund um den Chitgar See in Teheran

picturedesk.com /AP/Ebrahim Noroozi

Die Bauträger wollen mit „Wohnungen mit Seeblick“ punkten

Konkret nennt al-Monitor in diesem Zusammenhang die in District 22 explodierende Einwohnerzahl. 2001 für 300.000 Menschen geplant und später mit einer Höchstgrenze von 500.000 für das Jahr 2025 versehen, sei die Zahl der District-22-Bewohner von 140.000 (2006) laut geschätzten Zahlen aus Teherans Stadtentwicklungsbüro möglicherweise jetzt schon auf über eine Million angewachsen.

Neben der Warnung vor Überbevölkerung wird hier auch auf die massiv gestiegenen Preise für Wohnraum verwiesen. Allen Warnungen zum Trotz schießen in District 22 derzeit weiter die Hochhäuser aus dem Boden. Auch neue Projekte werden ungeachtet der zunehmenden Kritik am Wildwuchs in District 22 von der Stadtregierung offenbar nach wie vor großzügig genehmigt. Wenig beeindruckt von der Kritik zeigt sich gegenüber al-Monitor auch ein an einem laufenden Bauprojekt Beteiligter. Demnach gebe es in District 22 noch ausreichend freien Platz: „Wo ist das Problem?“

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