Themenüberblick

Ein Netzwerker im Gespräch

15.000 Wiener sind bereits auf Fragnebenan.com - und monatlich kommen rund 1.500 dazu. Geschäftsführer Stefan Theißbacher erklärt, wohin es mit dem Nachbarschaftsportal gehen soll, warum Parteipolitik dort keinen Platz hat und Flüchtlingshilfe schon. Und warum man das Leistungsprinzip manchmal über Bord werfen muss, um erst recht erfolgreich zu sein.

ORF.at: Herr Theißbacher, Sie haben Anfang des Jahres das Nachbarschaftsnetzwerk FragNebenan gegründet. Mittlerweile hat es 15.000 Mitglieder. Wie kamen Sie darauf, dass so ein Modell Erfolg haben könnte?

Stefan Theißbacher: Ich war damals selbst neu in einem Haus und wusste nicht, wie ich meine Nachbarn kennenlernen soll. Schließlich habe ich einfach alle zu einem Frühstück eingeladen – und das war eine sehr positive Erfahrung. Ich wollte dann eine Plattform, über die man sich in der Nachbarschaft gegenseitig Dinge leihen kann und habe schnell gemerkt: Da geht noch viel mehr. Im amerikanischen Nachbarschaftsnetzwerk Nextdoor konnte ich sehen, wie gut das klappt.

ORF.at: Was kann FragNebenan, was Nextdoor nicht kann?

Theißbacher: Nextdoor haben ihre Mitglieder nach Stadtteilen geordnet. Das hat den Nachteil, dass man auch Nachbarn sieht, die gar nicht wirklich in der Nähe sind. Bei FragNebenan steht das eigene Haus im Zentrum. Darum herum gibt es einen Radius. Man sieht, wer wirklich nahe wohnt.

ORF.at: Wenn man sich mit seinen Nachbarn vernetzt, legt man in der Community auch vieles offen. Wie schützt FragNebenan seine Mitglieder vor Datenmissbrauch?

Theißbacher: Zunächst mal muss jeder, der beitritt, seine Wohnadresse bestätigen: entweder über eine Postkarte, die wir schicken, und deren Code man dann eingibt, oder mit einem Foto des Meldezettels oder dem Briefkopf eines offiziellen Schreibens. Es können Dich aber auch die Nachbarn Deines Hauses, wenn sie schon verifiziert sind, freischalten, indem sie Neumitgliedern einen Zettel mit dem Code in die Hand drücken.

Stefan Theissenbacher

Maya McKechneay

Stefan Theißbacher

Geboren in Reichenfels/Kärnten. Studierte BWL und Publizistik im Doppelstudium, bevor er im Jänner 2015 gemeinsam mit drei Kollegen die Plattform Fragnebenan.com online schickte.

ORF.at: Wie haben Sie die ersten Mitglieder mobilisiert?

Theißbacher: Wir haben uns entschieden, so schnell wie möglich mit einem ersten Prototypen online zu gehen, damals nur im 7. Bezirk, wo unser altes Büro lag. Viele Freunde und Bekannte haben sich sofort angemeldet. Und wir hatten das Glück, dass die Medien schon früh über uns geschrieben haben. Der erste Artikel erschien ein halbes Jahr bevor wir überhaupt gestartet sind. Ganz am Anfang gab es im Forum wenige Anfragen. Aber wenn eine kam, gab es blitzschnell Antworten und Angebote. Wir haben gemerkt, die Hilfsbereitschaft ist riesig.

ORF.at: Warum haben Menschen Hemmungen, selbst um Hilfe zu bitten?

Theißbacher: Ich glaube, man bittet grundsätzlich nicht so gern um Hilfe, schon gar nicht, wenn man jemanden nicht gut kennt. Es gibt ja bei FragNebenan keine Währung. Bei uns kann man sich nur bedanken. So wie bei Facebook, wo man „Likes“ sammelt.

ORF.at: Andere Plattformen arbeiten mit lokalen Währungen.

Theißbacher: Eine Währung würde das Ganze auf das Leistungsprinzip reduzieren. Darum geht es doch nicht! Ich kann auch mal Hilfe in Anspruch nehmen, ohne vorher etwas geleistet zu haben. Erkenntlich zeigen kann man sich dann ja so oder so: Man kann dem anderen etwas backen oder eine Flasche Wein mitbringen. Wir wollen niemandem vorschreiben, in welcher Form er oder sie sich bedankt.

Stefan Theissenbacher und Kollegen

Fragnebenan.com

Die vier Gründer von FragNebenan, v. l. n. r.: Valentin Schmiedleitner, Matthias Müller, Andreas Förster und Stefan Theißbacher

ORF.at: Wie viele Mitglieder gibt es derzeit in Wien?

Theißbacher: Im Moment sind es 15.000, und jeden Monat kriegen wir zwischen 1.000 und 2.000 Leute dazu. Vorerst gibt es uns nur in Wien. Besonders dicht sind hier der zweite, 20., sechste und 15. Bezirk – und natürlich unser Ausgangsbezirk, der siebente Bezirk. Da sieht man, wie sehr wir von mündlichen Empfehlungen profitieren.

ORF.at: Naheliegende Frage: Warum schaffen es die Nachbarn, sich im Netz kennenzulernen, aber nicht im Hausgang oder auf der Straße?

Theißbacher: Von allen, die bei FragNebenan dabei sind, weiß man, dass sie Kontakt suchen. Also läuft man nicht Gefahr, dass man stört, wie es vielleicht wäre, wenn man einfach an der Tür klopft. Aus unserer Erfahrung führt die Vernetzung über FragNebenan schnell zu echten Kontakten: Wenn man sich etwas leiht, trifft man sich. Oder Nachbarn verabreden sich zum Sport.

ORF.at: Facebook verlangt von seinen Mitgliedern inzwischen, dass sie ihre Konten mit Klarnamen anlegen. Bei FragNebenan treten Leute unter ihrem richtigen Namen, unter ihren Vornamen oder – eher die Ausnahme – auch unter Nicks auf.

Theißbacher: Das war eine längere Überlegung, ob wir Klarnamen einfordern oder nicht: In der frühen Entwicklung haben wir uns mit einem Datenschutzexperten zusammengesetzt und auch über das Namensthema diskutiert. Mit dem richtigen Namen würde man sehr viel preisgeben.

ORF.at: Man würde zum Beispiel allen Nachbarn verraten, dass die Wohnung leer steht, wenn man fragt, ob jemand Blumen gießt.

Theißbacher: Genau. Wir haben uns entschieden, dass sich jeder einen Benutzernamen aussuchen kann. In einer Großstadt gibt es schließlich auch ein großes Bedürfnis nach Anonymität. Gegenüber der Plattform muss sich aber jeder mit dem richtigen Namen ausweisen. – Falls es mal ein Problem geben sollte, haben wir die echten Daten.

ORF.at: Inwiefern greift FragNebenan regelnd ins Geschehen ein? Gibt es Moderatoren?

Theißbacher: Nutzerinnen und Nutzer haben die Möglichkeit, Beiträge zu melden. Und seit ein paar Monaten kann man auch sagen, man sperrt die Postings einer Person für sich.

ORF.at: Wenn jemand Werbung für eine politische Partei macht, wäre das so ein Fall?

Theißbacher: Parteipolitik soll bei uns auf keinen Fall stattfinden. Da hatten wir uns für die Wahl in Wien gewappnet.

ORF.at: FragNebenan erlaubt aber nachbarschaftliche Hilfsaktionen für Flüchtlinge. Da passiert gerade viel Vernetzung: Nachbarn sammeln Hilfsgüter in der Nachbarschaft ein und bringen sie in Unterkünfte. In einem Grätzelforum auf FragNebenan gab es eine Stimme, die das unpassend fand.

Theißbacher: Das sehen wir anders: Dabei handelt sich ja nicht um Parteipolitik, da geht es um Menschlichkeit. Ich habe gerade unsere öffentlichen Postings von August durchgeschaut. Wir hatten insgesamt 900 Postings und etwa zehn Prozent davon waren zum Thema Flüchtlingshilfe. Soweit ich das mitbekomme, stößt das Thema in der Community auf sehr viel Wohlwollen. Eine junge Frau hat eine Gruppe gegründet für Leute, die Flüchtlinge bei sich unterbringen wollen oder Deutschunterricht anbieten.

ORF.at: In Gruppen können sich Nachbarn mit ähnlichen Interessen oder Zielen vernetzen. Insofern könnte FragNebenan doch ein politisches Tool werden, oder?

Theißbacher: Naja, es könnten sich zum Beispiel Nachbarn zusammentun, um eine Zone Tempo 30 durchzusetzen. Über uns können sich auch Bürgerinitiativen formieren. Auf FragNebenan finde ich eher Leute, die ähnlich denken.

ORF.at: Wenn die Plattform aber wirklich unabhängig und offen für alle bleiben will, ist das wahrscheinlich eine schwierige Ausgangsposition, um Kooperations- und Werbepartner zu finden.

Theißbacher: Wir haben die GESIBA (Gemeinnützige Siedlungs- und Bau AG, Anm.) als Partnerin. Und wir hatten noch zwei Pilotprojekte mit Hausverwaltungen. Wir haben engen Kontakt zu der Lokalen Agenda 21, zu Gebietsbetreuungen. Die arbeiten in ähnlichen Bereichen. Und: Mit der Stadt Wien selbst würden wir gern enger zusammenarbeiten.

ORF.at: Wie finanziert sich FragNebenan? Mitgliedsbeiträge gibt es ja nicht.

Theißbacher: Wir haben uns lange aus der eigenen Tasche finanziert. Seit Mai haben wir eine Gruppe von Investoren, die uns die nächsten Monate vorfinanziert haben. Mit Jahresende machen wir noch eine Finanzierungsrunde. Auf lange Sicht wollen wir das Umfeld mit einbinden, Sozialorganisationen, die Stadt – also vor allem Bezirksverwaltungen – und in einem dritten Schritt lokale Unternehmen.

ORF.at: Das ist sicher ein schwieriger Schritt, auch in Sachen Datenschutz.

Theißbacher: Das werden wir in den nächsten Monaten definieren. Es kann sehr nützlich sein zu wissen, dass die Änderungsschneiderei ums Eck auch Pakete annimmt. Andersherum geht es natürlich nicht, dass die Unternehmen gezielt den Nachbarn Dinge anbieten.

ORF.at: Haben Sie denn einmal daran gedacht, Mitgliedsbeiträge einzuheben?

Theißbacher: Ja, denn dann müssten wir weniger Kompromisse eingehen. Also nicht überlegen, wie man Werbung schalten oder Unternehmen einbinden kann. Aber man ist halt gewohnt, dass Soziale Netzwerke im Internet gratis sind. Wir haben angedacht, bald eine freiwillige Unterstützung einzuführen.

ORF.at: So wie Wikipedia?

Theißbacher: Genau.

ORF.at: Was war die absurdeste Anfrage, die in den Foren gestellt wurde?

Theißbacher: Einmal hat jemand nach Regenwürmern gesucht, nach einer speziellen Art. Ich habe erwartet, dass sich die Leute sofort darüber lustig machen. Stattdessen gab es sehr schnell mehrere Expertenpostings. Für Leute, die garteln, ist das anscheinend das Normalste der Welt. Die Würmer verbessern den Boden. Und mir persönlich hat gefallen, dass ich mal nach einem Leihfahrrad für Besuch gefragt und sofort drei Angebote bekommen habe. Aber so ist das mit fast allen Fragen: In der Gemeinschaft lassen sie sich in kürzester Zeit lösen.

ORF.at: Interessieren Sie sich schon für andere Städte?

Theißbacher: Ja, 2016 wollen wir in Graz starten!

Das Gespräch führte Maya McKechneay, ORF.at