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„Bewegen uns in die falsche Richtung“

Weil zum zweiten Mal in Folge keine Schwarzen für die Oscars nominiert sind, hat unter anderen der afroamerikanische Filmemacher Spike Lee zum Boykott der Verleihung aufgerufen. In die Debatte über den Vorwurf des dem Preissystem innewohnenden Rassismus hat sich auch Hollywood-Star George Clooney eingeschaltet.

Die Filmindustrie habe sich in den vergangenen zehn Jahren rückwärts bewegt, bedauerte der 54-Jährige in einem Interview mit dem Branchenblatt „Variety“. Vor etwa zehn Jahren habe die zuständige Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) bei der Nominierung von Afroamerikanern für die Oscars einen „besseren Job“ gemacht als heute, sagte Clooney.

Wenige Rollen für Minderheiten

„Um 2004 gab es in der Tat schwarze Nominierte wie Don Cheadle und Morgan Freeman. Und ganz plötzlich fühlt es sich an, als bewegten wir uns in die falsche Richtung“, so Clooney. Nach seiner Einschätzung liege das Problem nicht allein bei den für die Auswahl zuständigen 6.000 Mitgliedern der Academy, obwohl viele von ihnen weiße Männer im fortgeschrittenen Alter sind.

Eigentliches Problem sei vielmehr, dass nur wenige Filmproduzenten wichtige Rollen an Minderheiten vergäben: „Wie viele Optionen gibt es für Minderheiten im Kino? Besonders in Qualitätsfilmen?“, fragte Clooney, der zu den politisch engagiertesten Schauspielern Hollywoods zählt. Es sei wahr, dass Afroamerikaner in Hollywoods Filmindustrie unterrepräsentiert seien, sagte er und fügte hinzu: „Für Latinos ist es noch schlimmer. Wir müssen da besser werden. Wir waren da schon einmal besser.“

Auch Probleme abseits der Rassismusdebatte

Clooney sieht Hollywood abseits der Rassismusdebatte allgemein mit Problemen konfrontiert: „Ich finde es erstaunlich, dass in den 1930er Jahren in unserer Industrie die meisten Hauptrollen mit Frauen besetzt waren. Und jetzt haben Frauen über 40 große Schwierigkeiten, Hauptrollen in einem Film zu bekommen.“

Michael Moore

APA/AP/Invision/Evan Agostini

Auch der linke Filmemacher Micheal Moore will der Verleihung fernbleiben

Bereits kurz nachdem die Oscar-Academy die Nominierungen bekanntgegeben hatte, startete in Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag „#OscarsSoWhite“ die Kritik am Fehlen schwarzer Oscar-Anwärter. Moderiert wird die Preisverleihung am 28. Februar vom schwarzen Komiker Chris Rock, der sich mit Kritik an der fehlenden Diversität ebenfalls nicht zurückhielt. Auf Twitter bezeichnete er die Oscars als „weiße Version der BET Awards“ - jener Preise, die alljährlich dezidiert an afroamerikanische Künstler vergeben werden. Dem Boykott der Veranstaltung schloss sich Rock aber nicht an.

„Der Fisch stinkt vom Kopf“

Der linke Dokumentarfilmer Michael Moore will sich hingegen definitiv dem Boykott anschließen, wie er dem Branchenblatt „The Wrap“ verriet: „Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht und ich habe nicht vor, zur Show zu gehen, ich habe nicht vor, sie mir anzusehen, und ich habe nicht vor, zur Oscar-Party zu gehen.“ Moore weiter: „Und ich sage das als stolzes Mitglied der Academy, als jemand, der noch immer in der Geschäftsführung sitzt.“

Auch Moore sieht das Hauptproblem weniger in der Academy selbst: „Der Fisch stinkt vom Kopf. Und der Kopf befindet sich in der Industrie.“ Diese und mit ihr das Studiosystem sei schon immer von weißen Männern dominiert gewesen - das Problem müsse daher dort gelöst werden.

„Wir können das nicht unterstützen“

Eröffnet wurden die Boykottaufrufe von Spike Lee: „Wir können das nicht unterstützen“, schrieb der afroamerikanische Filmemacher auf Instagram. „Es ist einfacher für einen Schwarzen, US-Präsident zu werden, als ein Studio zu führen“, schlussfolgerte Lee, der erst im November von der Academy für sein Lebenswerk geehrt worden war. Unterstützung erhielt Lee von Jada Pinkett-Smith.

Ihrem Ehemann, Hollywood-Star Will Smith, waren Chancen auf eine Nominierung für seine Rolle im Footballdrama „Erschütternde Wahrheit“ („Concussion“) gegeben worden. Er ging aber ebenso leer aus wie seine schwarzen Kollegen Michael B. Jordan („Creed: Rocky’s Legacy“), Idris Elba („Beasts of No Nation“) sowie das Ensemble des Hip-Hop-Hits „Straight Outta Compton“.

„Würde und Macht verringert“

„Das Betteln um Anerkennung oder sogar das Fragen danach verringert Würde und verringert Macht, und wir sind würdevolle Menschen und mächtig“, sagte Pinkett-Smith in einem auf Facebook veröffentlichten Video. „Ich werde nicht bei der Oscar-Verleihung sein und ich werde sie mir nicht anschauen.“

Auch Will Smith tut es seiner Ehefrau gleich und wird der Oscar-Verleihung am 28. Februar fernbleiben. „Wir sind Teil dieser Community. Es wäre uns einfach unangenehm, dort aufzutauchen und so zu tun, als wäre das okay“, sagte Smith in der TV-Show Good Morning America.

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