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Der Anfang vom Ende des Telefonats

Der Finger am Smartphone scheint das gute alte Telefongespräch zu verdrängen. Immer mehr Prozesse lassen sich auch ohne Telefonat abwickeln - die Jungen setzen zunehmend auf Kommunikationsdienste abseits der klassischen Grundfunktionen von Handys. Unangekündigte Anrufe werden mitunter sogar als invasiv gewertet.

Die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), deren Forschungsschwerpunkt die Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf das menschliche Verhalten und die Psyche ist, hat für ihr neuestes Buch „The Power of Talk in the Digital Age” Interviews zum Kommunikationsverhalten junger Menschen geführt, das besonders von Nachrichten- und Kommunikationsdiensten wie WhatsApp, MSN, Tumblr, Twitter und von anderen Social-Media-Kanälen wie Facebook geprägt ist.

Altes Mobiltelefon

picturedesk.com/AFP/Alex Tan

Es ist erst ein paar Jahre her, dass solch ein Handy als modern galt

Laut einer der Befragten sei das Problem mit herkömmlichen Konversationen, dass diese in Echtzeit stattfänden und man dabei nicht kontrollieren könne, was man sagt. Das erinnert an die Worte des englischen Erzählers Edward Morgan Forster: „Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?” Da scheint es für viele besser zu sein, gleich schon auf einen Kommunikationsdienst zurückzugreifen, um die Kontrolle über die eigenen Worte zu behalten.

Fall für Kulturpessimismus

Solche Entwicklungen befeuern natürlich den Kulturpessimismus. Egal ob bei der Einführung des Telefons im 19. Jahrhundert oder beim Aufkommen von E-Mails in den 1990er Jahren - immer war die Rede davon, dass die Qualität der Kommunikation abnehmen würde. Glaubhaft messen konnte den regelmäßig attestierten Verlust von Kommunikationsfähigkeiten durch neue Technologien freilich noch nie jemand.

Es verhält sich wie mit Verschwörungstheorien: Viele Vermutungen lassen sich mit den bescheidenen Mitteln des Hausverstandes glaubhaft ins Thema projizieren, und das Gegenteil lässt sich nur schwer beweisen. Doch die Gedankenarbeit scheint nun zunehmend in eine andere Richtung zu gehen. Es gilt zu beweisen, dass Text und Daten die wesentlich adäquateren Mittel als Telefongespräche sind.

„Bitte senden Sie eine E-Mail“

Der britische „Observer” nahm sich des Themas in einem Kommentar an und kam zum Ergebnis, dass Anrufe unangenehm, störend und sogar unhöflich seien. Nichts sei unnatürlicher als Menschen unangekündigt per Telefon zu belästigen, lautet der Grundtenor. Und warum jemanden anrufen, um in einem unpräzisen Wortschwall den Sachverhalt zu schildern, wenn es mit einem prägnanten Text oder der Übermittlung von Bild- und Videodaten, umso effizienter getan ist?

Smartphone zeigt die App "WhatsApp"

ORF.at/Lukas Krummholz

Und so telefoniert - beziehungsweise textet - man heute

Bei geschäftlichen Anrufen wäre zur Jahrtausendwende wohl kaum wer auf die Idee gekommen, Anrufer abzuwimmeln, indem man ihn zum Senden einer E-Mail bezüglich des Sachverhaltes auffordert. Denn was als unhöflich gilt, bestimmten immer schon die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. So galt es über Jahrzehnte als ausgesprochene Unart, in Zeiten des linearen TV-Konsums Anrufe während der großen Nachrichtensendungen vor dem Hauptabendprogramm abzusetzen.

Wissen tut es nur die NSA

Die vielen Diskussionen zum Thema laufen nicht zuletzt auf einen klassischen Generationenkonflikt hinaus, ohne dass die wesentlichen Fragen zur veränderten Kommunikation überhaupt angeschnitten werden. In der Beobachtung mag es für viele befremdlich wirken, wenn die Finger die Lippen ersetzen. Objektivieren lassen sich Qualitätsmerkmale der Kommunikation nicht.

Jeff Jarvis vom „Observer” spricht vom Trugschluss, dass ja nicht mit dem Smartphone kommuniziert werde, sondern mit der Person, die das andere Smartphone in Händen hält. Und so lange man nicht die NSA sei, sei es anmaßend, über Substanz und Wert der Konversationen zu urteilen.

Rückgang der Gesprächsminuten auch hierzulande

Seinen Höhepunkt erreichte die mobile Sprachtelefonie in Österreich im ersten Quartal 2012. Laut den Zahlen der Rundfunk- und Telekom-Regulierungs-GmbH (RTR) beliefen sich damals die Gesprächsminuten auf knapp 5,8 Milliarden - in einem Zeitraum von drei Monaten. Die Zahl stellt die Summe der Gespräche aller österreichischen Mobilfunkanbieter dar.

In den Jahren danach ging es mit den Gesprächszeiten kontinuierlich bergab. Mit 5,3 Milliarden Minuten im zweiten Quartal des heurigen Jahres befinden sich die Mobilfunker wieder auf dem Niveau von Mitte 2010. Doch die Handynutzer wurden auch SMS-müde - und das in weitaus größerem Umfang als bei den Gesprächszeiten.

Im zweiten Quartal 2012 wurden noch etwas über zwei Milliarden SMS verschickt. Die jüngste Zahl unterschreitet mit knapp 950 Millionen nun sogar die Milliardenmarke. Die klassischen Grundfunktionen von Mobiltelefonen sind bei den Nutzern immer weniger gefragt.

Vervielfachung der Datenmenge

Dafür explodierte das Datenvolumen. Im selben Zeitraum vervielfachte sich die Menge an Daten von 16 Milliarden auf aktuell 68 Milliarden Megabyte im Quartal. Die längst weit verbreitete Wahrnehmung, dass die Handynutzer öfter den Finger am Display haben als das Gerät am Ohr, scheint sich damit zu bestätigen.

Altes Telefon mit Wählscheibe

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Wer in den 70er oder 80er Jahren aufgewachsen ist, kennt es noch: das Festnetztelefon mit Wählscheibe

Eine vom „Guardian” veröffentlichte Studie zum Smartphone-Verhalten der Briten brachte das Ergebnis, dass jeder vierte Smartphone-Nutzer nicht einmal wöchentlich einen Anruf absetzt. Das liege vor allem daran, dass immer mehr Prozesse abgewickelt werden können, ohne sprechen zu müssen, zitiert der „Guardian” einen britischen Deloitte-Fachmann. Es werde zunehmend leichter, der direkten Konversation zu entgehen. Glücklich ist, wer nicht sprechen muss.

Johannes Luxner, ORF.at

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