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Widerstand gegen Schließungen

Seit mehreren Wochen sorgen die angekündigten Pläne zum Spitalskonzept 2030 in Wien für Aufregung. Immer wieder war von Schließungen von Abteilungen und Zusammenlegungen die Rede. Mitte Jänner wurde das Konzept präsentiert: Statt zwölf Standorten soll es in Zukunft nur noch sechs Gemeindekrankenhäuser und das AKH geben. Jedes einzelne Spital bekommt konkrete Schwerpunkte zugewiesen.

Bürgermeister Michael Häupl stellte gemeinsam mit Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (beide SPÖ) und Udo Janßen, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), die geplanten Umwälzungen für Wien vor. Es sollen nicht mehr alle Spitäler das gesamte Programm anbieten, sondern sich spezialisieren.

Neben dem AKH als Universitätsklinik wird es - aufgeteilt auf die Region West mit dem Wilhelminenspital und dem Krankenhaus Hietzing, die Region Nord/Ost mit dem Donauspital und dem noch zu bauenden Krankenhaus Nord sowie der Region Süd mit dem Kaiser-Franz-Josef-Spital und der Krankenanstalt Rudolfstiftung - jeweils zwei Partnerkrankenhäuser geben, die einander beim medizinischen Angebot ergänzen. Die Umsetzung erfolgt in mehreren Etappen. Die ersten Projekte zu den zentralen Notaufnahmen und den Neuerungen etwa bei Fachbereichen wie Urologie und HNO wurden bereits begonnen. Spätestens 2030 soll der nun entwickelte Plan umgesetzt sein.

Grundversorgung für alle als Ziel

Es werde in allen Krankenhäusern eine medizinische Grundversorgung mit einer zentralen Notaufnahme geben, entgegneten Wehsely und Janßen schon im Vorfeld geäußerter Kritik, dass manche Gegenden in Wien nicht ausreichend versorgt sein könnten. Immer wieder hatte es Kritik gegeben, dass auf die Patienten zu große Distanzen zukommen könnten. Für Notfälle ist jedes Spital weiterhin zuständig, für Spezialisten muss man weiter fahren. Die größten Veränderungen stehen der Rudolfstiftung im dritten Bezirk ins Haus. Dort soll ein Augen- und Dermatologiezentrum entstehen.

In den anderen Spitälern sollen nur noch Konsiliarärzte fachliche Auskunft etwa in Fragen der Augenheilkunde geben können. Die Rudolfstiftung soll auch die augenmedizinische Versorgung in den anderen Spitälern organisieren. „Bei einem akuten Augenproblem können Patienten auch weiterhin etwa ins Wilhelminenspital gehen“, so Janßen. Spezialfragen würden dann aber im AKH oder in der Rudolfstiftung geklärt. Bis 2021 soll dort das Augenzentrum eröffnet werden - inklusive aller baulichen Änderungen. Dabei wurde die Rudolfstiftung erst kürzlich um rund 80 Millionen Euro ausgebaut.

Widerstand gegen Schließungen

In dem erarbeiteten Masterplan ist kein Platz mehr für die HNO-Abteilung, die Onkologie und die Urologie in der Rudolfstiftung. Auch das Krankenhaus Hietzing schließt dem neuen Konzept zufolge seine Urologie. Gerüchte dazu hatte es schon länger gegeben. Seit einigen Wochen gab es bereits eine Leitung der Urologieabteilungen in Hietzing und im Wilhelminenspital in Personalunion.

Einige betroffene Ärzte wehrten sich schon im Vorfeld gegen die geplanten Schließungen und Verschiebungen. In einem offenen Brief an Häupl kritisierten etwa Mediziner im Donauspital, dass die geplante Verlagerung der Abteilungen zu „erheblichen Risiken bezüglich der Patientensicherheit und einer Verschlechterung der Gesundheitsvorsorge unserer Bürger“ führen werde, berichtete der „Standard“. Für das Krankenhaus Nord, das als zusätzliches Versorgungsspital für die beiden schnell wachsenden Bezirke nördlich der Donau, Donaustadt und Floridsdorf, gedacht war, bedeutet es auch, dass es etwa keine eigene Augenheilkunde haben wird, sondern nur einzelne Fachärzte, die zugezogen werden können.

Abseits der Grundversorgung für alle mit Innerer Medizin, Allgemeinchirurgie und Neurologie und den Spezialisierungen steht aber die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg im Mittelpunkt des Konzepts. Wehsely: „Die interdisziplinäre Kooperation der Fächer und die Konzentration von Leistungen sind wichtige Voraussetzungen für eine qualitative Behandlung.“ Entsprechend soll etwa in jeder Region ein onkologisches Zentrum eingerichtet werden, das fächerübergreifend von Laboruntersuchungen bis Operationen alles anbieten soll.

Trend zur Spezialisierung

Der Trend zur Spezialisierung und weg von Vollspitälern mit allen Fachabteilungen sei international, bestätigte Gesundheitsexperte Georg Ziniel, Geschäftsführer von Gesundheit Österreich, im Ö1-Morgenjournal: „Ich würde niemandem mit einer Schilddrüsenkrebserkrankung empfehlen, in ein Krankenhaus zu gehen, wo der Eingriff zwei- bis dreimal pro Jahr durchgeführt wird. Das ist aber derzeit der Fall. Eine Bündelung von Fallzahlen ist gleichzustellen mit einer höheren Qualität.“

Ähnlich argumentierte auch der Vorsitzende der ARGE Patientenanwälte, Gerald Bachinger, gegenüber ORF.at. Nicht jedes Gemeindekrankenhaus müsse jede Operation durchführen: „Es braucht mehr Kompetenzzentren. Als Konsequenz bedeutet das für die Patienten zwar längere Wege. Allerdings bedeutet hier Quantität auch Qualität - je mehr OPs, desto weniger Komplikationen.“

Kein Stellenabbau

Diese Tendenz zur Spezialisierung gibt es in ganz Österreich. So mancher Kritiker sieht bei den Konzentrationsprozessen und Spezialisierungen aber auch weiteren Sparmaßnahmen Tür und Tor geöffnet. Einem kurzfristigen Stellenabbau erteilte Janßen indirekt allerdings eine Absage: „Aufgrund der Leistungsdichte gehe ich davon aus, dass wir jeden Mitarbeiter von heute brauchen.“ Personalaufstockungen in großem Maß sind allerdings auch nicht zu erwarten. Auch einer Einsparung von Betten erteilte Janßen eine Absage.

Der KAV hofft allerdings, durch die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur und Geräten in den Zentren Mittel für Investitionen gemeinsam zu nutzen und besser bündeln zu können. Bei den Eckpunkten der Spitalsreform 2030 ist auch nach wie vor zu lesen, dass das „Spital der Zukunft“ „größeres Augenmerk auf die Erstversorgung“ legt und „weniger stationäre Betten“ hat - aber "dafür mehr intermediate Care- und Intensivbetten.

Ambulant statt stationär

Ein klares Bekenntnis gab Wehsely zu dem geplanten Ausbau der Primärversorgungszentren im niedergelassenen Bereich ab. Diese könnten die Ambulanzen entlassen. „Der niedergelassene Bereich muss im Rahmen der Umsetzung des Spitalskonzepts 2030 jedenfalls leistungsstärker werden“, so Wehsely. Denn die - politisch erwünschte - Tendenz zielt dahingehend ab, mehr Patienten ambulant zu versorgen und weniger stationär im Krankenhaus aufzunehmen. Das will Janßen auch mit zusätzlichen Ambulatorien erreichen. Unklar ist aber noch, wer diese betreiben soll.

Wenn die Verteilung der Personalressourcen in den Spitalsambulanzen so bleibe wie derzeit, werde es dadurch auf jeden Fall zu einer Überlastung der Ambulanzen kommen, sagte Ziniel. Bedingung sei daher die „substanzielle und strukturelle Verlagerung von Menschen, die im Krankenhaus arbeiten müssen - weil dort die Patienten derzeit hinkommen -, in tagesklinische Stationen und den niedergelassenen Bereich“.

Kritik vonseiten der Opposition

Kritik kam von der Opposition: So sei etwa mit der Umsiedelung der Augenabteilung aus dem Donauspital in die Rudolfstiftung eine „Unterversorgung“ des 21. und 22. Bezirkes vorprogrammiert, sagte FPÖ-Stadtrat David Lasar. Es sei „völlig unverantwortlich“, Patienten quer durch Wien zu schicken, kritisierte er. „Das gesamte Spitalskonzept 2030 bedroht die Gesundheitsversorgung der Wiener Bevölkerung, anstatt es zu verbessern.“ Lange Wartezeiten und die Problematik des fehlenden Personals würden dadurch nicht verbessert. Auch der niedergelassene Bereich würde nicht einbezogen.

„Wir bleiben skeptisch, was die Umsetzung des Masterplans und die Auswirkungen auf das medizinische System betrifft“, stellte auch die Gesundheitssprecherin der ÖVP Wien, Ingrid Korosec, klar. Die „längst fällige“ Bündelung der Ressourcen sei zwar zu begrüßen, die mangelnde Kommunikation mit den Mitarbeitern oder auch den betroffenen Bezirken sei jedoch zu hinterfragen. Ein „heikles Nadelöhr“ würden wohl die zentralen Notaufnahmen darstellen, fürchtet sie.

Grüne zeigen sich zuversichtlich

Nach Ansicht von NEOS stellt das Konzept lediglich den Versuch dar, vom kurz bevorstehenden Zusammenbruch des Systems abzulenken. „Mit Worthülsen, wie es Häupl und Wehsely nun versucht haben, ist die Wiener Gesundheitsversorgung nicht mehr zu retten“, beklagte Stefan Gara, NEOS-Gesundheitssprecher. Auch er urgierte die Berücksichtigung des niedergelassenen Bereichs. Die Reformpläne seien „nicht zu Ende gedacht“.

Der Koalitionspartner der Wiener SPÖ, die Grünen, zeigten sich hingegen Zuversicht: „Das Spitalskonzept 2030 stellt sich der Herausforderung, Spitäler des KAV in Wien zukunftstauglich zu machen“, so Gesundheitssprecherin Birgit Meinhard-Schiebel: „Wien ist mit der Schaffung von hochmodernen und mit speziellen Schwerpunkten ausgestatteten Häusern auf dem Weg, beste Krankenbehandlung für alle anzubieten.“

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