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Notquartiere „proppenvoll“

In der Nacht auf Donnerstag sind erneut mehrere tausend Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze angekommen. In der Erstversorgungsstelle in Spielfeld verbrachten laut dem Roten Kreuz 300 Menschen die Nacht im Freien, um möglichst schnell einen Platz in einem Bus für die Weiterreise zu bekommen. Die führt oftmals direkt an die deutsche Grenze, wo die Situation ebenso angespannt ist.

Die Notquartiere für Flüchtlinge in Niederbayern sind nach Angaben der deutschen Bundespolizei derzeit „proppenvoll“. Am Mittwoch und in der Nacht auf Donnerstag habe es erneut einen so starken Andrang gegeben, dass inzwischen „alle zur Verfügung stehenden Unterkünfte komplett voll“ seien, sagte ein Sprecher der Bundespolizei Donnerstagfrüh in Passau. Insgesamt seien gut 6.000 Menschen gekommen.

„Frage der Zeit, wann das erste Baby erfriert“

„Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste Baby hier erfriert“, sagte Lothar Venus von der Stabsstelle des Landkreises Passau gegenüber der dpa. 2.000 Flüchtlinge mussten in der Nacht bei nassem und kaltem Wetter an der Grenze auf ihre Weiterfahrt in Notquartiere warten. Denn auf deutscher Seite werden die Busse knapp, die die Menschen von der Grenze in deutsche Unterkünfte bringen sollen.

Flüchtlinge am Lagerfeuer

APA/dpa/Sebastian Kahnert

Kleine Lagerfeuer wärmten Flüchtlinge an der Grenze bei Passau

Brennpunkte waren einmal mehr die Grenzübergänge Passau und Wegscheid. Um die Menschen bei Wegscheid nicht zu lange warten zu lassen, hatte die Einsatzleitung am späten Abend zunächst geplant, etwa 300 Flüchtlinge drei Kilometer zu Fuß zu einer Unterkunft zu führen. Ein Unternehmer hatte kurzfristig eine Werkstatthalle leer geräumt und zur Verfügung gestellt. Wegen der schlecht beleuchteten Bundesstraße, auf der die Migranten hätten gehen müssen, wurden die Flüchtlinge schließlich per Bus zur Halle gebracht.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Deutschland sieht die Schuld für die zugespitzte Lage auch bei Österreich, das zu große Kontingente an Flüchtlingen zur deutschen Grenze bringe. Aus Österreich wiederum richtete Innenministerin Mikl-Leitner (ÖVP) aus, dass „Deutschland zu wenige übernimmt“.

Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt

Wegen schleppender Grenzübertritte, fehlender Notunterkünfte oder Zelte müssen Hunderte Menschen bei Temperaturen um null Grad die Nacht im Freien verbringen.

Die tägliche Entwicklung an der deutschen Grenze folgt mittlerweile einem vorhersehbaren Muster: „Bis zum Mittag ist das alles kein Problem. Aber am späten Nachmittag geht es Schlag auf Schlag“, so der Sprecher der deutschen Bundespolizeiinspektion Freyung, Thomas Schweikl. Dabei seien die österreichischen Kollegen genauso überfordert wie die deutschen Behörden.

300 Personen verbrachten Nacht im Freien

An der österreichisch-slowenischen Grenze sind die österreichischen Behörden allerdings um Kalmierung bemüht. „Sofern die Weiterfahrt der Flüchtlinge wie zuletzt aufrechterhalten werden kann, ist ein geordneter Ablauf vor Ort zu erwarten“, so Polizeisprecher Joachim Huber. Die steirische Landespolizeidirektion werde von Kollegen aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland unterstützt.

Flüchtlinge in Spielfeld

APA/Erwin Scheriau

In Spielfeld wurde der Platz in der Nacht knapp

In der Sammelstelle am steirisch-slowenischen Grenzübergang in Spielfeld warteten am Donnerstagvormittag 3.300 Flüchtlinge auf die Weiterfahrt in Transitquartiere oder an die deutsche Grenze. 17 Heeresbusse und 45 zivile Busse sollten für eine raschen Abtransport sorgen - Mittwochabend waren fast 3.000 Personen über die Grenze gekommen. Insgesamt verbrachten 4.000 Menschen die Nacht in Spielfeld.

Dem Roten Kreuz zufolge sei für alle Flüchtlinge Platz in den fünf beheizten Großzelten gewesen. Rund 300 hätten sich jedoch trotz freier Plätze in den Zelten entschlossen, im Abfertigungsbereich am nördlichen Rand der Sammelstelle auf die Busse zur Weiterfahrt zu warten. „Wir haben mehrfach angeboten, die Zelte zu benützen, aber die Menschen wollten lieber die Ersten sein, die in Busse steigen können“, so Rotkreuz-Sprecher August Bäck zur APA.

Die Busse bringen die Flüchtlinge entweder gleich direkt zur deutschen Grenze oder in Notunterkünfte. Doch nicht alle davon sind winterfest - in Oberösterreich etwa ist sogar die Mehrheit nicht für einen Einsatz im Winter geeignet. Die Behörden wollen jetzt prüfen, was sich winterfest machen lässt - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

100.000 in zwei Wochen nach Slowenien

Dass in den nächsten Tagen die Zahl der Flüchtlinge weniger werden könnte, ist so gut wie ausgeschlossen. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen erreichten mehr als 100.000 Flüchtlinge über die Balkan-Route Slowenien. Am Donnerstag kamen bereits mehr als 5.300 Menschen mit Zügen aus Kroatien an, am Mittwoch waren es fast 10.000 gewesen, wie die aktuellen Zahlen der Polizei zeigen. 9.850 reisten laut Polizei nach Österreich weiter.

In den slowenischen Aufnahmezentren und Unterkünften wurden Donnerstagfrüh mehr als 11.500 Flüchtlinge untergebracht. Rund 3.500 befanden sich in den Aufnahmelagern an der Grenze zu Kroatien. Das waren deutlich weniger als in den vergangenen Tagen, bevor Kroatien und Slowenien die Zugstransporte für die Flüchtlinge vereinbarten.

EU-Kommission fordert Quartiere auf Balkan

Die EU-Kommission forderte unterdessen eine rasche Schaffung der vereinbarten 50.000 Aufnahmeplätze für Flüchtlinge entlang der Westbalkan-Route. „Wir haben keine Zeit zu verlieren, nicht einen Tag, nicht einmal eine Stunde, wenn wir eine humanitäre Tragödie auf dem Westbalkan vermeiden wollen“, sagte Kommissionssprecher Margaritis Schinas am Donnerstag.

Bei einer Videokonferenz der elf Staaten, die am Sonntag bei dem Sondergipfel zur Flüchtlingskrise auf der Balkan-Route teilnahmen, sollen am Donnerstagnachmittag „konkrete Maßnahmen“ zur raschen Umsetzung des 17-Punkte-Plans besprochen werden, sagte der Sprecher. Vor allem die Verpflichtung, 50.000 Aufnahmeplätze für Flüchtlinge entlang der Westbalkan-Route zu schaffen, müsse unverzüglich umgesetzt werden. Es sei „keine Zeit für Verzögerungen, keine Zeit für Bürokratie. Jetzt ist es Zeit zum Handeln.“

Keine Entspannung vor Lesbos

Zugleich warten an der türkischen Ägäis-Küste in Aivacik nach wie vor Tausende Menschen auf eine Überfahrt in Richtung der griechischen Mittelmeer-Insel Lesbos. Allein seit Monatsbeginn ließen sich 100.000 Menschen in völlig überfüllten Booten nach Europa bringen - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Wie gefährlich die Überfahrt werden kann, zeigte sich erneut am Mittwochabend. Bei einem Bootsunfall vor Lesbos ertranken womöglich Dutzende Menschen. Drei Leichen, darunter von zwei Kindern, wurden Mittwochabend geborgen. Laut Medienberichten vom Donnerstag sollen inzwischen weitere acht Leichen gefunden worden sein. Die Küstenwache gehe von bis zu 40 Vermissten aus. Die Zahl der Toten könnte dramatisch steigen, hieß es.

242 Menschen vor Ertrinken gerettet

In einer dramatischen Rettungsaktion war es Küstenwache und Fischern aber gelungen, 242 Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Der für die Küstenwache zuständige Minister Theodoros Dritsas zeigte sich nach dem neuen Unglück erschüttert. Die Rettungsaktionen der Küstenwache seien „zu einer Herzensangstaktion“ geworden, sagte er am späten Abend. Europa müsse diese Menschen aufnehmen und die „nationalen Egoismen“ beiseitelassen.

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Dramatischer Einsatz vor Lesbos

Der Einsatz vor Lesbos habe die ganze Nacht angedauert, berichtete das öffentlich-rechtliche Radio ERT. Viele der geretteten Kinder und Frauen mussten wegen Unterkühlung behandelt werden.

Die Küstenwache teilte am Donnerstag mit, in den vergangenen 24 Stunden seien mehr als 900 Menschen aus der Ägäis gerettet worden. In Piräus kamen in der Früh an Bord von drei Fähren knapp 5.000 Flüchtlinge von den Ägäis-Inseln an.

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