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90 Prozent der Teilzeitkräfte weiblich

Ein Blick in die Jobbörsen bestätigt: Der Handel verlässt sich auf Teilzeitarbeit. Gerade im Verkauf kann es schwierig sein, als Quereinsteiger eine Vollzeitstelle zu bekommen. Für viele Arbeitende, betroffen sind im Handel meist Frauen, fügt sich laut einer Studie die Teilzeitbeschäftigung positiv in die Lebensgestaltung ein. Die Alternativlosigkeit kann allerdings auch zur Belastung werden.

Auch wenn die Zielpunkt-Pleite eine andere Sprache spricht: Dem Handel geht es verhältnismäßig gut. Im vergangenen Jahr ist die Beschäftigung um 1,3 Prozent oder 4.200 Personen gewachsen. Branchenvertreter sprechen deswegen von einem „Jobmotor für Österreich“. Bezeichnend ist allerdings, dass sich dieses Plus vor allem aus einem Anstieg von geringfügiger Beschäftigung und Teilzeitstellen ergibt.

25.500 Vollzeitstellen umgewandelt

Die Stellen werden dabei auf Kosten von Vollzeitpositionen geschaffen. Laut Statistik Austria gab es im ersten Quartal 2015 im Handel 25.500 Vollzeitstellen weniger und 25.100 Teilzeitjobs mehr. Konkret geht es dabei oft um Positionen an der Kassa und in den Filialen.

Die Tendenz zur Teilzeit betrifft wenig überraschend vor allem Frauen. Ganze 90 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten im Handel sind weiblich, wie eine von der Arbeiterkammer (AK) in Auftrag gegebene und vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) und dem Institut für empirische Sozialforschung (IFES) durchgeführte Studie feststellt. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) befürchtet nun, dass vor allem Frauen in Teilzeit gedrängt werden könnten.

Teilzeit wegen langer Öffnungszeiten

Gegenüber ORF.at gibt Nicole Berkmann, Sprecherin der SPAR-Gruppe Österreich, an, dass die Früh- und Spätstunden den Einsatz von Teilzeitarbeitskräften „üblich und notwendig“ machen. Das bestätigt Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien im Interview. Teilzeitkräfte seien das naheliegende Instrument, mit dem sich verlängerte Öffnungszeiten ohne Reorganisierung besetzen lassen.

Außerdem bietet die Beschäftigungsform den Unternehmen ein zusätzliches Polster an Flexibilität für Arbeitskraft, erklärt Mazal. Denn Mehrarbeit von Teilzeitkräften kann im Gegensatz zu Überstunden von Vollzeitkräften zuschlagsfrei abgegolten werden. Wenn eine Vollzeitkraft über die üblichen acht Stunden hinweg eingesetzt wird, fallen für jede angebrochene Überstunde Zuschläge von 50 Prozent an.

Mehrstunden durch Zeitausgleich beseitigen

Beim Einsatz einer Teilzeitkraft werden Mehrstunden lediglich dann zuschlagspflichtig, wenn sie nicht innerhalb eines Quartals - beispielsweise durch Zeitausgleich - abgegolten werden. Und selbst wenn man sich mit dem Arbeitgeber auf die Auszahlung der Mehrstunden einigt, wird für diesen lediglich ein Zuschlag von 25 Prozent fällig.

Dieser Zuschlag wird laut der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) „aus Jobverlustangst“ kaum ausgezahlt. Den Arbeitnehmern im Handel würden dadurch jährlich zwischen 75 und 150 Mio. Euro entgehen.

12,5 Prozent unfreiwillig in Teilzeit

Im besten Fall profitieren vom Flexibilitätspotenzial der Teilzeitarbeit allerdings nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Arbeitnehmer. Teilzeit gilt als erprobtes Instrument, um Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Unter anderem deshalb appelliert Mazal dafür, den Arbeitnehmern Teilzeittätigkeit „nicht zu vermiesen“. Ohne die Option auf ein reduziertes Pensum würden sich viele Frauen von Haus aus überhaupt gegen den (Wieder-)Einstieg in die Erwerbstätigkeit entscheiden.

Tatsächlich geben auch lediglich 12,5 Prozent der in der Studie Befragten an, unfreiwillig in Teilzeit zu arbeiten. Bei den Migranten ist dieser Anteil mit etwa 20 Prozent etwas höher, ein wenig steigt der Wert auch, wenn Frauen adäquate Kinderbetreuung in Aussicht gestellt wird.

78 Prozent hadern mit dem Geld

Doch auch wenn der Wert hoch ist, können letzten Endes nicht alle Arbeitnehmer die Entscheidung zwischen Voll- und Teilzeit autonom treffen. Mitunter ist es auch der Kontostand, der diesen Entschluss trifft. Ein Fünftel der Teilzeitkräfte in der Studie gibt an, dass das Einkommen zum Leben nicht ausreiche, für 58 Prozent reiche es „gerade so“. Bei einem KV-Lohn von 1.500 Euro brutto im Monat bleiben bei einem Arbeitsverhältnis von 20 Stunden ohne Zuschläge oder freiwillige Aufzahlung durch das Unternehmen auch gerade einmal 636 Euro in der Tasche.

Kritik von AK

Zusätzliche Beihilfen durch den Partner, andere Unterstützer oder eine Aufstockung durch Mindestsicherung können damit zur Notwendigkeit, Einschnitte wie eine Trennung zum Schritt in die Armutsfalle werden. Laut dem Arbeitsklimaindex der Periode von 2009 bis 2013 beziehen allerdings sowieso nur 35 Prozent der Einzelhandelsbeschäftigten zusätzliche Einkommen, bei den Frauen sind es 40 Prozent.

Gefährdet seien nicht nur Frauen, auch bei Arbeitskräften ohne langen Bildungsweg könne die Tendenz zum atypischen Beschäftigungsverhältnis zum Stolperstein werden, merkt die AK an. Gerade für sie sei es immer schwieriger, eine feste Vollzeitstelle zu bekommen, die Hinwendung des Handels zu Teilzeit stellt hierbei ein neues Erschwernis.

Weiterbildung als Zeitproblem

Chancen auf Aufstieg bietet vor allem Weiterbildung. Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, indem die Kombination aus Familienpflichten und unregelmäßigen Arbeitszeiten oft keinen Raum für Weiterbildung lässt. Wohl auch aus diesem Grund versuchen viele Handelskonzerne mit internen Weiterbildungsprogrammen gegenzusteuern.

Viele Unternehmen, beispielsweise SPAR, nehmen auch interne Arbeitszeit Auf- oder Abstufungen vor. Man wolle Mitarbeiter fördern und Erfahrung im Unternehmen behalten. Bei SPAR kann dafür allerdings auch ein Standortwechsel notwendig sein. REWE gab auf Nachfrage hin an, dass im Jahr 2014 ca. 820 Veränderungen von Teilzeit- in ein Vollzeitausmaß erfolgten. Diese Veränderungen können selbstverständlich auch „nach unten“ erfolgen.

Knackpunkt Selbstbestimmung

Ob Teilzeitbeschäftigung zu Bereicherung oder Belastung wird, hängt für Christian Korunka vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien ganz maßgeblich vom Gestaltungsspielraum des Arbeitnehmers ab. Je mehr Mitspracherecht Arbeitnehmer in Fragen wie Zeiteinteilung oder Arbeitsausmaß genießen, desto mehr positive Effekte können sich in Sachen berufliche Zufriedenheit und Work-Life-Balance ergeben, so Korunka gegenüber ORF.at.

Allerdings haben Unternehmen mit ihren Bedürfnissen und Notwendigkeiten auf einem immer enger werdenden Arbeitsmarkt in der Regel die stärkere Position. Je prekärer die wirtschaftliche Lage ist, desto leichter tun sich Unternehmen damit, ihre Spielregeln durchzusetzen, so Korunka.

Saskia Etschmaier, ORF.at

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